VOM UMGANG MIT ETHISCHEN GRENZEN

In dem hochkarätig besetzten interdisziplinären Studientag am 10. September 2016 zur Rolle von Tabus in einer pluralistischen Gesellschaft ging es um ethische Fragen von Essen, Sexualität und Sprache - und um die Rolle der Religion.

Dr. Thomas Petersen (Institut für Demoskopie, Allensbach) führte empirisch in den tiefgreifenden gesellschaftlichen Normenwandel ein. Dabei zeigte sich, dass die Wirklichkeit der gefühlten und tatsächlichen Tabus z.T. weit auseinanderliegen, was u.a. zur Selbst-Stilisierung mancher kultureller „Tabubrecher“ beiträgt. Dies wird noch durch die Ausbildung vielfältiger kommunikativ abgeschlossener „Weltanschauungs-Bubbles“ durch die Digitalisierung verstärkt und der Schwächung von Institutionen gemeinschaftlicher kultureller Wertevermittlung.

Prof. Torsten Dr. Meireis (Humboldt-Universität Berlin) führte in seinem Vortrag „Tabulos moralisch“ verständlich und kompetent in die Fragen evangelischer Sexualethik ein. Dabei setzte er sich mit der Begriffsgeschichte des Tabus auseinander und plädierte er biblisch wie ethisch begründet für eine Tabulosigkeit: „Wo Tabu war, muss Moral werden“. Zugleich sprach er sich für eine Ethik aus, die nicht nur nach dem Richtigen fragt, sondern ergänzend auch dem Guten, d.h. nach dem, was der/die einzelne will.

Anstelle der kurzfristig verhinderten Prof. Dr. Janich (TU Darmstadt) hielt Akademiedirektor Dr. Thorsten Latzel einen Vortrag zum Verhältnis von Tabus und Sprache. Das Thema hat eine besondere aktuelle Relevanz etwa im Blick auf Unwörter der politischen Kultur, die sprachliche Verrohung im Zuge des politischen Populismus bzw. Internet-Foren (hate-speech) und den Streit um political correctness in einer multikulturellen Gesellschaft. Tabus wurde dabei (abhängig von der jeweiligen Definition) ein relativer Wert im Sinne eines vorreflexiven intuitiven moralischen Empfindens zuerkannt.

Prof. Dr. Lemke (Interdisziplinäres Zentrum für Gastrosophie Salzburg) sprach sich schließlich in seinem gastrosophischen Beitrag für eine neue Tabuisierung angesichts des unbegrenzten Essensverhaltens in der Gegenwart und der damit einhergehenden sozialen wie individuellen Konsequenzen aus. Kontrovers wurde dabei diskutiert, inwiefern sich nicht gerade in der Problematisierung des Essens aus verschiedenen Perspektiven (z.B. gesundheits- bzw. diät-orientiert, ethisch, interreligiös) eine moralische Aufladung vollzieht, die den gemeinsamen Akt des Essens immer weiter problematisiert (z.B. in Kindertagesstätten). Dabei stellt sich gerade hier das Problem des Umgangs mit eigenen und fremden Tabus. Eine reformatorische, biblisch-theologische Sicht kann dazu förderliche und differenzierte Denkanstöße bieten, indem sie die grundlegende Freiheit des Menschen betont (Tit 1,5: dem Reinen ist alles rein; 1. Kor 6,12: alles ist mir erlaubt), und zugleich den sorgsamen und rücksichtsvollen Umgang mit dem eigenen wie fremden Gewissensurteil einschärft (vgl. etwa die Diskussion um das Götzenopferfleich 1. Kor 8-10).

Rund 70 Teilnehmende beteiligten sich intensiv an den Diskussionen im Dominikanerkloster. Gerade von einer muslimischen Studentin wurde dabei der offene Diskurs-Charakter der Tagung positiv betont.

Evangelische Akademie Frankfurt
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