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THEOLOGISCHE IMPULSE

Nächte aschenen Schweigens oder:
Dem Anderen im Leid ein Freund sein


Theologische Impulse 7, von Dr. Thorsten Latzel

Welche Person können Sie eigentlich in der Bibel am wenigsten leiden?

Den Brudermörder Kain? - Den grausamen König Herodes? - Den Verräter Judas?

Die drei gehören sicher zu den unbeliebtesten Gestalten in der Bibel. Was verständlich ist, aber auch irgendwie schade. Handelt es sich doch bei ihnen durchweg um hoch interessante Charaktere. Erzähltheoretisch würde man von Trickster-Figuren sprechen: Figuren, die irgendwie zwischen Gut und Böse changieren. Personen, zwischen übermenschlicher Macht und untermenschlichem Trieb. Die etwas Anderes sind, als sie zu sein vorgeben. Und die gerade so eine zentrale Rolle für den Verlauf der Geschichte spielen. Wie hätte etwa die Passion und Ostern funktionieren sollen, wenn Judas nicht gewesen wäre? Walther Jens hat das in seinem Buch „Der Fall Judas“ schön beschrieben.

Auch Paulus schneidet ja bei vielen Religiösen wie Nicht-Religiösen nicht sonderlich gut ab. Zu fundamental, freudlos, frauenfeindlich. Blöd nur, dass das halbe Neue Testament von ihm stammt.

Doch wie steht es eigentlich mit den internationalen Freunden Hiobs?
Elifas von Taman, Bildad von Schuach, Zofar von Naama. Auch sie hätten - würde man ein Beliebtheits-Ranking bei den biblischen Gestalten machen - einen kanonischen Kellerplatz sicher. Von dem nervigen verspäteten Jüngling Elihu ganz zu schweigen. Sie stehen gleichsam als Inbegriff für abstrakte Theologen. Für dogmatische Weisheitslehrer, die in der schrecklichen Richtigkeit ihrer Lehre am Leid des Einzeln vorbeigehen. Für Freunde, die dann, wenn man sie selber braucht, nur kluge Ratschläge haben. Und die sich darin nicht nur an ihrem Mitmenschen, sondern auch an Gott schuldig machen. Weil sie tragischer Weise gerade im Versuch, richtig von Gott zu sprechen, Gott selbst widersprechen. Am Ende des Hiob-Buches werden die Freunde denn auch von Gott höchstpersönlich kritisiert - und auf die Fürbitte Hiobs verwiesen, die sie eben nicht für ihn geleistet haben.

Vom Gekreuzigten und der Krux mit den Kreuzen
Wider die Logofizierung eines Symbols

 

Theologische Impulse 6, von Dr. Thorsten Latzel

Als Markus Söder im April letzten Jahres dekretierte, dass in allen bayrischen Staatsbehörden Kreuze zu hängen haben, war die Empörung in den Kirchen groß. Zurecht. „In diesem Zeichen wirst Du im Wahlkampf siegen.“ Hier hatte einer offensichtlich die Lehren aus der Geschichte nicht richtig verstanden. Das Kreuz taugt weder als hegemoniales Machtsymbol. Noch lässt es sich zu einem bloßen christlich-abendländischen Kulturmarker ohne religiösen Gehalt machen.

Die tieferliegende Frage freilich ist, wie wir in den Kirchen mit dem Kreuz umgehen. Etwa, wenn man sich einmal die Auftritte der zwanzig evangelischen Landeskirchen ansieht: Gepinselt, gepunktet, rechteckig, winklig, facettenförmig, verschoben, gebrochen, vielfarbig, eindimensional, eindeutig. Das Kreuz ist unter die Graphiker und Öffentlichkeitsarbeiter gefallen. Nähme man die zigtausenden kirchlichen bzw. diakonischen Einrichtungen, Vereine, Verbände, Werke und Gemeinden dazu, die Pupille würde einem platzen. Wir haben das Symbol zum Logo gemacht. „In diesem Zeichen werdet ihr kommunikativ siegen.“ Was für ein Unsinn. Nun mag es ein berechtigtes Interesse von Institutionen geben an Sichtbarkeit und Wiedererkennbarkeit. Doch das Kreuz taugt sicher nicht dazu. Als Symbol ist das Kreuz anstößig, paradox, mehrdeutig. Es ist uneigentlich, nicht funktionalisierbar, transparent für etwas Anderes. Es wirft Sinnebenen zusammen (so griech. symballein), hat Begegnungscharakter und theologisch-ästhetischen Mehrwert. Das alles bietet das Logo aber gerade nicht.

Genauso wenig taugt das Kreuz aber auch als hierarchisches Statussymbol, etwa als Bischofskreuz für das Bischofsamt, sei es nun in massivem Silber oder Gold. Die Schwere dieses Amtes bemisst sich doch nicht in Karat. Wie eine himmlische Bürgermeisterkette. Klerikalisierungen stehen der evangelischen Kirche generell schlecht zu Gesicht. Und mir fällt, ehrlich gesagt, nichts ein, worin derart gestaltete Kreuze die Verkündigung des Gekreuzigten irgendwie befördern könnten, aber durchaus einiges, worin sie das nicht tun.

Von Nachtdämonen und der Kunst zu schlafen


Theologische Impulse 5, von Dr. Thorsten Latzel

Unter tausend Kissen keine Ruh

Kann nicht schlafen / Trotz langer Listen von blöd-braven Schafen
Wälze bis zum Verrecken / Sorgen, Kissen, Fragen, Decken
In Kopf-Labyrinthen ohne Ecken / Zweifel-Zecken in Hader-Hecken
Will in die Federn / Lande auf Rädern
Und unter tausend Kissen keine Ruh.

Bis der Morgen graut / Ewig auf die Uhr geschaut
Doch irgendwie, -wann, -wo weg / Träum wild, wirr, wüsten Dreck
Renn auf Treppen ohne Ende / Stürz in Tiefen, gegen Wände
Komm nicht von der Stelle / Und doch in die Hölle
Am Ende des Gangs ein langer Strick / Kaltes Grinsen, eisiger Blick.
Und unter tausend Kissen keine Ruh.

Schlepp mich schlapp / Fahrig, tranig, madig
Durch Runden unverbundener Stunden / Verspannter Blick, verkrampftes Genick
Unverhohlen unerholt /Zerzauster Schopf, dröhnender Kopf
Müdes Gähnen / Erschöpftes Sehnen
Und unter tausend Kissen keine Ruh.

Jeder vierte bis jeder dritte Deutsche leidet unter Schlafstörungen. Die Studien schwanken je nach Definition und Befragungsansatz. Die Symptome der Schlafstörung (Insomnie) sind vielfältig: Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Einschlafprobleme, Nachtangst, Alpträume, Durchschlafprobleme (besonders beliebt bei Männern gehobenen Alters), dauerhaft nicht erholsamer Schlaf, Beine, die nicht zur Ruhe kommen (restless legs), Schlaf-wandeln, Schlafsucht, wirkliche Schlaflosigkeit, Schlaf-Apnoe. Mit Folgen für Herz-Kreislauf, Bluthochdruck, Leistungsabfall, Übergewicht, Depressionen, psychischen Störungen. Es ist eine Last mit der Rast - gerade in einer dauer-mobilen Gesellschaft.

Ein krasses Gegenbild dazu ist die Geschichte von der Sturmstillung (Markus 4, 35-41). Da liegt Jesus im Boot und schläft. Mitten im Ungewitter. Während die Jünger rudern, rackern, kämpfen - ohne Rast, ohne Ruhe und ohne Erfolg -, liegt Jesus nur da und schläft.

Von blinder Wut, heiligem Zorn und politischer Empörung
Zum Umgang mit Emotionen in Politik und Religion


Theologische Impulse 4, von Dr. Thorsten Latzel

Fast täglich sehen wir sie in den Nachrichten: Menschen, die vor Wut geifern, brüllen, randalieren. „Merkel muss weg!“ Man spricht von Wut-Bürgern oder Angst-Gesellschaft, früher oft als „furor teutonicus“ bzw. „German Angst“ beschrieben. Dabei ist beides längst keine deutsche Spezialität. Ob gewalttätige Gelbwesten in Frankreich, verbitterte Trump-Fanatiker in den USA oder Pegida-Demonstranten in Deutschland: Wut ist international an der Tagesordnung.

Doch was unterscheidet „blinde Wut“ eigentlich von der notwendigen politischen Empörung, wie sie etwa der Résistance-Kämpfer und Diplomat Stéphane Hessel forderte (Empört Euch!, 2010)? Wie soll man politisch mit Wut oder Empörung umgehen? Und was können Religion und Glauben dazu beitragen – die ihren eigenen „(un-)heiligen Zorn“ kennen? Etwa wenn der eifernde Jesus die Händler aus dem Tempel treibt (Joh 2,13ff.), Saulus gegen die Anhänger des neuen Weges wütet (Apg 9,1) oder der rasende König Saul wahlweise David oder seinen eigenen Sohn Jonathan mit dem Speer zu durchbohren sucht (1 Sam 18-20)? Es ist an der Zeit, über unseren Umgang mit starken Gefühlen in Politik wie in Religion neu nachzudenken.

Emotionen gelten unter gebildeten Erwachsenen vielfach als suspekt. Zumindest wenn es um Wut, Zorn und Ärger geht: Sie sind blind, zufällig, unbeherrscht. Eine Sache von Cholerikern, Chaoten und kleinen Kindern. Oder von schlechten Verlierern, die ihren Tennisschläger zertrümmern. Anders dagegen die Emotionsforschung: Sie betont die Bedeutung von Gefühlen, weil sie ein fester Bestandteil unseres menschlichen Wesens sind, uns als Ganzes betreffen (einschließlich des Körpers) und tiefer reichen als viele unserer rationalen Ideen, Werte oder Moralvorstellungen. Entsprechend hat auch die Praktische Theologie in einer ihrer zahlreichen „turns“, diesmal dem „emotional turn“, die theologische Bedeutung von Scham, Ärger und Wut neu entdeckt.

"Versteh Gott nicht so schnell!"
Wenn Gläubige und Atheisten streiten


Theologische Impulse 3, von Dr. Thorsten Latzel

Wenn Gläubige und Atheisten streiten, dann frage ich mich oft, auf wessen Seite dabei eigentlich Gott stehen mag. Ich spreche hier nicht von solchen Gesprächen, wo man den Eindruck hat: „Heute boxt Unverstand mit Dummheit“. Nein, der Fund eines antiken morschen Brettes am Berge Ararat ist noch kein Beleg dafür, dass die Bibel doch recht hat. Und umgekehrt taugen Dinosaurier ebenso wenig für die Widerlegung des Glaubens an Gott. Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie lassen sich sehr gut miteinander verbinden. Und das Verhältnis von historischen und erzählerischen Wahrheiten in den alten Glaubensgeschichten (wie z.B. bei der Sintflut) ist etwas komplexer. Solche Gespräche sind schlicht schief, weil man auf beiden Seiten rein gedanklich weiter sein könnte und die eigentlichen „crucial points“ gar nicht erreicht.

Es geht mir vielmehr um die tiefergehenden, gehaltvollen Gespräche zwischen Gläubigen und Atheisten. Um solche Gespräche, bei denen sich beide darauf einlassen, von dem zu reden, was sie selbst unbedingt angeht, was sie persönlich betrifft, was Halt und Hoffnung für sie ist. Für ihr Leben und ihr Sterben. Auch hier scheinen mir die „Fronten“ nicht so klar zu sein, wie es oft erscheint. Die Gefahr bei „uns Gläubigen“ ist, dass wir Gott allzu oft, allzu schnell und allzu gut verstehen. Gleichsam besser als Gott sich selbst. Jesus Christus selbst stirbt am Kreuz, dem Symbol christlichen Glaubens, mit dem Schrei der Gottverlassenheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Markus 16,34; Matthäus 27,46). Das sollte uns vor einer „vor-frommen“ Vereinnahmung Gottes wider dessen Willen bewahren.

Ein Theater-Intendant fragte neulich bei einem öffentlichen Gespräch kritisch an, wo eigentlich die Ambivalenzen in den christlichen Gottesdienst blieben. Ob die Spannungen nicht (anders als im Theater) immer schon aufgelöst, harmonisiert wären. Wir sind eben alle immer schon irgendwie angenommen. Wir rücken Gott allzu nahe. Verduzen uns mit dem Unbegreiflichen. Und werden weder Gott noch uns noch die Welt in ihrer tiefen Paradoxalität, ihrer Widersprüchlichkeit gerecht.

Das Problem von Weihnachten und die Piefigkeit meiner Neujahrsvorsätze oder:
was es mit Epiphanias auf sich hat


Theologische Impulse 2, von Dr. Thorsten Latzel

Mit Weihnachten habe ich, ehrlich gesagt, ein Problem. Mir geht das Ganze viel zu schnell. Zu glatt. Zu einfach. Auf einmal soll alles gut sein. Ist es aber nicht. Die Engel singen, Christus ist geboren. Danach geht’s um 19 Uhr zum Festessen und dann ist Bescherung. Und der Lauf der Welt bleibt, wie er war.

Natürlich besucht man seine Familie, Verwandten, Freunde. Was schön und wichtig ist.

Fährt vielleicht noch Ski. Auch schön und wichtig. Und dann steht schon Silvester an, mit den guten Vorsätzen fürs neue Jahr. Spätestens dann hat es sich aber auch mit dem Weihnachtswunder. Realitäts-Cut. Ab jetzt zählen Pfunde.

Und wie klein und piefig fallen dann in aller Regel meine Vorsätze für das neue Jahr aus - angesichts dessen, was wir an Weihnachten gerade gefeiert haben. Da feiern wir also, dass der Heiland der Welt in einem Stall geboren wird, dass Gott den Himmel auf den Kopf stellt, dass endlich Frieden werde auf der Erde. Und ich nehme mir vor: 5 oder 10 Kilogramm weniger Fett auf den Hüften. Mehr Sport machen und Lesen. Mehr Zeit für mich und die Familie. Auch das ist alles schön und wichtig. Aber zum Abnehmen, Bücherlesen und Entschleunigen hätte es die Sache mit dem Stall nun auch nicht wirklich gebraucht. Irgendwie bleibt da doch etwas auf der Strecke. Entweder nehme ich meinen eigenen Glauben nicht wirklich ernst. Oder mein Alltag und mein Glauben spielen in unterschiedlichen Sphären, passen beide vielleicht einfach nicht zusammen. Oder ich gebe mich einfach mit viel zu wenig zufrieden.

Nun gibt es im Kirchenjahr ein eigentümliches Fest, das ich lange nicht begriffen habe. Ein Fest, das aber genau mit dem zu tun hat: der geringen Halbwertszeit von Weihnachten und dem eigentlichen, rechten Maßstab meiner Neujahrsvorsätze. Epiphanias, das Fest der „Erscheinung“ des Herrn.

Für mich war das lange Zeit irgendwie so ein seltsamer Weihnachtsnachklapp. Ein verspäteter Heilig Abend für die orthodoxen Christen. Der 6. Januar mit den „Heiligen Drei Könige“ als katholische Sternsinger-Aktion und als Anlass für politische Partei-Inszenierungen. Als Protestant, noch dazu mit reformierter Herkunft, konnte ich damit ziemlich wenig anfangen.

Trotzdem!
Von der geistlichen Kraft zum Widerstand in einer verrückten Welt


Theologische Impulse 1, von Dr. Thorsten Latzel

Es sind drei Fragen, die mich zurzeit beschäftigen. Drei Fragen, die in besonderer Weise zusammenhängen:

  1. Was hilft uns als Gesellschaft, mit „Krisen“ umzugehen, den vermeintlichen wie den wirklichen?

  2. Was gibt mir (und anderen Menschen) die innere Kraft zu widerstehen?

  3. Was bedeutet es, im 21. Jahrhundert protestantisch an Gott zu glauben?

Zunächst zu den Krisen: „Krise“ gehört zu den Grundbegriffen des kollektiven Zeitgefühls wie der medialen Selbstbeschreibung am Anfang des 21. Jahrhunderts: Flüchtlinge, Banken, Euro(pa), Terror, Klima – die Liste ließe sich beliebig verlängern. Zur „Krisenbewältigung“ gehört dann jeweils ein festes Repertoire der Berichterstattung, das von einer übersensiblen, erlebnisorientierten Gesellschaft entsprechend aufgenommen wird. Beide zusammengenommen tragen zu dem unguten Hamlet’schen Gefühl bei, dass die Welt aus den Fugen, im eigentlichen Sinne „ver-rückt“ ist. Und dass es allein an mir (oder im kollektiven Narzissmus an uns) liegt, sie wieder einzurenken. Aus kritischen Situationen wird so erst die Krise, dann eine „Krisen-Kultur“, am Ende die unvermeidliche Katastrophe.

Nun kann man weder die genannten realen Herausforderungen einfach auf ein Wahrnehmungsproblem reduzieren. Noch lässt sich der schwarze Krisen-Peter einfach den Medien (oder der Politik oder „denen da oben“) zuschieben. Kritisch ist jedoch der „Krisen-Hype“, mit dem gegenwärtig auf schwierige Situationen reagiert wird. Zu seinen Kennzeichen gehört, dass eine aktuelle Herausforderung stets als Höhe-/Wendepunkt einer dramatischen Entwicklung begriffen wird. Damit geht emotional ein Bedrohungsgefühl einher, kognitiv ein Informationsdefizit, prozessual ein besonderer Handlungsdruck. Der Alltag ist unterbrochen, die Wahrnehmung kanalisiert (Tunnelblick), es herrscht Zeitdruck („fünf vor zwölf“). Das alles trägt aber gerade nicht zu einem klugen Krisenmanagement bei. Es wäre daher klug, kritischer mit dem Krisen-Begriff zu sein.