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Glauben denken

Theologische Impulse

Theologische Impulse, das sind kleine Beobachtungen über die großen Zusammenhänge, Protokolle aus dem Leben, überraschende Erkenntnisse, Gedichte und Gebete. In diesem Blog schreibt Akademiedirektor Thorsten Latzel, was ihn beschäftigt – im Alltag, in seiner Familie, in seiner Arbeit als Theologe.

"Zur Ruhe kommen".
Die politische Brisanz des Innehaltens


Theologische Impulse 36, von Dr. Thorsten Latzel

Vielleicht ist Ruhe in unseren Tagen ein anderes Wort für Gott geworden. Natürlich ist die Ruhe nicht selber Gott. Aber sie ist ein Sehnsuchts-Synonym, ein religiöser Platzhalter, eine geistliche Metapher: Wenn Menschen der Gottes-Begriff abhandengekommen ist, wenn Gott wie vieles andere irgendwie durch das Gitter des tagtäglichen Hamsterrades rutscht, wenn es „hinter tausend Stäben keine Welt“ (Rilke) mehr gibt, dann werden Ruhe, Stille, Auszeit zum Ort, an dem ich zumindest erfahren kann, was mir fehlt.

Ruhe: Nicht die erschöpfte Ermattungsmüdigkeit auf dem Sofa - als Unterbrechung des Alltagstrotts, bis der nächste Morgen graut. Nicht der funktionalisierte Powernap, durch den man sogar noch während seiner Schlafenszeit versucht, „sich selbst zu optimieren“, eine funktionalistische Fortsetzung meines „Langzeitprojektes Leben“ mit anderen Mitteln. Nicht die finale Friedhofsruhe als großes „Rien ne va plus“ am Ende meiner Tage. Sondern Ruhe als eine Tiefen-Zeit, eine Zeit äußerer und innerer Einkehr, eine Zeit des Loslassens, der Neuausrichtung, des Heraustretens. Ruhe als eine Zeit der Freiheit, um anders zu werden.

Zur Ruhe kommen: Das kann zum Inbegriff eines religiösen Prozesses werden. Der Begegnung mit Gott im Sinne eines Sabbats. Eine Gottesruhe. „Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung“ (Johann Baptist Metz). Wobei man eigentlich nicht zur Ruhe kommt, sondern die Ruhe kommt zu einem. Sie widerfährt einem, begegnet einem als Stille. Ruhe, Stille als Widerfahrnis, als Begegnung und zugleich als höchste Form der Präsenz. Ich tue nichts und bin gerade dadurch intensiv gegenwärtig. Bei mir, indem ich mich Gott öffne. Eine Fokussierung, eine Konzentration - gerade durch eine Begegnung außerhalb.

Von Gott selbst heißt es ja am Ende der Schöpfungsgeschichte, dass er ruhte: „So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“ (1. Mose 2, 1-3) ...

"Spiegelblicke in der Kastanienzeit."
Über schöne Vergänglichkeit


Theologische Impulse 35, von Dr. Thorsten Latzel

Kastanienzeit

In den letzten Wochen hatte Gott wieder Braun im Sonderangebot. Schön, glänzend, prall lagen sie auf den Wegen und Wiesen. Auch bei uns zu Hause im Viertel. Kastanien - kleine Edelsteine des Herbstes. „Da, Mensch, für Dich. Freu Dich daran.“ Zugleich wirken sie auf mich immer wie „Melancholie-Murmeln“ - vielleicht, weil ich im Herbst geboren bin. Sie erinnern mich an Vergangenes, meine eigene Kindheit: Stöcke in die Bäume werfen. Sammeln, bis die Taschen platzen. Kastanien-Tiere mit Streichhölzern basteln. Wie oft habe ich dieses Herbst-Schauspiel schon bewusst erlebt? 30-, 40-, 50- mal? Und wie oft werde ich es noch erleben?

„Unser Leben währet siebzig Jahre,
und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre,
und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe;
denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“ (Psalm 90,10)

Ein türkischer Freund hat mir einmal erzählt, dass er den Herbst in Deutschland besonders liebe, weil es so etwas in seiner früheren Heimat nicht gegeben habe. Einen langsamen Übergang zwischen Sommer und Winter. Eine Zeit „schöner Vergänglichkeit“. „Blues-Tage“ zum Spazierengehen, Kastanien-Sammeln, Tee-Trinken, Bücher-Lesen, Garten-Aufräumen, Musik-Hören, nochmal Tee-Trinken. Und zum Nachdenken. Um über die Welt, das Leben und mich selbst in Ruhe nachzudenken.

Drei Spiegelblicke

1. Morgens

Einer der ersten Blicke am Morgen geht in aller Regel zum Spiegel. Gefällt es mir, was ich da sehe? Die Haare werden weniger oder grau. Dafür wächst das Doppelkinn. Falten um die verschlafenen Augen. Ich sehe müde aus.

Oder geht es mir wie Narziss? Kann ich mich von der Schönheit meines Bildes kaum losreißen? „Also, wenn ich Du wäre, würde ich mich glatt in mich verlieben.“ ...

„Vielleicht.“
Über Zweifel, Freiheit und Möglichkeit

 

Theologische Impulse 34, von Dr. Thorsten Latzel

Der iranisch-amerikanische Psychologe Albert Mehrabian machte 1967 Studien zu nonverbaler Kommunikation und untersuchte dabei die Bedeutung von Inhalt, Stimme und Körpersprache für das Verständnis bestimmter Wörter. Als sogenannte „Kommunikationspyramide“ haben seine Ergebnisse – oft grob vereinfacht – Eingang in die Präsentationen von Beratern gefunden: „7 % Inhalt, 38 % Stimme, 55 % Körpersprache.“ Bezieht man diese Zahlenwerte auf jede Form von Kommunikation, ist das natürlich Nonsens. Man denke etwa an die Antwort auf die Aufgabe „Wie viel ist 17 + 9?“ im Mathematik-Unterricht. Aufschlussreich sind die Ergebnisse dagegen bei einem der von Mehrabian untersuchten Schlüsselwörter: „maybe“. Erhält man auf die obligatorische Frage nach dem ersten Date – „Sehen wir uns nächste Woche?“ – die Antwort „Vielleicht“, hängt wirklich viel – wenn nicht alles – von Stimme, Mimik, Haltung des Gegenübers ab.

„Vielleicht.“ Ein changierendes, kleines Wörtlein von herrlicher wie schrecklicher Unbestimmtheit. „Viel“ und „leicht“ – ein spannungsvoller Gegensatz in sich. Bei Befragungen mit verbalen Skalen rangiert sein Wahrscheinlichkeitswert irgendwo zwischen 40 und 60 %. In der Nähe von „eventuell“, „möglicherweise“, „unter Umständen“, „gegebenenfalls“. Es steht, je nachdem, für Zweifel – Unsicherheit – Möglichkeit – Freiheit.

Im November 2014 lief der letzte Tatort mit dem Berliner Kommissar Felix Stark (ja, der Kleine mit der großen Nase) mit dem Titel „Vielleicht“. In ihm sieht die norwegische Psychologie-Studentin Trude immer wieder Morde voraus, die dann tatsächlich geschehen. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Eine der Polizistinnen ist kurz davor, den Dienst zu quittieren: „Mir ist das Ganze hier zu spooky.“ Es geht in dem Krimi um philosophische Fragen: ob das Schicksal vorherbestimmt ist oder sich etwas daran ändern lässt; welche Einflussmöglichkeit und Verantwortung diejenige hat, die das Schicksal vorhersieht; und ob es Platz für ein „vielleicht“ gibt. Am Ende, als der Kommissar selbst, wie vorhergesagt, schwer verletzt im Krankenhaus liegt, antwortet der Arzt auf die Frage, ob er es denn schafft, mit „vielleicht“. Dann ist Schluss. ...

"Frí-da! Júu-hu! Where is the cat?"
Von morgendlichen Suchfragen


Theologische Impulse 33, von Dr. Thorsten Latzel

Unsere englischsprachigen Nachbarn haben eine Katze. Frida. Benannt nach der berühmten Malerin, wegen ihres künstlerisch gefleckten Gesichts. Jeder Morgen beginnt, wie in einem festen Ritual, mit dem nachbarschaftlichen Suchruf nach der Katze: „Frí-da! Júu-hu! Where is the cat?“ Und Frida kehrt - mal später, mal früher, in katzenhaft nonchalanter Eleganz, nach nächtlichen Streifzügen durch die nachbarschaftlichen Gärten - zurück in die Wohnung. Eine Geheimnisträgerin verborgener Abenteuer, die sie auch bei intensivem Kraulen nicht preisgibt. Eine freie Heldin ihres eigenen Lebens.

„Frí-da! Júu-hu! Where is the cat?“ In dem morgendlichen Suchruf klingt etwas an von einer der ersten Fragen in der Bibel überhaupt - der Frage, mit der die Geschichte Gottes mit dem Menschen überhaupt beginnt: „Adam, wo bist du?“ (1. Mose 3,9) Der fürsorgliche Ruf des Schöpfers nach seinem Geschöpf. „Mensch, wo bist du?“ (hebräisch ādām = Mensch). Auch als Menschen sind wir freie Helden unseres eigenen Lebens. Nur sind wir anders als Frida gleich auf zweifache Weise nackt: körperlich und metaphysisch. Wir haben nicht nur kein Fell, sondern wir wissen auch darum, dass wir keines haben. Die nonchalante Eleganz müssen wir uns als Menschen erst durch Kleidung und Kultur wieder mühsam erwerben.

„Mensch, wo bist du?“ Die Frage zielt in der Geschichte wie in ihrer vielfältigen späteren Rezeption auf mehr als eine lokale Ortsangabe. Es geht um den existentiellen Ort, an dem ich mich befinde, seit ich aus meiner schlafenden Unschuld herausgetreten bin. Meinen Ort im Leben. Meine Heimat, die ich niemals wirklich habe, sondern nur als Verlust spüre und immer wieder neu ersehne. ...

Die ersten sieben Tage – oder:
Wie es nach dem Weltuntergang weitergeht


Theologische Impulse 32, von Dr. Thorsten Latzel

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Dies ist der erste Satz der Bibel. Und es ist zugleich einer der umstrittensten. Seit der Aufklärung, speziell seit den Forschungen von Entwicklungsbiologen wie Jean-Baptiste de Lamarck oder Charles Darwin bis hinein in die Gegenwart gibt es einen heftigen Streit um Schöpfung und Evolution. Die einen meinen, Gott aus naturwissenschaftlichen Gründen bestreiten zu müssen. Andere wiederum sehen sich berufen, den christlichen Glauben und die Schöpfungsgeschichte zu verteidigen, indem sie Erkenntnisse der Evolutionsforschung bestreiten.

Bei solchen extremen, aber leider nicht seltenen Positionen hat man den Eindruck: Hier kämpft Unverstand mit Ignoranz. Nein, der Glaube wird nicht tiefer, wahrer oder reiner, wenn man aufhört, zu forschen oder zu denken. Und wenn wissenschaftliche Erkenntnisse (bei aller bleibenden Irrtumsmöglichkeit) dem Gottes-Glauben Probleme bereiten, liegt das wohl eher nicht an Gott, sondern am Glauben. Umgekehrt ist es kein Zeichen besonderen Text-Verständnisses, wenn man meint, „die Bibel zu widerlegen“, weil in ihr keine Dinosaurier vorkommen. Oder weil die Schöpfungsgeschichte nicht die Ergebnisse neuzeitlicher Forschung zur Erdgeschichte enthält. Im Bilde gesprochen: Dies ist ungefähr so sinnvoll, wie wenn man sagt, das Porträt der Mona Lisa sei falsch, weil es nicht als Passfoto tauge. Oder wenn man Goethes Liebesgedicht „Willkommen und Abschied“ kardiologisch interpretieren wollte. Man muss die Gattung beachten, um den Text zu verstehen.

Am Anfang der Bibel geht es um das Ende. Die Geschichte stammt aus einer Zeit, als alles verloren war: Land, Tempel, Königreich - der Glaube an die eigene Erwählung. Die Schöpfungsgeschichte ist eine „Post-Dystopie“, eine Geschichte aus den Tagen nach dem Untergang der Welt. Als die Israeliten fern der Heimat am Euphrat im Exil saßen und vor Trauer ihre Harfen in die Weiden gehängt hatten. Eine Erfahrung, die Menschen auch heute aus Trauerzeiten kennen. In der Geschichte der „ersten sieben Tage“ geht es um das Leben in den „letzten Tagen“. Es geht um die große Frage, was trägt und hält, wenn alle anderen Stricke zerrissen sind. Ein Text für politische Krisenzeiten, der angesichts eines gegenwärtigen Zeitempfindens eine ganz neue Bedeutung gewinnt, in dem wir „die Welt“ und uns selbst immer kurz vor dem Abgrund sehen: ökologisch, ökonomisch, politisch. Was machen wir eigentlich mit einer jüngeren Generation, wenn wir ihnen permanent vermitteln: „Es ist fünf vor zwölf?“ ...

Stirnrunzeln:
Kleine geistliche Anleitung zum Selberfalten


Theologische Impulse 31, von Dr. Thorsten Latzel

Römische Porträts aus dem 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. zeigen die dargestellten Personen oft mit zerfurchtem, faltigem, runzeligem Gesicht. Dies, so beschreibt es die britische Althistorikerin Mary Beard in ihrem lesenswerten Buch „SPQR“, spiegele das Idealbild der Zeit, wie ein wahrer Römer zu sein hatte: hart, nüchtern, gezeichnet von der Arbeit, dem Kampf und den Sorgen um den Staat. Die vermeintlich realitätsnahen Darstellungen seien tatsächlich ein idealisierender Gegenentwurf zu den verweichlichten, kunstsinnigen Griechen mit ihren Skulpturen voll jugendlicher Vollkommenheit. Das erinnert an manche Porträts und Fotos des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (etwa American Gothic, 1930, von Grant Wood): Lächeln war verpönt. Die hohe Kunst der Freudlosigkeit. Richtig lebte, wer ordentlich litt. Irgendetwas auf der Welt stimmt nie, da gibt es nichts zu schmunzeln. Stirnrunzeln als Ausdruck tiefen Lebensernstes.

Ganz anders dagegen die Selbstinszenierung unserer Tage. Sie ist geprägt von glatter Haut und ewigem Lächeln. Was Anti-Aging-Cremes und Botox nicht schaffen, erledigt Instagram. Es wird gephotoshopped, was das Programm hergibt. Doch was ist das eigentlich für eine „Glatte-Stirn-Idiotie“? Was soll an einem dauerhaft faltenlosen Gesicht attraktiv sein, das vom Leben nichts erfahren noch verstanden hat, das keine Spuren von Lachen, Denken, Sorgen in sich trägt? Eine Physiognomie ewiger Ahnungslosigkeit. Spiegelbild einer Gesellschaft, die mit dem eigenen Altern nichts anzufangen weiß. So wenig ich Gries-Gram-Gesichter leiden kann, so sehr schrecken mich fünfzigjährige Baby-Faces. Ohne körperliche Verfalls- und Alterungsprozesse zu idealisieren, gibt es eine ganz eigene Schönheit des Alterns, wenn sich in der Erscheinung eines Menschen tiefe Lebenserfahrung und Menschenfreundlichkeit eingezeichnet haben. Die Inkarnation eines gelebten Lebens. ...

Welches Stück?


Theologische Impulse 30, von Dr. Thorsten Latzel

Neulich nachts im Traum: Plötzlich stehe ich mitten auf einer Bühne. Links von mir sinkt ein junger Prinz zu Boden - auf dem Kopf eine riesige Goldkrone - und verzweifelt am Sinn des Lebens: „Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil’ und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden ...“ Auf der anderen Seite ein innig sich umarmendes Liebespaar, das gerade intensiv über irgendwelche ornithologische Fachfragen streitet: Nachtigall oder Lerche. Plötzlich - wusch - wird sie von einem Pfeil angeschossen. Ein alter Mann in Alpentracht tritt auf die Bühne und schießt mit seiner Armbrust wahllos um sich. Der zweite Pfeil zischt knapp an meinem Ohr vorbei. Als ich ausweiche, stolpere ich über zwei Landstreicher, die sich gelangweilt mit einander unterhalten: „Komm, wir gehen!“Wir können nicht.“Warum nicht?“Wir warten.“Ach ja.“ Hilfesuchend blicke ich zur Souffleuse. Es ist meine alte Deutschlehrerin. Sie sitzt in ihrer Muschel und blättert in der Gala. Der alte Mann mit der Armbrust schaut mich an. Er sieht, zielt und schießt.

Ich wache auf. Die Bühne ist weg. Mein Bett ist da. Die Frage bleibt: Welches Stück spielen wir eigentlich?

„Denn wir sind ein Schauspiel geworden der Welt und den Engeln und den Menschen. Wir sind Narren um Christi willen.“ (1. Kor 4,9-10) Wow! Was für ein Bild: unser Leben als Schauspiel, dem die Menschen und die Engel und die ganze Welt zuschauen. Ein Gedanke, der mich auch tagsüber manchmal beschleicht: dass sich mein Leben erst wirklich erschließt, wenn ich es als Teil einer größeren Inszenierung begreife. Nur, dass leider keiner der Beteiligten das Drehbuch kennt. ...

Das Zittern meiner linken Hand


Theologische Impulse 29, von Dr. Thorsten Latzel

Vielleicht kennen Sie das auch, dass eins Ihrer Körperteile nicht tut, was es soll: Das Ohr pfeift, das Knie scheuert, der Magen krampft. Jede/r hat seine/ihre eigene Achillessehne. Bei mir ist es (neben ein paar anderen Macken) gerade meine linke Hand. Sie zittert. Das tut sie eigentlich schon immer, so lang ich denken kann. Essentieller Tremor. Nicht weiter schlimm. In den letzten Jahren ist es nur intensiver geworden. Was recht lästig werden kann, etwa beim Halten von Suppenschälchen bei Empfängen. Als ich einen Facharzt noch einmal dazu befragt habe, meinte er lapidar: „Na, Ihre Rechte zittert ja ebenfalls. Das fällt nur nicht so auf.“ Auch nett.

Wenn am eigenen Körper etwas nicht richtig funktioniert, fehlt oder seltsam aussieht, bekommt die Sache für einen persönlich oft mit einem Mal einen besonderen Wert. Ich habe etwa 48 Jahre lang nie auch nur im Geringsten das wahre Wunderwerk meines Schultergelenks gewürdigt, bis ich es mir gebrochen hatte. Was meine linke Hand betrifft: Ich finde mittlerweile Neurochirurgen, Pianisten und Bogenschützen faszinierend. Dr. Derek Shepherd in „Grey’s anatomy“, den Musiker Don Shirley in „Green Book“ oder Russell Crowe als „Robin Hood“. Alles Helden, die ihre Taten mit „ruhiger Hand“ vollbringen. Ein Ausdruck für aufreizende Gelassenheit, kompetente Souveränität, tiefen zen-artigen Einklang mit sich selbst. Geht mit meiner Hand leider alles nicht. Meine Linke zittert (schon gut, die Rechte auch). Von daher ist es auch perspektivisch gut, dass ich Pfarrer geworden bin. Beim Segnen hat das Zittern eher eine magische Wirkung (auf jeden Fall besser als bei einer Gehirn-OP). ...

Von Einsam-, Zweisam- und Allsamkeit


Theologische Impulse 28, von Dr. Thorsten Latzel

Die erste Sache, die Gott am Anfang der Bibel im Blick auf den Menschen feststellt - gleich nach der schöpferischen Prädikatsnote „Und siehe, es war sehr gut“ - lautet: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein (oder genauer: einsam) sei“ (1. Mose 2,18). Das stimmt. Eine tiefe existentielle Grundwahrheit: Einsamkeit ist Mist. Als negativ empfundene soziale Isolation unterscheidet sie sich von anderen, mitunter durchaus gewollten Formen des Alleinseins. Etwa aus kreativen oder asketischen Gründen. Alleinsein kann wertvoll und bereichernd sein, wenn man „für sich selbst ein heilsamer Umgang ist“ (M. von Ebner-Eschenbach). Einsamkeit dagegen macht krank. Mutter Theresa bezeichnet sie als die schlimmste Armut.

Nicht von ungefähr gibt es in Großbritannien seit 2018 ein „Ministry of Loneliness“. Jeder siebte Einwohner fühle sich dort regelmäßig einsam, quer durch alle Altersstufen. 200.000 alte Menschen hätten seit einem Monat kein Gespräch mehr mit einem Freund oder Verwandten gehabt. Aber auch junge, arbeitende Menschen leiden unter dem Gefühl, abgesondert, isoliert, allein zu sein, oft mitten unter anderen Menschen. In individualisierten Gesellschaften anderer Länder findet sich ähnliches. Eine Studie des Roten Kreuzes spricht von einer „Epidemie im Verborgenen“. Einsamkeit schade der Gesundheit mehr als 15 Zigaretten am Tag - ein eindrücklicher Vergleich, auch wenn ich nicht weiß, wie sich Pest mit Cholera vergleichen lässt. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein - einsam - sei“.

Die Frage ist nur, ob die Lösung mit der Zweisamkeit immer so viel besser ist. Es gibt ein Leiden, mit sich selbst alleine zu sein. Und es gibt ein Leiden, mit einem anderen Menschen zusammen zu sein. Wenn etwa Zusammensein die Einsamkeit nicht vertreibt, sondern vertieft. Die gegenwärtige Scheidungsquote von über einem Drittel aller Ehen spricht hier eine eigene Sprache. Noch mehr die unbekannte Zahl unglücklicher Paare, die sich niemals trennten, es aber vielleicht hätten tun sollen. ...

Von der geistlichen Kunst des Radfahrens

 

Theologische Impulse 27, von Dr. Thorsten Latzel

Ich weiß nicht, ob Sie auch zu jenen ca. 60 Millionen Einwohnern von Deutschland gehören, die in diesem Jahr Fahrrad gefahren sind. Ob Sie nun alltäglich - mit der klassischen Klammer ums Hosenbein – zum Bäcker, Kindergarten oder zur Arbeit fahren. Ob Sie am Wochenende langsam die Flussauen entlang radeln und sich an Gottes schöner Schöpfung freuen - „Schau an ein Pfauenauge! Wie nett, wie nett.“ Oder ob Sie auf dem Rennrad (mit oder ohne E-Antrieb) im Taunus, Vogelsberg oder Odenwald eine Bergwertung absolvieren: Fahrradfahren hat eine ganz eigene Faszination. Fahrradfahren ist immer mehr als bloße Fortbewegung von A nach B. Fahrradfahren ist ein Stück Lebenskunst. Es gehört mit Laufen und Schwimmen, Lesen und Schreiben zu den grundlegenden kulturellen Techniken, die ein Mensch in der neuzeitlichen Zivilisation erlernt.

Vielleicht erinnern Sie Sich noch daran, wie Sie es selber als Kind gelernt haben oder wie Sie es als Eltern oder Großeltern Ihren Kindern oder Enkeln beigebracht haben. Ich zumindest kann mich noch gut an den erhebenden Moment vor rund 40 Jahren erinnern, als ich zum ersten Mal ganz alleine und ohne Stützräder gefahren bin. Ein Gefühl von Leichtigkeit, Stolz, Freiheit, Glück stellte sich damals bei mir ein. Ich spürte irgendwie in mir die kindliche Gewissheit: „Wenn du sogar das schon kannst, dann wirst du den Rest im Leben auch noch schaffen.“

Später bekam ich dann von meinen Großeltern mein erstes eigenes Fahrrad geschenkt. Ein neues Herren-Rad - schließlich war ich ja ein Junge - 26 Zoll, grasgrün, von Goericke. Ich war stolz wie Oskar. Von nun an stand mir die Welt offen. Wenn man mich damals im Rausch der rollenden Räder gefragt hätte, ob ich lieber fliegen oder Fahrrad fahren wollte, meine Antwort wäre klar gewesen. Nun, meine anfängliche Euphorie und kindlichen Allmachtsphantasien legten sich mit den Jahren dann etwas. Auch mit meinem grünen Goericke war die Welt doch nicht so leicht zu erobern, wie ich es zunächst dachte. Die Faszination des Fahrradfahrens aber blieb. Im Fahrradfahren spiegelt sich für mich viel von dem wider, worum es im Leben geht.

Fahrradfahren als ein Stück Lebenskunst - und als ein Bild für den christlichen Glauben. ...

Die fremden Witwen oder:
Von der Liebe in Zeiten des Alltags


Theologische Impulse 26, von Dr. Thorsten Latzel

Die Liebe zum Nächsten oder gar zum Fremden ist eine tolle Sache. Wenn es da den Alltag nicht gäbe. Steuererklärung, Wohnung aufräumen, das Auto zum TÜV. Die Kinder zum Kunstkurs, Kieferorthopäden, Klassenausflug. Bei der Arbeit drücken Termine. Dann wird es mit der Nächsten-Liebe schon mal schwieriger. Zumal es so viele davon gibt. Allein 750.000 in Frankfurt. Weltweit über 7,5 Milliarden. Und alle so verschieden. Da bleibt man am besten unter sich. Oder um es mit Methusalix zu sagen: „Ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden sind nicht von hier.“ Der Alltag als Liebestöter. Nicht nur der erotischen.

Bei den biblischen Geschichten, etwa der vom barmherzigen Samariter, ist das ja noch alles schön übersichtlich. Ein einziger Schwerverletzter am Wegesrand. Noch dazu in einer offensichtlichen Notsituation. Es wäre schlicht unterlassene Hilfeleistung, hier nicht einzugreifen. § 323c StGB: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten [...] ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“ Die besondere Pointe bei der Geschichte vom Samariter liegt aber in etwas Anderem. Nämlich im Perspektivwechsel: nicht der Andere ist der Nächste, sondern ich werde zum Nächsten - wenn ich mich vom Leid des Anderen berühren lasse. Die Liebe als eine Bewegung der Freiheit, dem Anderen ein Nächster zu werden. Eine Freiheit, in der ich als Helfender selbst die unbedingte Nähe Gottes erfahre. In der Liebe zum Nächsten gewinnt die Freiheit allererst ihre Gestalt.

Doch auch damit ist die Sache nicht so einfach. Das zeigen andere Geschichten von den ersten Christen. Lukas etwa zeichnet in der Apostelgeschichte zunächst ein paradiesisches Idealbild des Anfangs. „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele. Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. ... Und es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte.“ (Apostelgeschichte 4,32.43) Ach, wie schön! Selbst wenn man mal von dem kleinen tödlichen Zwischenfall mit Hananias und Saphira absieht, die vom Teilen nicht ganz so viel hielten und eher zu einem Modell von Privatbesitz mit volkskirchlicher Spendenpraxis und kleinem Steuerbetrug neigten. Gerade mal ein Kapitel dauert es - und schon knarzt es bedenklich im urgemeindlichen Gebälk. Oder besser gesagt: Es „murrt“ in Teilen der Gemeinde. „Murren“ - ein herrlich altes Wort dafür, wenn es mit der Freiheit nicht so läuft, wie man es sich gewünscht. ...

Religion und Freiheit.
Ein unversöhnlicher Gegensatz?


Theologische Impulse 25, von Dr. Thorsten Latzel

Zu diesem Titel fand kürzlich eine Veranstaltung in der Evangelischen Akademie statt. Nun, wenn Theologen so eine Frage stellen, dann ahnt man schon, woraus das rauslaufen wird. „Nein. Natürlich nicht. Religion und Freiheit gehören wesentlich zusammen.“ Ach, wenn die Sache so einfach zu verneinen wäre! Erlauben Sie mir, ein paar Ambivalenz-Erfahrungen einzustreuen.

Ja, es gab wohl mal eine Zeit, in der wäre die Frage sicher einfacher zu beantworten gewesen. Da waren Protestanten etwa noch wirkliche Piraten, Freibeuter des Heiligen Geistes. Da heirateten Mönche und Nonnen, revolutionierten sie das Bildungswesen, legten sich mutig mit Papst, Kaiser und Traditionen an, aßen Würste in der Fastenzeit. Heute dagegen wirkt die evangelische Kirche eher wie eine Institution der religiösen Gralshüter zur Wahrung sozialverträglicher, traditioneller Werte. Im Nachhinein haben wir es natürlich eigentlich immer vorher gewusst - die Sache mit der Emanzipation der Frau, mit der Gleichstellung von Homo-, Bi- oder Transsexuellen oder auch mit der Demokratie. Die erste Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Demokratie kam ja auch immerhin schon 1985. Man könnte den Eindruck haben, wir sind besser im Reden über Freiheit als in der Praxis der Freiheit. Religion als eine Sache eher für zwanghaft, normative Typen, die anderen gerne vorschreiben, wie sie zu leben haben.

In unseren Gemeinden trifft man zumindest wenige Leute mit blauen oder grünen Haaren. Wir tragen unser Kopftuch gleichsam innen. Und auch die Milieus der Expeditiven, der Performer, der kreativen Querdenker trifft man eher selten. Warum eigentlich, wenn wir doch die Freien sind?

Nun, evangelische Freiheit funktioniert ja eher nach dem „Ja, aber“-Prinzip. Freiheit ist bei uns immer schon attributiv eingefangen, dialektisch domestiziert: „Verantwortete Freiheit“, „Freiheit in Bindung“, „Freiheit und Knechtschaft.“ Mit Paulus zu sprechen: „Alles ist euch erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist euch erlaubt, aber nicht alles baut auf.“ Dazu der Lieblingskommentar eines Kollegen: „Alles vor dem Aber ist in der Regel gelogen.“

Doch auch mit der Freiheit ist das ja keineswegs so einfach. Sie hat als Zielwert spätestens seit den sichtbaren Folgen des Neo-Liberalismus als zentraler politischer Zielbegriff doch erhebliche Schrammen abbekommen. Und wie sieht es eigentlich aus, wenn ein politisches System wie China zukünftig noch viel höhere Effizienz, rasanteren technologischen Fortschritt und verlässlicheren wirtschaftlichen Wohlstand bietet als das alte Europa? Wie viel sind uns dann unsere demokratischen Freiheitsideale tatsächlich noch wert? Ist dann Freiheit wirklich „das einzige, was zählt“ (Marius Müller-Westernhagen)? ...

"Nenn mich nicht Bruder!"


Theologische Impulse 24, von Dr. Thorsten Latzel

Was für Familien-Verhältnisse! Er - ein Bankert, ein Bastard. Sein Vater will seine Mutter sitzen lassen. Seine Angehörigen halten ihn für verrückt. Er lässt sie draußen vor der Tür stehen. Für ein konservatives Familien-Idyll kann man sich schwerlich auf die Evangelien berufen. Für ein sozialrevolutionäres Familien-Bashing allerdings ebenso wenig.

Am Ende, am Kreuz wird Blut dann doch dicker sein als Wasser. Als man ihm den Speer in die Seite stößt. „Siehe, das ist dein Sohn. Siehe, das ist deine Mutter“. Er ist ein familiärer Beziehungsstifter, bis zuletzt. Mit seinen Jüngerinnen und Jüngern teilt er sein kindliches Urvertrauen zu Gott: „Unser Vater im Himmel“. In der Stunde der Anfechtung, allein im Garten, wird es am intensivsten sein: „Abba, mein Vater.“ Für die anderen wird er so zum Sohn schlechthin: Davids-, Menschen-, Gottessohn. In der Sprache der späteren Tradition: der „Einziggeborene“, der zum „Erstgeborenen“ wird. „Alle Menschen werden Brüder.“ Und Schwestern. Der große Traum der Menschheit. Aber das Elysium hat hier seinen Preis. Einen Blutpreis. „Das ist mein Blut, das für viele vergossen wird.“

Markus, der älteste und archaischste Erzähler der Christus-Geschichte, ist zugleich auch der Familien-Abstinenteste von ihnen, gleichsam der Single unter den Evangelisten. Bei Markus gibt es keine Kindheitsgeschichten, kein Vaterunser, keine Mutter unterm Kreuz. Nur drei Mal kommt Jesu Familie bei ihm vor (Markus 3,20f.; 3,31-35; 6,1-6). Und immer sind sie ein Hindernis. Wie die Jünger, die ihn nie verstehen. Wie die Frommen, mit denen er permanent streitet. Dabei hängen die drei Familien-Geschichten mit dem großen Geheimnis bei Markus zusammen: dass dieser Jesus Gottes Sohn ist. Es durchzieht die Erzählung des Markus wie ein cantus firmus: von den Himmelsstimmen bei Taufe (1,11) und Verklärung (9,7) bis zum paradoxen Bekenntnis des römischen Hauptmanns unterm Kreuz (15,39). Und darin liegt die Pointe der Geschichte in Markus 3,31ff.: Jesus ist der Sohn Gottes, gerade indem er radikal als Sohn und Bruder aller lebt, die Gottes Willen tun. Er ist der Christus, weil er sich selbst nicht darauf beschränken lässt, der aus Nazareth, der Zimmermann, der Bruder von ... zu sein (6,3). ...

"Mehr als Sand".
Ein Lob geistlicher Kürze


Theologische Impulse 23, von Dr. Thorsten Latzel

„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. (...)
Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so groß!
Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand:
Am Ende bin ich noch immer bei dir.“
(Psalm 139, 14.17-18)

Warum arbeiten, machen und vor allem reden wir als Kirche eigentlich immer so viel?

Ein sonntägliches Beispiel:
Das Vaterunser (alles, was Jesus Christus zu beten lehrte) – 63 Wörter
Die Zehn Gebote (alles, was Gott selbst zu tun lehrte) – 103 Wörter
Das Glaubensbekenntnis (alles, was die Alten zu glauben lehrten) – 103 Wörter
Eine Predigt – geschätzt ungefähr 1.500 Wörter, gefühlt oft noch etliche mehr.
Warum?

Antwortversuche:

1. Fußballerisch: Weil dies zu den drei grundlegenden Weisheiten des Gottesdienstes gehört: Das eckige Wort Gottes muss ins Runde des menschlichen Gehörgangs.
Nach dem Gottesdienst ist vor dem Gottesdienst.
UND: Die Predigt dauert 15 Minuten.

2. Wissenschaftlich: Weil der Sprung über den garstigen Graben von zweitausend Jahren einen ordentlichen verbalen Anlauf braucht: eleganter exegetischer Absprung vom biblischen Text, gewagter Flug über 2000-3000 Jahre Wirkungsgeschichte, zielgenaue Landung in der Gegenwart. Das braucht Zeit. Und Wörter.

Wunschzettel. Im Mai
Übung in frommer Unbescheidenheit


Theologische Impulse 22, von Dr. Thorsten Latzel

Lieber Gott,

es heißt, dass es einmal eine Zeit gab, in der das Wünschen noch half.
Irgendwann. Damals. Als ich noch ein Kind war.
Als die Menschen und die Welt noch Kinder waren.
In den Märchen, wenn die Fee kam oder die gute Hexe oder die drei Nüsse dalagen.
Am Anfang der Wundergeschichten, als Jesus die anderen immer wieder fragte:
„Was willst du, dass ich dir tue?“

Wir haben es irgendwann verlernt. Ich habe es verlernt - das Wünschen.
Aber wir brauchen es. Vielleicht dringender als früher.

Deshalb, Gott: Mein Wunschzettel. Ich verspreche Dir: kein Konsum-Scheiß.
Nicht von dem Zeug, was ich mir mit mehr oder weniger Geld auch selber kaufen könnte.
Sondern große, richtig große Wünsche.
Wie es für Dich, Gott, angemessen ist. In frommer Unbescheidenheit.
Dafür aber auch nur drei, wie es sich gehört.

 

1. Lieber Gott, ich wünsche mir, dass die Welt eine andere wird.
In den alten Bildern der Bibel gesprochen:
Dass Du alle Tränen abwischst, und dass kein Leid und kein Geschrei und kein Schmerz mehr sind.
Dass unsere Kinder nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
Dass wir die Schwerter zu Pflugscharen und die Spieße zu Sicheln schmieden.
Dass ein jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum in Frieden wohnt.
Dass niemand hungern muss oder ausgegrenzt wird - kein Fremdling, keine Witwe, keine Waise.
Dass Säuglinge an dem Loch der Otter spielen können und Wölfe friedlich bei den Lämmern wohnen.
Dass niemand mehr an einer dieser elenden Krankheiten sterben muss.
Dass unsere Alten noch Träume haben und unsere Kinder Zukunftshoffnung.
Ja, dass der Tod selber einmal nicht mehr sein wird.

Lieber Gott, das wünsche ich mir von Dir. ...

Baumheilige oder:
Wie man vom eigenen Baum wieder runterkommt


Theologische Impulse 21, von Dr. Thorsten Latzel

Es gibt Menschen, die haben eine verkrümmte und verzwergte Seele. Sie können sich selbst und andere - aus welchem Grund auch immer - nicht wirklich lieben. Sie wissen alles besser oder meinen das zumindest. Sie haben an allem und jedem etwas auszusetzen. Von der Welt, dem Leben, den Menschen sind sie ständig missverstanden, ungerecht behandelt, zutiefst verletzt. Passive Aggressivität in Permanenz. Vor so einer „Seelen-Verzwergung“ sollte man sich tunlichst schützen. Es tut einem oft schlicht nicht gut, mit solchen Menschen umzugehen.

Das heikle ist nun, dass solche Neigungen nicht nur bei anderen existieren. Vielleicht kennen Sie das auch von sich: Im Chor meiner inneren Stimmen gibt es da eine mit so einer hohen, fisteligen Tonlage. Den spitzen Sopran meines „Kritiker-Ichs“. Wenn es sich meldet, hört man es sehr schnell heraus. Mit einem nerv-tötenden Ton. Wie alle Kritiker hat es etwas Eunuchenhaftes an sich. Im Zweifel weiß dann auch mein „Kritiker-Ich“ es immer besser - vor allem, wenn es eine Sache nicht selber machen muss. „Wie kann man nur solche Klamotten tragen, so einen Schwachsinn sagen, sich so nach draußen wagen! Wie peinlich ist das denn?“

Wie schön könnte die Welt doch sein, wenn wir aufhören würden, es für andere immer besser zu wissen! Gäbe es doch heilsame Heiserkeit für Kritikaster.

In den Jesus-Geschichten der Bibel spielt die Auseinandersetzung mit dem eigenen „Kritiker-Ich“ und den verzwergten Seelen eine große Rolle. Eine Geschichte, in der dies besonders eindrücklich erzählt wird, ist die von Zachäus. Sie kennen sie vielleicht noch aus Kindheitstagen. Da ist der reiche Oberzöllner Zachäus in Jericho, der den berühmten durchreisenden Wanderprediger Jesus gerne sehen möchte. Aber weil er so klein ist und weil die Leute ihn nicht leiden können, muss er ganz unstandesgemäß auf einen Baum klettern. Da sitzt sie nun, diese kleine verkrümmte, verzwergte Seele: wohlhabend und allein, erhöht und ausgegrenzt, mächtig und klein. Und dann passiert es: „Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.“ (Lukas 19, 5-6). Und mit jedem Ast, den Zachäus eilig herunterklettert, sieht man seine Seele förmlich wachsen. Jesus lädt sich selber ein und macht so aus dem Oberzöllner, der andere abzockt, einen Gastgeber, der anderen den Tisch deckt. Ein Sozialwunder seelischer Entzwergung. ...

"Gelassenheit" -
bei Schiffbruch und Gebet


Theologische Impulse 20, von Dr. Thorsten Latzel

„Nichts ist so aufreizend wie Gelassenheit“. Der Ausspruch von Oscar Wilde vor über 100 Jahren hat an seiner rhetorischen Pointe nichts eingebüßt. Im Gegenteil. Gerade in einer Zeit des kollektiven Burn-Outs, in der wir vor lauter Zeit sparender Technik gefühlt unter immer größeren Zeitdruck stehen, gewinnt Gelassenheit immer mehr an Attraktivität.

Der Züricher Literaturwissenschaftler Thomas Strässle hat in einem kleinen, klugen Büchlein die Geschichte und Vielschichtigkeit des Begriffs schön beschrieben. Gelassen nimmt man etwas, gibt man sich, wäre man gerne. Sorgsam zeichnet er diese drei verschiedenen Verwendungsweisen nach. „Gelassenheit“, so Strässle, „ist ein Projektionsbegriff – mit großer Konjunktur und geringer Kontur“. Ein Bild, das dabei oft für Gelassenheit verwendet wird, sei das des Meeres. Wie es die Alten formulierten: die Meeresruhe der Seele, die „tranquillitas animae“.

Was damit gemeint ist, zeigt auf beeindruckende Weise der Film „All is lost“ (2013). Robert Redford spielt darin einen Mann, der allein auf dem indischen Ozean segelt. Sein Boot wird von einem herumschwimmenden Container gerammt. Und dann beginnt der lange, einsame, schweigsame Kampf gegen den Untergang. Unter uns: Wem anderes als Robert Redford wollte man anderthalb Stunden bei so etwas zusehen? Wohl wissend von der Verlesung des Abschiedsbriefs in der ersten Szene, wie das Ganze ausgehen wird. Beeindruckend ist dabei die konzentrierte Ruhe, mit der er sich gegen den Untergang stemmt – ein Spiegel des weiten Ozeans um ihn herum. Und die stillen Gesten, mit denen er nach und nach immer mehr loslässt: zuerst das Schiff, dann die Flasche mit dem Abschiedsbrief, am Ende die Rettungsinsel. Nur äußerst wenige Worte werden während des ganzen Films gesprochen - als Notrufe und einmal in einer Szene der Verzweiflung: „Scheiße - Gott - Fuck.“ Eine nachdenkenswerte Trias.

Gelassenheit. Sie hat viel mit der Haltung zu tun, um die es im Glauben geht. Eine Haltung, die zwischen Aktivität und Passivität changiert. Eine Haltung, in der ich ganz präsent bin, ganz bei mir bin. Und doch gerade so, dass ich drauf verzichte, etwas zu tun. Eine Haltung, in der ich lasse, geschehen lasse. So wie im Gebet oder im Glauben. Meister Eckardt brachte dies auf die Formel: „Man muss gelassen han, um gelassen zu sin.“ Ein abschiedliches Leben. In das Leben hinein zu sterben und in den Tod hinein zu leben. Die Kunst, loszulassen, zuzulassen, sich auf jemanden anderen zu verlassen. ...

„Wie Maria zum Kinde …“
Vom notwendigen Gespräch zwischen Laien und Experten


Theologische Impulse 19, von Dr. Thorsten Latzel

Manchmal, wenn man als Referent zu einem Thema angefragt wird, fühlt man sich etwas so wie Maria, als sie zum Kinde kommt: „Warum ich?“ So ging es mir, als ich bei einer Sicherheitskonferenz zum Dialog von Laien und Experten reden sollte. Mit solchen Dialogen habe ich zwar regelmäßig zu tun. Dies gehört zur Leitidee evangelischer Akademien. Was dagegen Sicherheitsfragen betrifft, kenne ich mich nun wirklich nicht aus. Und selbst meine Unkenntnis ist noch kein Alleinstellungsmerkmal. Schließlich kann ich kaum von mir behaupten, „der“ namhafte Laie zu sein, den man dazu unbedingt gehört haben sollte. Doch irgendwann drehte sich die Frage um: „Warum eigentlich nicht ich?“ Es wäre ja mal interessant zu fragen, was sich aus theologischer Perspektive dazu beitragen lässt, dass Laien und Experten gut miteinander reden – auch bei Sicherheitsfragen.

1. Was ist ein Experte?

Anders als „Sachverständiger“ gilt der Begriff Experte nicht als gesetzlich geschützt. Schön ist die Persiflage auf den unsäglichen Experten-Jargon aus Talkshows in den „Känguru-Chroniken“. Dort taucht ein gewisser Dr. Timm Olaf Minne auf, dessen Sätze immer beginnen mit: „Ich als Experte“. Der Begriff dient oft schlicht als rhetorischer Mantel, um eigene Interessen mit vermeintlicher Fachwissenschaftlichkeit zu kaschieren. Er ist zudem vielfach verknüpft mit einer problematischen Entpolitisierung in Zeiten von „alternativlosen Entscheidungen“.

Die erste Rede von „Experten“ gab es übrigens erst in den 1830er-Jahren in Deutschland, als Lehnwort vom französischen expert, das sich seinerseits vom lateinischen Adjektiv expertus – „erfahren, erprobt“ – bzw. dem Verb experiri – „erproben, austesten, eine Erfahrung machen“ – herleitet. In den 1850er-Jahren gab es dann die ersten Expertenberichte von Ingenieuren. Der Kontext ist hier zu beachten: Industrialisierung, technischer Umbruch, Auseinanderdriften der Gesellschaft – ähnliche Prozesse wie heute.

Eine besondere Problematik wohnt dann Expertokratien inne, also einer Regierung aus Fachleuten, Wissenschaftlern und Verwaltungsleuten, meist in Krisen-Zeiten, mit angeblicher Überparteilichkeit. De facto fehlt Expertokratien nicht nur in aller Regel die demokratische Legitimation. Sie sind zudem für eine Demokratie grundsätzlich hochproblematisch: Sie verneinen den politischen Entscheidungsbereich im Blick auf die Wahl gesellschaftlicher Ziele. Sie sind damit latent antipluralistisch und blind für eigene Wertsetzungen. Und sie folgen meist einem streng rational-technizistischen Welt- und Menschenbild: „Moderne Technik bedarf keiner demokratischen Legitimation, wenn sie optimal funktioniert.“ Die Frage von Technokratien, im 20. Jahrhundert intensiv diskutiert, wird im digitalen Zeitalter wieder neu relevant. ...

Die Auferstehung der Haut
Küchentheologische Reflektionen


Theologische Impulse 18, von Dr. Thorsten Latzel

Zu diesem Impuls muss ich etwas vorwegschicken: Meine Frau ist Religionslehrerin, ich bin Pfarrer. Das kann passieren. Ist auch gar nicht schlimm. Es verleiht unseren Küchengesprächen nur manchmal eine gewisse theologische Einfärbung. Professionelle Deformation. Und es verkürzt in solchen Momenten die Aufenthaltsdauer unserer Kinder vor dem Kühlschrank ungemein.

Kürzlich beim Ausräumen unseres neuen Geschirrspülers ging es etwa um die Auferstehung Christi.

Also: Ich brate das vegane Hack an, meine Frau öffnet die Tür des Geschirrspülers. Er ist voll.

Wie nun: War das Grab leer oder nicht? Das hat meine Schüler/innen aus der Elf vor den Ferien wirklich umgetrieben. Was hättest Du denn da gesagt?

Ich schlucke und verschaffe mir durch geschäftiges Rumrühren in der Pfanne etwas Zeit zum Nachdenken:

Na ja, ich glaube, man missversteht das leere Grab, wenn man es rein historisch zu begreifen sucht. Das leere Grab ist ja keine hinreichende Bedingung für die Auferstehung Christi. Man kann ja nicht sagen: „Guck, das Grab ist leer. Also muss Christus auferstanden sein!“ Das Ganze ließe sich auch anders deuten. Etwa als Leichendiebstahl. So ja schon in den Evangelien.

Das leere Grab ist aber auch keine notwendige Bedingung für die Auferstehung. Im Sinne von: „Nur, wenn das Grab leer war, kann Christus auch auferstanden sein.“ Damit würde man nicht nur recht klein von Gott denken, der ja gerne mal aus dem Nichts schafft. Man hätte vor allem ein Problem mit unserer eigenen Auferstehung. Denn da sind die Körper dann ja schon zerfallen oder verbrannt.

Wenn Du mich fragst, wie es war: Wir wissen schlicht nicht, wie es historisch war. Das leere Grab ist eine bildhafte Sprache, unhintergehbar metaphorisch. Ein erzählerischer Freiraum im wahrsten Sinn des Wortes, hinter den wir geschichtlich nicht zurückkommen.

Und interessanter Weise führt das leere Grab an sich in den Geschichten ja auch nie zum Glauben. Es braucht immer einen deutenden Engel, der dazukommt. Oder noch genauer: eine Begegnung mit dem Auferstandenen selbst.“

Zwischenzeitlich hat sie das skelettartig aufgereihte Besteck aus dem obersten Fach ausgeräumt. Von meiner Pfanne dagegen steigt verdächtiger Rauch auf. Vielleicht hätte ich doch weiter rühren sollen. Meine Frau schiebt mich mit einem leichten Brauen-Zucken zur Seite. Ich ignoriere diese eklatante Missachtung meiner kulinarischen Kompetenz und wende mich stattdessen dem zweiten Fach des Geschirrspülers zu. Oben auf den Tassenböden sind wieder so kleine blöde Pfützen. Und ich frage mich, warum die Trockenfunktion das nicht schafft. Bleibt nur der Griff zum Handtuch. ...

Zum Tod des Todes
Kleine theologische Unverfrorenheiten


Theologische Impulse 17

Der letzte Feind

Seine Macht ist die Nacht /
wenn keiner mehr lacht,
wenn alles verfällt / die Hoffnung zerschellt /
wenn deine Hand meine nicht hält.

Er ist der Schatten ohne Ende /
die dunkle Wende,
das Aus und Vorbei / bricht alles entzwei /
voll Schmerz und Geschrei,
gehüllt in ein Nicht / ohne jegliches Licht,

Sollen wir wirklich wagen / ihm zu sagen:
„Du kannst uns mal?“

Seine Macht ist die Nacht / wo es kein Dich
mehr gibt / da hat sich‘s ausgeliebt,
kein Angesicht / kein Morgenlicht,
keine Wärme / kein Wort / kein Zufluchtsort.

Er ist die Stille auf Ewig / doch ohne Frieden,
die Ruhe / die Grube / das Dunkel /
der Schlund /
das Stürzen in Tiefen ohne Grund. 
Der schwarze Rachen / der alte Drachen /
der letzte Feind.

Sollen wir uns wirklich trauen / uns vor ihm
aufzubauen / ihm ins Auge zu schauen:
„Uns kannst du nichts?“

 

 

Seine Macht ist die Nacht /
wo kein Hoffen mehr wohnt /
in der er allein thront / niemand verschont /
mit Kälte entlohnt.

Er ist das Land ohne Zimmer /
Der Abschied auf immer.
Der Krebs / die Pest / der bittere Rest.
Der Schnitter / Würger / Sensenschwinger.
Der Knochenmann und Schicksalsbringer.

Er hat weder Stunde, noch Sinn, Maß oder Ziel.
Kennt keinen Gott, Glaube, Gefühl.

Sind wir wirklich so verwegen / allem entgegen /
uns mit ihm anzulegen:
„Uns hältst du nicht?“                             (TL)

„Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2. Tim 1,10)

Rein argumentativ sieht es ja - unter uns gesagt - eher etwas mau für uns aus: Es steht - ungefähr - 100 Milliarden zu 1. Für den Tod. Und das eine Mal ist recht schlecht bezeugt. Ein leeres Grab. Ein paar Erscheinungen. Und die auch nur vor den eigenen Jüngerinnen und Jüngern. Religiös befangen, allesamt. ...

Bruder Judas
Eine Übung im moralischen Sehen


Theologische Impulse 16

Fragt man einmal nach den unmoralischsten Menschen, die einem einfallen, so würde man heute aktuell vielleicht Trump nennen, oder Erdogan, Assad, Putin. Mit längerer geschichtlicher Perspektive Hitler, Stalin, Pol Pot.

Früher war das anders: natürlich gab es damals auch tyrannische, grausame Herrscher. Doch am schlimmsten waren nicht sie, sondern die Verräter. Die Denunzianten, Anschwärzer, Verleumder, Aushorcher, Zuträger, Petzen: Brutus, Gaius Crassus und Judas. Folgt man Dante in der Göttlichen Komödie so gibt es in der tiefsten Hölle einen eigenen Bereich, die Judecca, in welcher der Teufel diese drei Erzverräter in seinen drei Mäulern zermalmt.

Der Verrat galt als eines der schlimmsten Verbrechen überhaupt:

- weil es von einem Menschen geschieht, der einem lieb und nahe ist,

- weil es die Liebe, das Gute, die Freundschaft mit Undank lohnt,

- weil es schlecht in sich ist (in früherer Sprache ein „malum in se“). Es gibt, so die Vorstellung, keinen „guten Verrat“.

So wie bei Judas, dem Erzverräter schlechthin, der den Menschensohn ans Messer liefert, so wie wir es in der Karwoche immer am Gründonnerstag feiern - und bei jeder Feier des Abendmahls erinnern: „Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht in der er verraten ward, nahm er das Brot ...“ Die Nacht des Verrats, wenn alle Lichter verlöschen.

Doch was sehen wir eigentlich „moralisch“, wenn wir diese verwerfliche Tat sehen?

Mehrdeutig ist bereits sein Beiname Iskariot: Meint es den Mann aus Kariot (Isch Qerijot), den einzigen Judäer im Kreis der galiläischen Jünger? Oder steht es für Sikarier, den Dolch-Träger, den religiösen Eiferer?

Mehrdeutig ist auch das griechische Verb „paradidomi“, mit dem seine Tat beschrieben wird: Verrät er Jesus? Oder liefert er ihn aus? Oder übergibt er ihn? Dies sind wichtige Unterschiede und alle Übersetzungen sind sprachlich möglich.

Mehrdeutig sind vor allem auch die Gründe und Folgen seiner Tat: Matthäus schildert Judas als reuigen Sünder, der dreißig Silbergroschen von den Hohen Priestern erst einfordert, nach seiner Tat zurückgibt und sich erhängt.

Lukas erzählt, dass der Satan in ihn gefahren sei und er später auf den vom Blutgeld gekauften Acker stürzt, so dass seine Eingeweide herausfallen. Nach Johannes ist Judas schließlich der untreue Finanzverwalter des Kreises um Jesus und ein Dieb. ...

"Von der Freiheit, frei zu sein" -
Die Passion als Anti-Western


Theologische Impulse 15, von Dr. Thorsten Latzel

Die Passion als Anti-Western

Ein Mann reitet in eine Stadt. Das ist der klassische Beginn eines Westerns. Der einsame Reiter, der skrupellose Bösewicht, zwischen ihnen die schöne Frau. Streit im Saloon, der Ritt durch die Wüste, am Ende der Show-Down -draußen vor der Stadt. Es ist die Verheißung, dass einmal einer kommen wird: Einer, der das Gute wieder zu seinem Recht bringen wird und der das Recht wieder gut macht. Ein einsamer Reiter als Rächer der Witwen, Waisen und Unterdrückten. Einer, der den Bösen ein für alle Mal ein Ende machen wird.

Ein Mann reitet in eine Stadt. Das ist zugleich der Beginn der Karwoche, die wir an Palmsonntag begehen. Und wie im Western kommt es hier auf die kleinen Zeichen am Anfang an. In ihnen spiegelt sich bereits der weitere Gang der Dinge: Die Palmzweige und Kleider auf der Straße. Die jubelnde Menge. Und der Esel, vor allem der Esel. Messianische Fallhöhe und Brechung in einem: es ist klar, dass das nicht gut ausgehen wird. 

Auch sein Kommen ist die Erfüllung einer alten Verheißung: „Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers. Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ (Matt 21,5)

Doch der, der da kommt, ist das Gegenbild des klassischen Helden. Dieser Sohn Davids wird die verhassten Römer nicht aus dem Land treiben. Als politischer Retter Israels ist er ein Flop. Er wird das heilige Jerusalem nicht zu neuem Glanz führen. Im Tempel wird er ein paar Tische umwerfen, ja.

Aber die Legionen seines Vaters bleiben im Himmel. Und das Schwert seiner Jünger in der Scheide.

Es ist ein sanftmütiger König, eselsförmig. Am Ende wird er am Kreuz sterben, und der Mörder wird freigelassen. Elend, verlassen, verflucht - stirbt er draußen vor der Stadt. Die Passion als Anti-Western. Die Revolution vertagt?

 

Die Freiheit, frei zu sein

Im Jahr 2018 erschien posthum der Essay von Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. Ein kleines Bändchen von hoher aktueller Bedeutung. In ihm beschäftigt sich die Philosophin Arendt mit dem, was sich in vielen Ländern und gesellschaftlichen Bereichen gegenwärtig ereignet: Revolution.

Revolutionen im Sinne radikaler Umbrüche politischer Verhältnisse, die sich rasch vollziehen und oft mit Gewalt einhergehen, gibt es schon lange. Und sie jähren sich im letzten Jahr zu Hauf: 1848, 1918, 1968.
Zudem 200 Jahre Karl Marx. Unser heutiges Verständnis von Revolution ist allerdings ziemlich jung.

Der Begriff wurde erst im 15. Jh. eingeführt - zunächst schlicht als astronomischer Fachbegriff für den Umlauf der Himmelskörper. Selbst die großen Revolutionen, die Glorious Revolution und die Französische Revolution, wurden in ihren Anfängen entsprechend nur als Restauration verstanden: als re-volvere, als ein „Zurückwälzen“, das Wieder-Herstellen eines ursprünglichen status quos. ...

Zum Beispiel Regenschirme.
Von der Kunst, sich zu verlieren und zu finden


Theologische Impulse 14, von Dr. Thorsten Latzel

Zum Beispiel Regenschirme

Meine Geldbörse, den Haustürschlüssel, die Jugend, meine Gesundheit, die große Liebe, die Lust am Sex, den linken Handschuh, Regenschirme, Schals.

Meine Arbeitsstelle, das Vertrauen in meine Mitmenschen, den Verstand, meine Unschuld, die Eltern, den Partner, den Glauben an Gott, die Gesundheit, den rechten Handschuh, Mützen, viele Mützen, und Regenschirme.

Den Sinn im Leben, mich selbst, meinen Kalender, mein Handy, unseren Kater, meine ersten Zähne, meine zweiten Zähne, die innere Ruhe.

Und Regenschirme, immer wieder Regenschirme.

Was waren die Verluste Ihres Lebens?

Die Bibel ist eine Verlust- und Finde-Geschichte: eine Geschichte vom großen Verlieren und manchmal Wiederfinden. Die Bibel beginnt ganz am Anfang mit dem Verlust schlechthin: dem Verlust des Paradieses. Wir haben das Leben verloren - so, wie es eigentlich gedacht ist: den Einklang mit der Schöpfung, den Tieren und Pflanzen, uns selbst. So sehr wir uns auch mühen, gut und schön und richtig zu leben. Es bleibt eine Lücke, eine Leere, ein Leck. Ein Riss in allen Dingen.

Das Alte Testament als Ganzes ist entstanden aus dem zweiten großen Verlust: dem Verlust des Heiligen Landes und des Heiligen Tempels. Es stammt aus der Zeit nach dem Exil. Israel lebt in der Fremde. Oder in einer Heimat, die es schon einmal verloren hat und die den Verlust auf immer in sich trägt.

Auch das Neue Testament ist aus einem Verlust entstanden. Den Tod von Jesus am Kreuz. Die sichtbare, fühlbare Gegenwart Gottes unter uns. Dieser Mensch ist nicht mehr da - greifbar, sichtbar, anfassbar. Alle Jesus-Geschichten stammen aus der Zeit nach seinem Tod, ja zumeist sogar aus der Zeit als selbst die meisten Augenzeugen schon gestorben sind. Paradies, Heiliges Land, Jesus - der große Verlust.

Natürlich ist die Bibel auch eine Geschichte des Findens und Wiederfindens. Von Ostern, Auferstehung, Heimkehr - mit der großen Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde am Ende. Doch die Erfahrung des Verlustes bleibt. Sie ist tief mit unserem Leben verbunden, seiner Endlichkeit, seiner Vergänglichkeit. So viele Regenschirme wir auch immer wieder neu kaufen, am Ende werden sie fehlen und uns vor dem großen Verlust nicht schützen. ...

"Killing Idols!"
Du sollst dir kein Bildnis machen


Theologische Impulse 13, von Dr. Thorsten Latzel

Als evangelische Christen sind wir ja gemeinhin nicht gerade für eine besonders lustbetonte Lebensweise verschrien. Die Reformierten aber gelten als religiöse Spaßbremse par excellence. Und sie haben sich diesen Ruf auch über Jahrhunderte mühsam erarbeitet. Kein Tanzen, kein Trinken, keine Bilder. Stattdessen protestantische Arbeitsmoral und Nüchternheit. Da fällt es schon schwer, in der Fastenzeit überhaupt noch etwas wegzulassen. Die Reformierten als die, die zum Lachen in die Ewigkeit gehen.

Jetzt stamme ich selbst theologisch aus einer eher reformierten Tradition. Und - „Oops, I did it again“. Da werde ich auf freundlichste Weise eingeladen, in der Darmstädter Stadtkirche in der Reihe Kreuzwege zu einem Bild zu predigen. Und ich komme gleichsam nackt zur Party. Ohne Bild. Ohne künstlerischen Zugang. Mit einer geradezu schreienden Lücke auf dem Altar. So viel Spaßfreiheit bedarf einer rechtfertigenden Erklärung. Nun, Angriff ist die beste Verteidigung. Auch in Glaubensdingen. Deswegen gleich zu Beginn meine steile Gegenthese: Ich glaube, das Bilderverbot ist der eigentliche Sinn des Kreuzes.

Killing idols“. Am Kreuz geht es darum, unsere Vorstellungen von Gott radikal zu irritieren, zu untergraben, zunichte zu machen.

Unsere Vorstellung von einem abstrakten, allmächtigen Gott. Gekreuzigt.

Unsere Vorstellung von einem erhabenen Herrscher, der das Bösen in der Welt mit seinen himmlischen Heerscharen vertreibt. Gekreuzigt.

Unsere Vorstellung von einem lieben, freundlich netten Herrn oben im Himmel. Gekreuzigt.

Pointiert formuliert: Was auch immer Sie auf einem Bild vom Kreuz Christi suchen mögen, eines werden Sie dort sicher nicht sehen: nämlich Gott. Sie würden einen leidenden Menschen sehen. Verhöhnt, gequält, gefoltert, grausam hingerichtet. Was Sie nicht sehen würden, ist Gott, wie er eingreift. Was Sie auf einem Bild vom Kreuz Christi sehen würden, wäre vielmehr die Lücke, die Leerstelle, das Fehlen Gottes.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Das Kreuz war und ist der Ort radikalster Gottverlassenheit. Das Ende all unserer religiös-frommen Gottesbilder. „Killing Idols.“

Von dem René Magritte stammt das Bild „La trahison des images“, Der Verrat der Bilder (1929). Auf dem Bild ist eine Pfeife abgebildet. Darunter der Schriftzug „Ceci n’est pas une pipe“, „Dies ist keine Pfeife.“ Dieser Satz sollte m.E. unter jeder Kreuzesdarstellung angebracht werden: „Dies ist keine Kreuzigung“. Der Satz würde den Blick schärfen für die tatsächlichen Kreuzigungen. „Dies ist kein leidender Mensch.“ Es ist nur das Bild eines Menschen, der verhöhnt, gequält, gefoltert und grausam hingerichtet ist. ...

Von Mokassins, Katzenbabys und Geiselnehmern.
Gedanken zur Empathie


Theologische impulse 12, von Dr. Thorsten Latzel

1. Von Mokassins, Katzenbabys und Geiselnehmern

Empathie steht in unserer Gesellschaft derzeit hoch im Kurs. Es gibt kaum einen Lebensbereich, an dem nicht das hohe Lied auf die soziale Kompetenz des Einfühlungsvermögens zu hören ist. Ob Führungskräfte, Kollegen, Lehrerinnen, Schüler, Politikerinnen, Hunde-/Katzenbesitzer, Mütter und Väter sowieso, Großeltern erst recht - für uns alle gilt der empathische Imperativ: „Fühle Dich ein in Dein Gegenüber. Nimm die Welt aus den Augen des Anderen wahr. Entwickle Deine emotionale Intelligenz.“ Oder das Ganze als indianische Weisheit: „Urteile über keinen Menschen, ehe du nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bist.

Nun, auch wenn man Zweifel haben darf, ob das mit den Mokassins wirklich so eine klug durchdachte Idee ist: Die Sache mit der Empathie klingt doch erst einmal sehr einleuchtend - gerade in einer Gesellschaft, die immer pluralistischer wird. Die Gefühle des anderen wahrnehmen, sie verstehen und eventuelle sogar nachempfinden, das ist sicher gut. Wer möchte schon mit einem Menschen reden, von dem man weiß, dass er die eigenen Gefühle nicht versteht? Empathie als soziale Basis für eine bunte, offene Gesellschaft.

So überzeugend das alles klingt, erlauben Sie mir doch ein paar Disharmonien in den Lobgesang einzutragen.

  • Zunächst einmal: Mit Empathie allein ist noch nichts gewonnen. Manipulative Menschen oder gar Sadisten sind in hohem Maße empathisch. Sie handeln nur eben trotzdem oder gerade deswegen hochproblematisch. Pointiert formuliert: Wir müssen uns Joseph Goebbels als einen empathischen Menschen vorstellen.

  • Die Ambivalenz der Empathie zeigt sich sodann etwa bei Katzenbabys. Es ist wohl das Leitmotiv unserer empathischen Gesellschaft schlechthin: „Oh, wie süß“. Der „cat-content“ auf Youtube umfasst zig-Millionen von Videos. „Wollen Sie die Click-Zahl Ihres Internet-Auftritts erhöhen, schaffen Sie sich eine Katze an!“ Die Frage ist nur: Wo sind eigentlich die Bilder von den Katzen, wenn sie alt, struppig, inkontinent sind, sie Würmer haben, ihnen die Haare ausfallen? Und auch Videos von Nacktmullen - obwohl ungefähr genauso groß wie Katzenbabys - findet man doch markant seltener. Unser Einfühlen in Fremde ist radikal selektiv, nicht nur bei Katzen. ...

Hineni - oder: der stotternde Mose.
Hommage an Leonard Cohen


Theologische Impulse 11, von Dr. Thorsten Latzel

Ein persönliches Lied

Am 7. Nov. 2016 starb der kanadische Dichter, Komponist und Sänger Leonard Cohen. Bekannt geworden ist er durch Stücke wie Hallelujah, Suzanne oder So Long, Marianne. Zeitlebens litt Leonard Cohen unter schweren Depressionen. Er liebte intensiv verschiedene Frauen - ohne jemals verheiratet gewesen zu sein. Sein Großvater und Urgroßvater waren Synagogenvorsteher gewesen, seine Lieder sind tief geprägt vom jüdischen Glauben und der Sprache des Alten Testaments. Drei Wochen vor seinem Tod erschien sein letztes Album You want it darker.

In düsteren, melancholischen Liedern singt der jüdische Sänger Cohen in Form eines Liebesliedes über sich selbst und über Gott und über die unmögliche Möglichkeit, an ihn zu glauben. Eine hoch persönliche Ballade eines tiefgläubigen Atheisten, eines frommen Zweiflers.

“If you are the dealer / I'm out of the game
If you are the healer / I'm broken and lame
If thine is the glory / Then mine must be the shame
You want it darker / We kill the flame”


In einem anderen Stück des Albums - Treaty - spitzt Cohen seine Auseinandersetzung mit Gott noch weiter zu - bis hin zur Bestreitung von dessen Existenz, für die er sich paradoxer Weise bei Gott in einem Gebet entschuldigt.

“I'm so sorry for that ghost I made you be
Only one of us was real and that was me

A million candles burning
For the help that never came”


Ein voluminöses Kunstwerk

Im Rahmen der EKHN-Kunstinitiative „Gnade“ im Jahr 2017 kreierte der junge Stuttgarter Künstler Georg Lutz in der Martinskirche in Darmstadt das Kunstwerk „5 tons of prayer“. Wachs- und Kerzenreste von Gebets-Kerzen, die im letzten dreiviertel Jahr in einer Kölner Kirche abgebrannt worden waren. Georg Lutz hatte sie zu einem großen Reste-Berg angehäuft. Ein Kunstwerk, das durch seine schiere Masse sprach. Fünf Tonnen. Soviel, das zunächst unsicher war, ob das Kellergewölbe der Kirche sie würde tragen können. ...

Vom Verblassen des Himmels und
dem Blau der Liebe


Theologische Impulse 10, von Dr. Thorsten Latzel

Ein Problem der Gegenwart ist, dass uns irgendwie der Himmel abhandengekommen ist. Das ist ein echtes Problem. Geht es doch um die Frage, auf was hin wir leben, lieben, glauben, hoffen. Hier und jetzt und über den Tod hinaus. Bis in alle Ewigkeit. Wie es einmal sein wird: mit uns selbst, mit unseren Lieben und unseren Feinden, mit allen Menschen, Tieren, Pflanzen, die einmal gelebt haben, mit der gesamten Schöpfung.

Einfach war es mit dem Himmel ja nie. Angesichts der unmittelbaren Erfahrung menschlichen Leidens und von Menschen gewirkter Grausamkeiten ist es schon immer einfacher gewesen, sich die Hölle vorzustellen. Und sie ist zugleich auch wesentlich interessanter. Das zeigt sich exemplarisch in modernen Filmen ebenso wie in klassischer Kunst, etwa in den Werken von Hieronymus Bosch: Teufel und Dämonen, Folter und Fegefeuer, ewige Spiegelstrafen für irdische Sünden - daraus lässt sich etwas machen. Die Hölle, so die Vorstellung, ist das radikalisierte und auf Dauer gestellte Leid der Gegenwart - nur mit umgekehrten Vorzeichen: Täter werden Opfer. Der Himmel bleibt dagegen unvorstellbar, verschwommen, das irgendwie erhoffte Andere. Filmisch bzw. künstlerisch schnell vom Licht überblendet, um nicht zu kitschig zu werden.

Sodann gibt es da das Problem, dass niemand „zurückgekommen“ ist und verlässlich befragbar wäre. Im Neuen Testament wird diese unbedingte Grenze sehr eindrücklich beschrieben im Gleichnis „Vom reichen Mann und armen Lazarus“ (Lukas 16,19-31). Der namenlose Reiche scheitert darin kläglich bei seinem Versuch, aus dem Hades heraus noch ein letztes Mal seine guten Beziehungen spielen zu lassen, diesmal zu Vater Abraham höchstpersönlich. Weder schafft er es, etwas von den irdischen Herrschaftsverhältnissen über den Tod hinaus zu retten („sende Lazarus, damit er ... mir die Zunge kühle“). Noch gelingt es ihm, seine eigenen negativen Erfahrungen als religiöses Herrschaftswissen zu vermitteln, um wenigstens für die Seinen etwas herauszuschlagen („sende ihn in meines Vaters Haus“). Nein, Lazarus, der unbeachtete Bettler mit den Geschwüren unterm Tisch bei den Hunden, der jetzt einen Namen trägt, bleibt in Abrahams Schoß. Und wir bleiben wie die zahlreichen Brüder des Reichen in der Unsicherheit, ob es denn wahr ist mit dem Leben nach dem Tod und wie es dort aussieht. Der Tod bleibt erkenntnistheoretisch eine harte Grenze und der Himmel außerhalb des Bereichs empirisch verifizierten Verfügungswissens. Auch in dieser Geschichte erscheint der Himmel nur metaphorisch verschwommen („von den Engeln getragen in Abrahams Schoß“) gegenüber den sehr anschaulich geschilderten Zuständen in der Hölle. ...

Der Prophet auf der Palme

Glaube - Politik - Stadt


Theologische Impulse 9, von Dr. Thorsten Latzel

Eines der, wie ich finde, witzigsten Bücher in der Bibel ist die Jona-Geschichte. Es ist zugleich eine Geschichte über ein Kerngeschäft von Theologie: die Vermittlung von Glaube, Politik und Stadt. Kuscheln Sie sich also bequem auf Kissen, Klappstuhl, Küchenbank. Ich erzähle Ihnen die Geschichte.

Da bekommt Jona von Gott den Auftrag, der Stadt Ninive das kommende Gericht Gottes anzusagen. Soweit so klar. So etwas gehört zum Stellenprofil, wenn man Prophet ist. Doch Jona haut ab, stracks in die andere Richtung.

Anstatt nach Ninive flieht er mit dem Schiff an den Rand der damals bekannten Welt nach Tarsis. Irgendwo hinter Honolulu.

Und Gott greift zum ersten Mal ein. Er schickt einen Sturm. Die heidnischen Seeleute rudern und schmeißen die Ladung über Bord und schreien in ihrer Not - ein jeder zu seinem Gott. Nur Jona liegt unten im Schiff und schläft.

Bis ihn der Schiffsherr weckt und ihn, den Propheten, auffordert zu seinem Gott zu beten: „Vielleicht kann er uns helfen“. Doch am Ende hilft all das Beten nichts. Da werfen die Seeleute das Los, wer an dem Unheil schuld sei.

Das Los trifft Jona. Alle Blicke zielen auf ihn. Und er erzählt ihnen seine Geschichte und die Geschichte seines Gottes. Des Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat. Und er fordert sie auf, ihn den Fremdling über Bord zu werfen. Das Boot ist schließlich voll. Also raus mit dem Fremden. Das kennt man. Doch noch einmal kämpfen und rudern und mühen sich die Heiden für ihn ab. Er ist schließlich ein Mensch - wie sie. Doch vergeblich. Am Ende müssen sie ihn über Bord werfen. Und das Meer wird still und lässt ab von seinem Wüten.

Da handelt Gott zum zweiten Mal. Diesmal schickt er einen großen Fisch. Der verschluckt Jona. Nicht so schön. ...

„Sieben Todsünden der modernen Welt“
Im Gespräch mit Mahatma Gandhi


Theologische Impulse 8, von Dr. Thorsten Latzel

Die „Sieben Todsünden der modernen Welt“ nach Mahatma Gandhi

Pleasure without conscience 
(Genuss ohne Gewissen)              
Knowledge without character
(Wissen ohne Charakter)               
Politics without principle 
(Politik ohne Prinzipien)                
Commerce without morality 
(Geschäft ohne Moral)                                  
Wealth without work 
(Reichtum ohne Arbeit)                                  
Science without humanity 
(Wissenschaft ohne Menschlichkeit)        
Worship without sacrifice 
(Religion ohne Opferbereitschaft)              

Zivilisationskritik - grundlegend, prinzipiell und radikal -  ist zurzeit en vogue. Schon ein kurzer Gang durch die Auslage einer beliebigen Buchhandlung spricht hier Bände: Es fängt an mit der Art, wie wir denken: Langsames Denken (Daniel Kahnemann), die Kunst des Klugen Denkens (Rolf Dobelli), Selber Denken (Harald Welzer). Es geht über die Frage, wie wir leben, essen, konsumieren - und uns selbst und die Schöpfung dabei erschöpfen:

„Anständig essen“ (Karen Duve), „Leben als Konsum“ (Zygmunt Baumann), die „Müdigkeitsgesellschaft“ (Byung Chul-Han). Bis hin zur grundlegenden Infragestellung der Systeme: die „Entscheidung“ Kapitalismus versus Klima (Naomi Klein). Um es mit dem Protagonisten aus den Känguru-Chroniken zu sagen: „Nutzen Sie das Klima der allgemeinen Angst, schreiben Sie einen Lebensberater oder ein Krisenbuch.“ Es knirscht in den tragenden Balken unserer Gesellschaft. Ein weit verbreitetes Grundgefühl, das auch in vielen Veranstaltungen der Evangelischen Akademien begegnet: „dass es irgendwie nicht stimmt.“

Der eingangs zitierte Text von Mahatma Gandhi wurde vor fast 100 Jahren, im Oktober 1925 erstmals in der Zeitschrift „Young Idia“ veröffentlicht. Er ist gleichsam so etwas wie ein Urdokument der Zivilisationskritik am Anfang der Moderne. Das Unbehagen an der Moderne ist so alt wie sie selbst. Der Text öffnete einen hilfreichen, anderen Blick auf aktuelle Herausforderungen der Gesellschaft. ...

Nächte aschenen Schweigens oder:
Dem Anderen im Leid ein Freund sein


Theologische Impulse 7, von Dr. Thorsten Latzel

Welche Person können Sie eigentlich in der Bibel am wenigsten leiden?

Den Brudermörder Kain? - Den grausamen König Herodes? - Den Verräter Judas?

Die drei gehören sicher zu den unbeliebtesten Gestalten in der Bibel. Was verständlich ist, aber auch irgendwie schade. Handelt es sich doch bei ihnen durchweg um hoch interessante Charaktere. Erzähltheoretisch würde man von Trickster-Figuren sprechen: Figuren, die irgendwie zwischen Gut und Böse changieren. Personen, zwischen übermenschlicher Macht und untermenschlichem Trieb. Die etwas Anderes sind, als sie zu sein vorgeben. Und die gerade so eine zentrale Rolle für den Verlauf der Geschichte spielen. Wie hätte etwa die Passion und Ostern funktionieren sollen, wenn Judas nicht gewesen wäre? Walther Jens hat das in seinem Buch „Der Fall Judas“ schön beschrieben.

Auch Paulus schneidet ja bei vielen Religiösen wie Nicht-Religiösen nicht sonderlich gut ab. Zu fundamental, freudlos, frauenfeindlich. Blöd nur, dass das halbe Neue Testament von ihm stammt.

Doch wie steht es eigentlich mit den internationalen Freunden Hiobs?
Elifas von Taman, Bildad von Schuach, Zofar von Naama. Auch sie hätten - würde man ein Beliebtheits-Ranking bei den biblischen Gestalten machen - einen kanonischen Kellerplatz sicher. Von dem nervigen verspäteten Jüngling Elihu ganz zu schweigen. Sie stehen gleichsam als Inbegriff für abstrakte Theologen. Für dogmatische Weisheitslehrer, die in der schrecklichen Richtigkeit ihrer Lehre am Leid des Einzeln vorbeigehen. Für Freunde, die dann, wenn man sie selber braucht, nur kluge Ratschläge haben. Und die sich darin nicht nur an ihrem Mitmenschen, sondern auch an Gott schuldig machen. Weil sie tragischer Weise gerade im Versuch, richtig von Gott zu sprechen, Gott selbst widersprechen. Am Ende des Hiob-Buches werden die Freunde denn auch von Gott höchstpersönlich kritisiert - und auf die Fürbitte Hiobs verwiesen, die sie eben nicht für ihn geleistet haben. ...

Vom Gekreuzigten und der Krux mit den Kreuzen
Wider die Logofizierung eines Symbols

 

Theologische Impulse 6, von Dr. Thorsten Latzel

Als Markus Söder im April letzten Jahres dekretierte, dass in allen bayrischen Staatsbehörden Kreuze zu hängen haben, war die Empörung in den Kirchen groß. Zurecht. „In diesem Zeichen wirst Du im Wahlkampf siegen.“ Hier hatte einer offensichtlich die Lehren aus der Geschichte nicht richtig verstanden. Das Kreuz taugt weder als hegemoniales Machtsymbol. Noch lässt es sich zu einem bloßen christlich-abendländischen Kulturmarker ohne religiösen Gehalt machen.
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Die tieferliegende Frage freilich ist, wie wir in den Kirchen mit dem Kreuz umgehen. Etwa, wenn man sich einmal die Auftritte der zwanzig evangelischen Landeskirchen ansieht: Gepinselt, gepunktet, rechteckig, winklig, facettenförmig, verschoben, gebrochen, vielfarbig, eindimensional, eindeutig. Das Kreuz ist unter die Graphiker und Öffentlichkeitsarbeiter gefallen. Nähme man die zigtausenden kirchlichen bzw. diakonischen Einrichtungen, Vereine, Verbände, Werke und Gemeinden dazu, die Pupille würde einem platzen. Wir haben das Symbol zum Logo gemacht. „In diesem Zeichen werdet ihr kommunikativ siegen.“ Was für ein Unsinn. Nun mag es ein berechtigtes Interesse von Institutionen geben an Sichtbarkeit und Wiedererkennbarkeit. Doch das Kreuz taugt sicher nicht dazu. Als Symbol ist das Kreuz anstößig, paradox, mehrdeutig. Es ist uneigentlich, nicht funktionalisierbar, transparent für etwas Anderes. Es wirft Sinnebenen zusammen (so griech. symballein), hat Begegnungscharakter und theologisch-ästhetischen Mehrwert. Das alles bietet das Logo aber gerade nicht.

Genauso wenig taugt das Kreuz aber auch als hierarchisches Statussymbol, etwa als Bischofskreuz für das Bischofsamt, sei es nun in massivem Silber oder Gold. Die Schwere dieses Amtes bemisst sich doch nicht in Karat. Wie eine himmlische Bürgermeisterkette. Klerikalisierungen stehen der evangelischen Kirche generell schlecht zu Gesicht. Und mir fällt, ehrlich gesagt, nichts ein, worin derart gestaltete Kreuze die Verkündigung des Gekreuzigten irgendwie befördern könnten, aber durchaus einiges, worin sie das nicht tun. ...

Von Nachtdämonen und der Kunst zu schlafen


Theologische Impulse 5, von Dr. Thorsten Latzel

Unter tausend Kissen keine Ruh

Kann nicht schlafen / Trotz langer Listen von blöd-braven Schafen
Wälze bis zum Verrecken / Sorgen, Kissen, Fragen, Decken
In Kopf-Labyrinthen ohne Ecken / Zweifel-Zecken in Hader-Hecken
Will in die Federn / Lande auf Rädern
Und unter tausend Kissen keine Ruh.

Bis der Morgen graut / Ewig auf die Uhr geschaut
Doch irgendwie, -wann, -wo weg / Träum wild, wirr, wüsten Dreck
Renn auf Treppen ohne Ende / Stürz in Tiefen, gegen Wände
Komm nicht von der Stelle / Und doch in die Hölle
Am Ende des Gangs ein langer Strick / Kaltes Grinsen, eisiger Blick.
Und unter tausend Kissen keine Ruh.

Schlepp mich schlapp / Fahrig, tranig, madig
Durch Runden unverbundener Stunden / Verspannter Blick, verkrampftes Genick
Unverhohlen unerholt /Zerzauster Schopf, dröhnender Kopf
Müdes Gähnen / Erschöpftes Sehnen
Und unter tausend Kissen keine Ruh.

Jeder vierte bis jeder dritte Deutsche leidet unter Schlafstörungen. Die Studien schwanken je nach Definition und Befragungsansatz. Die Symptome der Schlafstörung (Insomnie) sind vielfältig: Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Einschlafprobleme, Nachtangst, Alpträume, Durchschlafprobleme (besonders beliebt bei Männern gehobenen Alters), dauerhaft nicht erholsamer Schlaf, Beine, die nicht zur Ruhe kommen (restless legs), Schlaf-wandeln, Schlafsucht, wirkliche Schlaflosigkeit, Schlaf-Apnoe. Mit Folgen für Herz-Kreislauf, Bluthochdruck, Leistungsabfall, Übergewicht, Depressionen, psychischen Störungen. Es ist eine Last mit der Rast - gerade in einer dauer-mobilen Gesellschaft.

Ein krasses Gegenbild dazu ist die Geschichte von der Sturmstillung (Markus 4, 35-41). Da liegt Jesus im Boot und schläft. Mitten im Ungewitter. Während die Jünger rudern, rackern, kämpfen - ohne Rast, ohne Ruhe und ohne Erfolg -, liegt Jesus nur da und schläft. ...

Von blinder Wut, heiligem Zorn und politischer Empörung
Zum Umgang mit Emotionen in Politik und Religion


Theologische Impulse 4, von Dr. Thorsten Latzel

Fast täglich sehen wir sie in den Nachrichten: Menschen, die vor Wut geifern, brüllen, randalieren. „Merkel muss weg!“ Man spricht von Wut-Bürgern oder Angst-Gesellschaft, früher oft als „furor teutonicus“ bzw. „German Angst“ beschrieben. Dabei ist beides längst keine deutsche Spezialität. Ob gewalttätige Gelbwesten in Frankreich, verbitterte Trump-Fanatiker in den USA oder Pegida-Demonstranten in Deutschland: Wut ist international an der Tagesordnung.
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Doch was unterscheidet „blinde Wut“ eigentlich von der notwendigen politischen Empörung, wie sie etwa der Résistance-Kämpfer und Diplomat Stéphane Hessel forderte (Empört Euch!, 2010)? Wie soll man politisch mit Wut oder Empörung umgehen? Und was können Religion und Glauben dazu beitragen – die ihren eigenen „(un-)heiligen Zorn“ kennen? Etwa wenn der eifernde Jesus die Händler aus dem Tempel treibt (Joh 2,13ff.), Saulus gegen die Anhänger des neuen Weges wütet (Apg 9,1) oder der rasende König Saul wahlweise David oder seinen eigenen Sohn Jonathan mit dem Speer zu durchbohren sucht (1 Sam 18-20)? Es ist an der Zeit, über unseren Umgang mit starken Gefühlen in Politik wie in Religion neu nachzudenken.

Emotionen gelten unter gebildeten Erwachsenen vielfach als suspekt. Zumindest wenn es um Wut, Zorn und Ärger geht: Sie sind blind, zufällig, unbeherrscht. Eine Sache von Cholerikern, Chaoten und kleinen Kindern. Oder von schlechten Verlierern, die ihren Tennisschläger zertrümmern. Anders dagegen die Emotionsforschung: Sie betont die Bedeutung von Gefühlen, weil sie ein fester Bestandteil unseres menschlichen Wesens sind, uns als Ganzes betreffen (einschließlich des Körpers) und tiefer reichen als viele unserer rationalen Ideen, Werte oder Moralvorstellungen. Entsprechend hat auch die Praktische Theologie in einer ihrer zahlreichen „turns“, diesmal dem „emotional turn“, die theologische Bedeutung von Scham, Ärger und Wut neu entdeckt. ...

"Versteh Gott nicht so schnell!"
Wenn Gläubige und Atheisten streiten


Theologische Impulse 3, von Dr. Thorsten Latzel

Wenn Gläubige und Atheisten streiten, dann frage ich mich oft, auf wessen Seite dabei eigentlich Gott stehen mag. Ich spreche hier nicht von solchen Gesprächen, wo man den Eindruck hat: „Heute boxt Unverstand mit Dummheit“. Nein, der Fund eines antiken morschen Brettes am Berge Ararat ist noch kein Beleg dafür, dass die Bibel doch recht hat. Und umgekehrt taugen Dinosaurier ebenso wenig für die Widerlegung des Glaubens an Gott. Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie lassen sich sehr gut miteinander verbinden. Und das Verhältnis von historischen und erzählerischen Wahrheiten in den alten Glaubensgeschichten (wie z.B. bei der Sintflut) ist etwas komplexer. Solche Gespräche sind schlicht schief, weil man auf beiden Seiten rein gedanklich weiter sein könnte und die eigentlichen „crucial points“ gar nicht erreicht.

Es geht mir vielmehr um die tiefergehenden, gehaltvollen Gespräche zwischen Gläubigen und Atheisten. Um solche Gespräche, bei denen sich beide darauf einlassen, von dem zu reden, was sie selbst unbedingt angeht, was sie persönlich betrifft, was Halt und Hoffnung für sie ist. Für ihr Leben und ihr Sterben. Auch hier scheinen mir die „Fronten“ nicht so klar zu sein, wie es oft erscheint. Die Gefahr bei „uns Gläubigen“ ist, dass wir Gott allzu oft, allzu schnell und allzu gut verstehen. Gleichsam besser als Gott sich selbst. Jesus Christus selbst stirbt am Kreuz, dem Symbol christlichen Glaubens, mit dem Schrei der Gottverlassenheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Markus 16,34; Matthäus 27,46). Das sollte uns vor einer „vor-frommen“ Vereinnahmung Gottes wider dessen Willen bewahren.

Ein Theater-Intendant fragte neulich bei einem öffentlichen Gespräch kritisch an, wo eigentlich die Ambivalenzen in den christlichen Gottesdienst blieben. Ob die Spannungen nicht (anders als im Theater) immer schon aufgelöst, harmonisiert wären. Wir sind eben alle immer schon irgendwie angenommen. Wir rücken Gott allzu nahe. Verduzen uns mit dem Unbegreiflichen. Und werden weder Gott noch uns noch die Welt in ihrer tiefen Paradoxalität, ihrer Widersprüchlichkeit gerecht. ...

Das Problem von Weihnachten und die Piefigkeit meiner Neujahrsvorsätze oder:
was es mit Epiphanias auf sich hat


Theologische Impulse 2, von Dr. Thorsten Latzel

Mit Weihnachten habe ich, ehrlich gesagt, ein Problem. Mir geht das Ganze viel zu schnell. Zu glatt. Zu einfach. Auf einmal soll alles gut sein. Ist es aber nicht. Die Engel singen, Christus ist geboren. Danach geht’s um 19 Uhr zum Festessen und dann ist Bescherung. Und der Lauf der Welt bleibt, wie er war.

Natürlich besucht man seine Familie, Verwandten, Freunde. Was schön und wichtig ist.

Fährt vielleicht noch Ski. Auch schön und wichtig. Und dann steht schon Silvester an, mit den guten Vorsätzen fürs neue Jahr. Spätestens dann hat es sich aber auch mit dem Weihnachtswunder. Realitäts-Cut. Ab jetzt zählen Pfunde.

Und wie klein und piefig fallen dann in aller Regel meine Vorsätze für das neue Jahr aus - angesichts dessen, was wir an Weihnachten gerade gefeiert haben. Da feiern wir also, dass der Heiland der Welt in einem Stall geboren wird, dass Gott den Himmel auf den Kopf stellt, dass endlich Frieden werde auf der Erde. Und ich nehme mir vor: 5 oder 10 Kilogramm weniger Fett auf den Hüften. Mehr Sport machen und Lesen. Mehr Zeit für mich und die Familie. Auch das ist alles schön und wichtig. Aber zum Abnehmen, Bücherlesen und Entschleunigen hätte es die Sache mit dem Stall nun auch nicht wirklich gebraucht. Irgendwie bleibt da doch etwas auf der Strecke. Entweder nehme ich meinen eigenen Glauben nicht wirklich ernst. Oder mein Alltag und mein Glauben spielen in unterschiedlichen Sphären, passen beide vielleicht einfach nicht zusammen. Oder ich gebe mich einfach mit viel zu wenig zufrieden.

Nun gibt es im Kirchenjahr ein eigentümliches Fest, das ich lange nicht begriffen habe. Ein Fest, das aber genau mit dem zu tun hat: der geringen Halbwertszeit von Weihnachten und dem eigentlichen, rechten Maßstab meiner Neujahrsvorsätze. Epiphanias, das Fest der „Erscheinung“ des Herrn.

Für mich war das lange Zeit irgendwie so ein seltsamer Weihnachtsnachklapp. Ein verspäteter Heilig Abend für die orthodoxen Christen. Der 6. Januar mit den „Heiligen Drei Könige“ als katholische Sternsinger-Aktion und als Anlass für politische Partei-Inszenierungen. Als Protestant, noch dazu mit reformierter Herkunft, konnte ich damit ziemlich wenig anfangen. ...

Trotzdem!
Von der geistlichen Kraft zum Widerstand in einer verrückten Welt


Theologische Impulse 1, von Dr. Thorsten Latzel

Es sind drei Fragen, die mich zurzeit beschäftigen. Drei Fragen, die in besonderer Weise zusammenhängen:

  1. Was hilft uns als Gesellschaft, mit „Krisen“ umzugehen, den vermeintlichen wie den wirklichen?

  2. Was gibt mir (und anderen Menschen) die innere Kraft zu widerstehen?

  3. Was bedeutet es, im 21. Jahrhundert protestantisch an Gott zu glauben?

Zunächst zu den Krisen: „Krise“ gehört zu den Grundbegriffen des kollektiven Zeitgefühls wie der medialen Selbstbeschreibung am Anfang des 21. Jahrhunderts: Flüchtlinge, Banken, Euro(pa), Terror, Klima – die Liste ließe sich beliebig verlängern. Zur „Krisenbewältigung“ gehört dann jeweils ein festes Repertoire der Berichterstattung, das von einer übersensiblen, erlebnisorientierten Gesellschaft entsprechend aufgenommen wird. Beide zusammengenommen tragen zu dem unguten Hamlet’schen Gefühl bei, dass die Welt aus den Fugen, im eigentlichen Sinne „ver-rückt“ ist. Und dass es allein an mir (oder im kollektiven Narzissmus an uns) liegt, sie wieder einzurenken. Aus kritischen Situationen wird so erst die Krise, dann eine „Krisen-Kultur“, am Ende die unvermeidliche Katastrophe.

Nun kann man weder die genannten realen Herausforderungen einfach auf ein Wahrnehmungsproblem reduzieren. Noch lässt sich der schwarze Krisen-Peter einfach den Medien (oder der Politik oder „denen da oben“) zuschieben. Kritisch ist jedoch der „Krisen-Hype“, mit dem gegenwärtig auf schwierige Situationen reagiert wird. Zu seinen Kennzeichen gehört, dass eine aktuelle Herausforderung stets als Höhe-/Wendepunkt einer dramatischen Entwicklung begriffen wird. Damit geht emotional ein Bedrohungsgefühl einher, kognitiv ein Informationsdefizit, prozessual ein besonderer Handlungsdruck. Der Alltag ist unterbrochen, die Wahrnehmung kanalisiert (Tunnelblick), es herrscht Zeitdruck („fünf vor zwölf“). Das alles trägt aber gerade nicht zu einem klugen Krisenmanagement bei. Es wäre daher klug, kritischer mit dem Krisen-Begriff zu sein. ...