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Glauben denken

Theologische Impulse

Theologische Impulse, das sind kleine Beobachtungen über die großen Zusammenhänge: Protokolle aus dem Leben, überraschende Erkenntnisse, Gedichte und Gebete. In diesem Blog schreibt Akademiedirektor Thorsten Latzel, was ihn beschäftigt, in seiner Arbeit als Theologe, aber auch im Alltag mit der Familie.

 
 

„Ich gehöre nicht dazu. Habe ich eigentlich noch nie.“

Vom falschen, gefährdeten und neu begründeten „Wir“

Ich gehöre nicht dazu. Habe ich eigentlich noch nie. Hat nur zum Glück bis jetzt noch niemand gemerkt. Die Eltern: Flüchtlinge. Mein Vater – ein Katholik aus Schlesien im evangelischen Wittgenstein. Für die gab es damals einen eigenen Schulhof. Meine Mutter – das einzige Mädchen unter sieben Brüdern, die damals ohne irgendetwas aus Danzig kamen. So was steckt tief in den Genen.

Wir waren dann die Ersten, die auf ein Gymnasium gegangen sind. Arbeiterkinder – Willy Brandt sei Dank. „Also, wir können euch da nichts helfen. Wenn’s nicht klappt, müsst ihr eben abgehen.“ Das Gleiche im Studium. Zur Sicherheit versucht man, die Erwartungen doppelt zu erfüllen. Als Vikar kam ich aus einer anderen Landeskirche. „Beutehesse.“ In der Seelsorgeausbildung erzählte eine Ausbilderin von einem Mann, der sich in einer Gruppe immer so vorstellte: „Guten Tag, ich heiße N.N. Und ich stinke nicht.“ Eine skurrile Szene, die mir aber irgendwie in Erinnerung geblieben ist. Kann man Fremdheit, Anderssein eigentlich riechen?

„Ich gehöre nicht dazu.“ Der Satz klingt seltsam aus dem Mund eines weißen, männlichen, mittelalten, biodeutschen Akademikers. Viele Menschen erfahren dies tagtäglich noch einmal in ganz anderer Form. Frauen in Männerberufen oder in Aufsichtsräten: „Sehr geehrte Dame, sehr geehrte Herren.“ Junge Erwachsene, die mit ihren Eltern aus Russland eingewandert sind: Dort waren sie Deutsche. Hier sind sie Russen. Menschen mit einer dunkleren Haut oder einem fremd klingenden Namen. „Und woher stammst du jetzt eigentlich?“ Muslime, Homosexuelle, Behinderte, Arbeitslose, Dicke, Alte, Ostdeutsche. Das Gefühl, fremd zu sein, nicht so richtig dazuzugehören, ist viel verbreiteter, als man denkt. Wer sind eigentlich diejenigen, die am Ende noch dazugehören? Der „heilige Rest“?

Theologischer Impuls 58 von Dr. Thorsten Latzel
zum 31. Mai 2020

„Weil du fehlst …“

Von Einsamkeit und leeren Stühlen

Die Corona-Pandemie verursacht Leiden verschiedener Art. Eine sehr intensive Form ist Einsamkeit. Wenn niemand da ist, mit dem man reden, lachen, streiten kann. Wenn die Menschen fehlen, die für einen wichtig sind. Oder wenn man sie kaum noch sehen kann. Dies betrifft oft Menschen, die allein leben. In Deutschland etwa jede/r fünfte, rund 40 Prozent aller Haushalte. Häufig auch Ältere, weil sich die Lebenskreise mit den Jahren von selber zusammenziehen.

Mich hat in den letzten Tagen ein Interview mit dem 84-jährigen Rentner Alfons Blum berührt. Er ist seit 63 Jahren mit seiner Frau verheiratet. Seit Dezember ist sie wegen ihrer Demenz im Pflegeheim, wegen der Pandemie konnte er sie nun seit acht Wochen nicht mehr besuchen. Bei einer Demonstration in Gera erzählt er – unter Tränen – seine Geschichte einem Reporterteam von „ARD Extra“. Bis er auf einmal von einem anderen Demonstranten wütend angegangen wird, weil er nicht kapiere, dass das „Merkel-Regime“ an allem schuld sei. Wenn man ARD und ZDF zuhöre, habe man die Kontrolle über sein Leben verloren. Wut-Ideologie gegen das konkrete Leiden eines alten Menschen.

Doch Einsamkeit ist keineswegs auf Singles oder Alte begrenzt. Menschen fühlen sich allein auch mitten in ihrer Familie oder in einer glücklichen Beziehung. Ich kann einsam sein, auch wenn andere um mich sind. Noch viel mehr, wenn die ganze Besetzung meines Lebens mit einem Mal radikal zusammengestrichen ist. Das Fehlen von Freunden, die mich verstehen. Von Kolleginnen, mit denen ich gemeinsam eine Arbeit leiste, Teil von etwas Größerem bin. Oder einfach von vertrauten „Gesichtern“ ohne Namen, die ich sonst auf der Straße, in der Kirche oder am Kiosk getroffen habe. Zu meinem Leben gehört ein ganzer Schwarm von „anderen“. Normalerweise.

Theologischer Impuls 57 von Dr. Thorsten Latzel
zum 22. Mai 2020

„Über das Zählen und Spalten von Haaren“

Der Gang zum Frisör gehörte für viele zu dem, was sie in der Zeit der kollektiven Quarantäne – neben zahlreichem anderen – besonders vermisst haben. Und zu den ersten Dingen, die sie dann nachgeholt haben. Dazwischen gab es acht, neun Wochen lang ein Kollektiv wuscheliger Haare. Bei Freunden, im Fernsehen, auf Facebook sah man, wie Frisuren sich nach und nach anarchisch auflösten. Und zum besonderen Schreck auch im eigenen Spiegel. Nach dem Shutdown kam dann der Cutdown. Fransen-Pony, Locken, Long Bob, Zöpfe, Pixie Cut, Zöpfe sind geschnitten und hergerichtet. Jetzt ist die Zeit, sich wieder in die Haare zu kriegen.

Die einen raufen sie sich, weil sie nicht verstehen, wie manche den gemeinsam erreichten Erfolg der Quarantäne nicht erkennen („Präventions-Paradox“) und ihn jetzt leichtfertig aufs Spiel setzen. Die anderen halten viele Statistiken für Haar-Spaltereien, angesichts derer man die massiven Kollateralschäden aus dem Blick verliert. Um der Gefahr diskursiver Verhärtungen zu entkommen, können manchmal kulturelle Umwege hilfreich sein. Daher hier ein paar Gedanken zu Haaren im Allgemeinen und ihrer gesellschaftlichen bzw. geistlichen Bedeutung im Besonderen.

In einer meiner aktuellen Lieblingsserien „Fleabag“ – über die zotigen Sprüche am Anfang muss man etwas weghören – gibt es eine großartige Szene im Frisörsalon. Die Hauptperson Fleabag (deutsch „Flohsack“), gespielt von Phoebe Waller-Bridge, stürmt mit ihrer Schwester Claire in den Laden, um Anthony, den Besitzer, rund zu machen, weil der Claires Frisur verdorben habe (2. Staffel, Folge 5) …

Theologischer Impuls 56 von Dr. Thorsten Latzel
zum 17. Mai 2020

„Halbwahrheiten“ sind kompletter Blödsinn

Ein Impuls aus aktuellem Anlass

Im Internet wie bei vielen Demonstrationen kursiert im Augenblick oft krudester Unsinn bis hin zu ausgewachsenen Verschwörungstheorien. Hier von „Halbwahrheiten“ zu reden, ist nicht nur eine maßlose Untertreibung. Der Begriff ist schon in sich problematisch - ebenso wie die Rede von einem „postfaktischen Zeitalter“, das es nicht gibt, weil Fakten nicht aufhören, Fakten zu sein, auch wenn man sie leugnet. Aber zu dem Begriff „Halbwahrheit“: Wenn man sagt: „Die Erde ist eine Scheibe“, dann ist daran natürlich richtig erkannt, 1. dass es eine Erde gibt, 2. dass sie eine bestimmte Form hat, 3. dass es auf Grund ihres großen Umfangs in unserer Alltagserfahrung so scheint, als wäre sie einfach flach. Dennoch ist die Aussage nicht halb, sondern komplett unsinnig. Die Erde ist keine flache Scheibe, auch nicht halb flach. Das lässt sich auch mit bloßem Auge erkennen, wenn man ein davonfahrendes Schiff auf Grund der Erdkrümmung am Horizont langsam verschwinden sieht. Nur zur Sicherheit: Nein, es fällt dann nicht runter. Es ist für uns nur nicht mehr zu sehen. Selbst die Durchsetzung dieser relativ leicht zugänglichen Einsicht in der Breite der Menschheit hat lange gedauert - mit einer wenig rühmlichen Rolle der verfassten Kirche.

Theologischer Impuls 55 von Dr. Thorsten Latzel
zum 13. Mai 2020

Mit dem Sterbenden leben

Jesu letzte Worte als Wegweiser für die Begleitung Sterbender

Zu den größten Errungenschaften unserer Gesellschaft in den letzten fünfzig Jahren gehört meines Erachtens die Entwicklung der Hospizbewegung und der damit verbundenen Palliativarbeit. Gerade angesichts der obsessiven Inbrunst, mit der manche Zeitgenossen immer wieder vom „Untergang des christlichen Abendlands“ reden, tut es gut, an „Gelingensgeschichten“ wie diese zu erinnern. Sie wurde angestoßen durch die Pionierarbeit von Menschen wie der englischen Krankenschwester und Ärztin Cicely Saunders (Gründerin des St. Christopher’s Hospice als erstem modernen Hospiz, London, 1967) oder den frühen, noch nicht esoterischen Schriften der schweizerisch-US-amerikanischen Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross („On Death and Dying“, 1969; dt.: „Interviews mit Sterbenden“, 1971). Den sterbenden Menschen und seine Angehörigen nicht allein zu lassen, der gesellschaftlichen Tabuisierung von Tod und Sterben entgegenzuwirken und einer unnötigen Verlängerung des Lebens durch maschinelle Medizin ebenso zu widersprechen wie dessen Verkürzung infolge eines Rufs nach „aktiver Sterbehilfe“ (Tötung auf Verlangen) – all das gehört zu den großen Leistungen der Hospizbewegung. Neben anderen Institutionen waren und sind die Arnoldshainer Hospiztage, die dieses Jahr zum dreißigsten Mal begangen wurden, eine wichtige Größe für die Stärkung und Etablierung der Hospizbewegung in Deutschland und speziell in Hessen.

Ein wichtiger Impuls von Cicely Saunders ist es, das Leiden von sterbenden Menschen (und ihren Angehörigen) umfassend in den Blick zu nehmen („concept of total pain“): neben dem körperlichen Schmerz eben auch sein oder ihr physisches, psychisches, soziales und spirituelles Leiden (physical, psychological, social and spiritual pain). Zum geistlichen, spirituellen Leiden gehören dabei nach Saunders etwa der Zorn auf das Schicksal oder Gott, die Suche nach Sinn, der drohende Verlust des Glaubens, die Angst vor dem Unbekannten. Deshalb spielt der Glaube des Sterbenden wie derjenige der ihn begleitenden Menschen eine so große Rolle.

Theologischer Impuls 54 von Dr. Thorsten Latzel
zum 15. März 2020

Flowerpower

Wie die Blumen auf dem Felde

Kirchenjahreszeitlich wirken Blumen zwar etwas deplaziert, jetzt in der Passionszeit, wenn es in den Gottesdiensten auf Abendmahlstischen und Altären oftmals kahler wird. Und auch das Wetter draußen lässt nicht gerade blumige Gedanken und Frühlingsgefühle aufkommen. Doch die Wetterkundler, die Meteorologen, kümmert das wenig. Sie machen es sich einfach und setzen den 1. März als Frühlingsanfang fest - auch wenn noch die eine oder andere Schneeflocke fallen sollte. Und spätestens am 20. März fängt der Frühling auch kalendarisch an. Die Länge von Tag und Nacht sind einander gleich. Von nun an ist mehr Licht als Dunkel zu sehen. Anlass genug, diesen theologischen Impuls einmal den Blumen zu widmen.

Schaut man in der Bibel nach, wo dort Blumen vorkommen, so stellt man fest, dass sie in ihr ziemlich schlecht abschneiden. Nur an wenigen Stellen ist überhaupt von Blumen die Rede - und dann zumeist in einem kritischen Sinn. Und das, obwohl das Land Israel jedes Frühjahr prächtige Blüten trägt. Die biblische Blütenlese fällt dagegen mager aus. Geradezu ein floristischer Sündenfall.

Von Gärten ist zwar an zentralen Stellen die Rede: Der Garten Eden ganz am Anfang beschreibt das Ideal irdischen Daseins. Jesus wandelt in den Passions- und Ostergeschichten durch Gärten. Und in der Offenbarung, ganz am Ende, wird die künftige Herrlichkeit als Garten vorgestellt, bewässert von einem Strom lebendigen Wassers, der von Gottes Thron ausgeht.

Auch Bäume kommen häufig vor: Etwa der Baum des Lebens oder der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in besagtem Garten Eden. Von den Nachbarvölkern Israels werden die Bäume als Sitz von Göttern kultisch verehrt. Mit ihrer Langlebigkeit und Beständigkeit werden sie zum Sinnbild für das Leben des Glaubenden.

Aber die Blumen kommen recht schlecht weg. Zu kurzlebig: gestern noch auf dem Feld, heute in der Vase, morgen schon auf dem Kompost. So werden sie zum Zeichen des Vergänglichen, zum Bild für die Flüchtigkeit des menschlichen Lebens.

Theologischer Impuls 53 von Dr. Thorsten Latzel
zum 8. März 2020

Der 29. Februar und das „ewige Leben“

„Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag“. So lautet der Titel eines Buches der Journalistin Katrin Bauernfeind. Pointierter Ausdruck eines verbreiteten gesellschaftlichen Lebensgefühls in der Turbo-Gesellschaft: Vor lauter Zeitmanagement und Termine kommt man nicht zum Eigentlichen. Und eine schöne Idee: ein Plus-Tag für all die unerledigten Dinge, für das ungelebte Leben - „endlich ich, Zeit für mich“.

Doch die Frage ist ja, was würde ich tatsächlich mit so einem Zwischen-Tag anfangen, wenn es ihn gäbe. Oder mit einem meiner Lieblingssätzen aus dem Briefroman „Die Leiden des Werthers“ zum 17. Mai:

„Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bißchen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu werden.“

Nun, in 2020 gibt es ja ein solchen besonderen Tag. Zwar ist der 28. Februar ein normaler Freitag. Und der nächste Tag ein normaler Samstag. Aber der Wochenrhythmus kaschiert, dass es diesen Tag im sogenannten „Gemeinjahr“ nicht gibt: den 29. Febr., den 366. Tag. Den Bonus-Extra-Gratis-Tag im Schaltjahr.

Die Frage lautet also noch einmal konkretisiert: Was fange ich an mit diesem zusätzlichen Bonus-Extra-Gratis-Tag im Jahr. Ich glaube, die Antwort darauf, hängt damit zusammen, wie ich mir das „ewige Leben“ vorstelle. Drei Möglichkeiten:

Variante 1 - Die quantitative Lösung

Ich hole auf im Rennen gegen die Uhr. Und erledige alles, wofür mir sonst die Zeit fehlt: Sport machen, die Wohnung aufräumen, Wäsche bügeln, Katzenklo reinigen, Eis essen mit den Kindern, Freunde treffen, den Wocheneinkauf erledigen, Eltern besuchen, Rechnungen abheften, ein Buch lesen. Ein ganzer Tag - 24 h - mehr im Jahr, der März ist erst morgen.

Dem entspricht eine Vorstellung des ewigen Lebens als Verlängerung („prolongation“) der irdischen Spielzeit - die unendliche Abfolge von lauter 29. Februaren. O.K. vielleicht ohne Wohnung aufräumen, Wochenendeinkauf und Wäschebügeln. Aber ansonsten schon irgendwie eine Art des „ewigen Jetzt“.

Theologischer Impuls 52 von Dr. Thorsten Latzel
zum 1. März 2020

Der Weg in das Land Bitterkeit

Viele biblische Geschichten sind fremd, quer, sperrig, schwierig zu verstehen. Das ist normal -und in aller Regel auch gut so. Es sind Texte aus anderen Zeiten, um eine andere Sicht auf die eigene Zeit zu gewinnen: auf mich selbst, die anderen, das Leben, die Welt und Gott. Fremde Worte, die, gerade weil sie in einem tiefen Sinne fremd sind, Neues eröffnen können. Die klassische Kanzel-Klage: „Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext ist ein schwieriger Text“, kann ich daher nicht verstehen. Damit umzugehen, ist Aufgabe des Predigenden. Entweder erschließt sich einem der Text als heilsam fremd - hoffentlich - oder man sollte schlicht einen anderen nehmen. Die Ordnung der Predigttexte ist ja kein Schicksal.

Nun gibt es allerdings eine Geschichte, die für mich eine echte Zumutung ist. Sie ärgert mich und regt mich auf, im Erwachsenen- noch mehr als im Kindesalter. Und sie führt mich an Grenzen des Verstehens. Ich meine die Erzählung von der Opferung oder genauer Bindung Isaaks (1. Mose 22). Um Gottes willen und um des Menschen willen: Ein Vater kann doch nicht sein eigenes Kind töten wollen!

- Ein unbegreiflicher Gott, der so etwas fordert.
- Ein enttäuschender Abraham, der sich ohne ein einziges Widerwort auf so eine Forderung einlässt.
- Ein unbefriedigender Schluss, an dem plötzlich Engel und Widder auftauchen und die unerwartete Lösung bieten.

Abraham kehrt heim, die Geschichte ist aus, ich aber ärgere mich weiter und meine Fragen bleiben offen. Dass das ganze „nur“ geschieht, um Abraham zu versuchen, macht es für mich um keinen Deut besser. Mit so etwas spielt man nicht. Auch der Deutungsversuch, dass es um die religionsgeschichtliche Ablösung von Menschen- durch Tieropfer gehe, erklärt nicht, wieso wir uns damit auseinandersetzen sollten.

In meinem bleibenden Ärger und Unverständnis spüre ich aber auch, wie mich die Geschichte fasziniert. Sie zieht mich an, weil sich in ihr eine Grenzerfahrung menschlichen Lebens spiegelt: Was ist, wenn ich das Wichtigste in meinem Leben hergeben soll, wenn mir mein Kind oder mein Partner, meine Gesundheit, meine Lebenshoffnung genommen werden, wenn ich kurz davor bin, an Gott, am Leben, an mir selbst zu verzweifeln?

Die Geschichte gibt darauf keine Antwort, die sich in einen Satz fassen lässt. Sie erzählt vielmehr vom einem Weg: von Abrahams Weg in das Land Morija, in das Land „Bitterkeit“. Sie erzählt davon, weil Menschen immer wieder den schweren Gang in dieses Land antreten müssen. Nicht, dass sich Abrahams Weg einfach übertragen ließe. Abraham ging seinen Weg, Sie gehen Ihren, ich gehe meinen. Aber manches von dem, was sich zwischen Gott und Abraham abspielt, kann helfen, ein Stück des eigenen Weges besser zu verstehen. Da kann Abraham zum Begleiter werden - nicht den ganzen Weg, aber doch das eine oder andere Wegstück. Deswegen - um Gottes und um des Menschen willen:

Erfahrungen auf dem Weg in das Land Bitterkeit.

Theologischer Impuls 51 von Dr. Thorsten Latzel
zum 23. Februar 2020

Der liebe Gott, meine Oma und die Sache
mit den sauren Trauben

Meine protestantische Arbeitsmoral habe ich von meiner katholischen Oma. Sie stammte wie mein Großvater aus Schlesien, dort besaßen sie einen Bauernhof. Sie war, so wurde mir später gesagt, ein begeistertes Mitglied im BDM. 1945, als „die Russen“ kamen, musste meine Großmutter fliehen. Mein Vater war damals gerade mal ein halbes Jahr alt. Was sie als junge Frau auf der Flucht erlebt hat, weiß ich nicht. Darüber sprach meine Oma nicht, nicht mit uns.

In einem kleinen Dorf fingen meine Großeltern dann noch einmal bei null an. Als Flüchtlinge. Vertriebene. Meine Großmutter arbeitete, so viel sie konnte. Und das war sehr viel: Sie hatte eine Anstellung bei einem Arzt, war als Haushälterin in einer Metzgerei tätig, ging putzen, baute mit meinem Großvater zusammen ein eigenes Haus, bewirtschaftete einen eigenen kleinen Acker. Wenn wir am Samstagnachmittag zu den Großeltern fuhren, mussten wir meine Oma immer erst von der Arbeit abholen. Nach dem Kaffee-Trinken ging es dann oft noch zur katholischen Kirche. Dort war meine Oma als Küsterin tätig. Sie mähte zusammen mit uns das große Grundstück rund um die Kirche, schmückte den Kirchenraum mit frischen Blumen, kehrte das Laub oder schob Schnee. Für uns drei Kinder war es verboten und deswegen umso reizvoller, das „ewige Licht“ in der Kirche zu löschen. Nichts Irdisches brennt ewig. Später wurden wir alle protestantische Pfarrer/innen.

Immer, wenn ich die Geschichte von Maria und Marta (Lukas 10,38-42) höre, denke ich an meine Oma. Ich glaube, wenn Jesus in ihr Dorf gekommen wäre, wäre er sicher zu Hause bei meiner Großmutter eingekehrt. Vielleicht auch in der von ihr sauber geputzten Kirche.

Leben hieß für meine Oma wie für viele ihrer Generation arbeiten. Als sie einen Herzinfarkt bekam und nicht mehr arbeiten konnte, stürzte sie in ein tiefes Loch. Sie hatte nie gelernt, etwas mit ihrer freien Zeit anzufangen. Ruhe, Muße, Freizeit, die Seele baumeln zu lassen - das waren für meine Großmutter wirkliche Fremdwörter. Die anderen Leute aus dem Dorf luden sie immer wieder ein, doch mal zu Besuch zu kommen, auf einen Tee oder Kaffee. Schließlich kannte meine Oma ja alle. Und selten, sehr, sehr selten konnte sie sich auch einmal dazu aufraffen. Sie hatte nie gelernt, zu anderen Leuten zu gehen, wenn es nichts zu arbeiten gab.

Theologischer Impuls 50 von Dr. Thorsten Latzel
zum 16. Februar 2020

„Und die Wahrheit wird euch frei machen“

Gegen die Wahrheit kann man ja eigentlich nichts wirklich haben. Nein, ehrlich. Sie lügt, trügt, irrt nicht. Auch flucht, raucht und trinkt sie nicht. O.K. - manchmal wirkt sie vielleicht ein bisschen langweilig, geradezu „protestantisch“: so klar, nüchtern, korrekt. Aber das ist an sich ja auch nicht schlecht. Hat ja was. Sie ist die Korrektheit in Person - die Übereinstimmung von Begriff und Sache, von verschiedenen Lehrsätzen miteinander, von Wort und Tat. Konsistent, kohärent, konsensual, korrespondierend. „Was wahr ist, muss wahr bleiben.“ Doch: Was macht die Wahrheit eigentlich so den ganzen Tag - außer Recht zu haben und rein und lauter und ehrlich zu sein? Und sich vielleicht (mit Pilatus) händewaschend zu fragen, was oder wer sie eigentlich selber ist?

Und Jesus sprach [...]: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh 8, 30ff.)

Das nenn ich nun wirklich eine Tat, die der Wahrheit würdig ist: „Und die Wahrheit wird euch frei machen.

Die Wahrheit (griech. aletheia) als das, was Freiheit (griech. eleutheria) schafft. Wahrheit als Befreiung, als Freispruch: wirksam, gültig, effektiv. Und folgt man dem Spruch Jesu, bedürfen dieser wahren Freiheit nicht nur die unwissenden, ungläubigen Anderen, sondern gerade die Jünger: diejenigen, die schon längst an Christus glauben und mitunter meinen, Gott besser zu kennen als er sich selbst.

Die Wahrheit als Freiheit, als wahre Freiheit. Die wahre Freiheit, die den Glaubenden mit entblößter Brust über die Barrikaden seiner eigenen religiös-moralischen Gerechtigkeit führt. Die aus den Erinnyen, den rasenden Rachegöttinnen des eigenen, anklagenden Gewissens, Eumeniden, Wohlgesinnte, werden lässt. Freiheit von der gnadenlosen Stimme in mir selbst, der ich nie genug bin.

Theologischer Impuls 49 von Dr. Thorsten Latzel
zum 9. Februar 2020

„Was wird aus Erwin – jetzt, wo er tot ist?“

„Was wird aus Erwin – jetzt, wo er tot ist?“ So lautete eine Frage, die meinen Mitvikar/innen und mir vor vielen Jahren im Predigerseminar bei der Behandlung des Themas „Trauerfeiern“ gestellt wurde. Mit möglichst einfachen Worten sollten wir damals sagen, wie wir uns ein Leben nach dem Tod vorstellen. Anders als andere Probleme, mit denen man sich in der Ausbildung manchmal rumschlagen musste, stammte diese Frage unmittelbar aus dem Alltag. Viele von uns hatten schon einmal einen Menschen verloren, der uns sehr nahestand. Im Vikariat musste man selbst erstmals einen fremden Menschen beerdigen und die Angehörigen begleiten und trösten. Das berühmte „erste letzte Mal“. Fast jede Woche müssen Ortspfarrer/innen seitdem im Gottesdienst von einem Gemeindeglied Abschied nehmen. Die Frage, was aus einem Menschen nach seinem Tod wird, stellt sich jedes Mal neu – und auch die Gefahr der eigenen sprachlosen Ohnmacht oder ausgestanzten Richtigkeiten.

Den ersten Christen etwa in der Gemeinde von Thessaloniki ging es da nicht viel anders. Sie rechneten für sich selbst zwar fest damit, dass der Herr noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen wird. Tod und Auferstehung Jesu waren im Jahre 50 ja gerade mal zwanzig Jahre her. Doch waren auch in ihrer Gemeinde mittlerweile die ersten Todesfälle eingetreten – und mit ihnen kam die Frage: Was wird aus meinem Mann, meiner Frau, meinem Kind, jetzt, wo sie tot sind?

Paulus versucht in seinem Brief an die Gemeinde in wenigen Sätzen darzulegen, dass sie sich wegen der Verstorbenen keine Sorgen machen müssen (1. Thess 4,13–18). Auf zwei Punkte hebt er dabei besonders ab.

Theologischer Impuls 48 von Dr. Thorsten Latzel
zum 2. Februar 2020

„Morgenerst und Morgenletzt“

Der Morgen hat es in sich. Er ist – je nachdem – die Zeit von Appell oder Andacht, Frische oder Frost, Dämmerung oder Duft, Röte oder Grau, Kaffee oder Tee, Melken oder Muffeln, Liebe oder Leid, Sonne oder Stern. Entsprechend wird er von verschiedenen menschlichen Chronotypen („Eulen“ und „Lerchen“) sehr unterschiedlich erlebt.

Nach manchen Zeitvorstellungen ist er die Mitte zwischen zwei Mitten: Die Tageszeit zwischen „Mitter-Nacht“ und „Mit-Tag“. In anderen endet mit ihm die Nacht und beginnt der neue Tag: die Stunde von Sonnenaufgang und Hahnenschrei, vom Ende des nächtlichen Liebesabenteuers und Beginn der aufziehenden Schlacht. „Morgen für Morgen kommt man zur Welt.“ (Eugène Ionesco) Man rechnet zu ihm klassischerweise die drei Stunden ab der Dämmerung, dann beginnt der Vormittag. Bei Student/innen und Nachtarbeitenden entsprechend später. In wieder anderen Zeitkonzepten vollendet sich mit ihm der Tag: „Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“ (1. Mose 1,5)

Der Morgen ist (durch die Ausstrahlung der Nacht) die kälteste Zeit des Tages – mit Tau, Reif, Frost und Nebel. Die Zeit von Katern und brummenden Köpfen wie von klaren Gedanken und druckfrischen, neuen Nachrichten, die vielen Zeitungen ihren Namen gegeben hat.

Der Morgen sind die Stunden mit besonderer Vergangenheit (der „Morgen danach“) und mit besonderer Zukunft. Eine Zeit voller Möglichkeit, Potenzialität und Offenheit, weshalb aus dem „Morgen des folgenden Tages“ die Zeitangabe „morgen“ wurde. Inbegriff für Zukunft, Frische und Jugend.

Theologischer Impuls 47 von Dr. Thorsten Latzel
zum 26. Januar 2020

„Unsere Mönchsgrasmücke hat eine Meise“

Vor dem Fenster unserer ältesten Tochter singt jeden Morgen ein Vogel. Das ist an sich noch nicht verwunderlich. Aber dieser Vogel tut es mitten im kalten Winter. Er zwitschert, schmettert, tiriliert aus voller Vogelkehle, als wäre er im Wonnemonat Mai. Meine Frau, die sich mit ornithologischen Fragen besser als ich auskennt, vermutet, dass es eine Mönchsgrasmücke sein könnte. „Die singen, als wären sie ‚ganz Große‘, mindestens eine Amsel, dabei sind sie nicht größer als eine Blaumeise.“ Leider bekommen wir unseren Vorgarten-Caruso nie zu Gesicht, da ihn – oder sie – das Hochziehen des Rollos verschreckt. 

Auf der Homepage von NABU gibt es einen instruktiven Wintervogel-Steckbrief zur Sylvia atricapilla, so sein wissenschaftlicher Name. Die Bezeichnung spielt auf ihr äußeres Erkennungszeichen an: die Grasmücke (sylvia) mit dem „Schwarzköpfchen“ (atricapilla), was eben einer Mönchskappe ähnele. Bei den Weibchen und Jungvögeln ist das Köpfchen rotbraun, bei den Männchen schwarz. In Österreich und Bayern heißt sie daher auch „Schwarzplattl“.

Und wie bei vielen Dingen im Leben: Je länger ich mich mit dem kleinen Zweigsänger beschäftige, desto faszinierender finde ich ihn. Er singt je nach Region gleichsam in verschiedenen Dialekten. Dabei ahmt er verschiedene andere Vögel und Alltagsgeräusche nach: Motoren, Radiomusik, Klingeltöne vom Smartphone. Ob das Ganze wirklich nur der Balz dient, ist unklar, zumal auch Weibchen singen und eben nicht nur zur Paarungszeit.

Aber was will uns unsere Mönchsgrasmücke nun eigentlich mit ihrem eigenartigen winterlichen Gesang sagen?

Theologischer Impuls 46 von Dr. Thorsten Latzel
zum 19. Januar 2020

Gedanken zum Danken

Liebe Leserin, lieber Leser, was ich Ihnen schon immer einmal sagen wollte: DANKE.

Danke, dass Sie mich zum Teil ein ganzes Jahr lang bei meinen theologischen Denkversuchen begleitet haben.

Danke für Ihre klugen, ermutigenden und mitunter auch kritischen Rückmeldungen.

Danke für den sehr persönlichen Gedanken-Austausch, der oft im Stillen stattfand.

Und für Ihre Offenheit, mit der Sie sich auf dieses geistliche Begegnungs-Experiment eingelassen haben.

DANKE!

Wir steuern ja jetzt auf Weihnachten zu und damit auf die alljährliche Hoch-Zeit des Schenkens – und des Dankens. Nach Krawatten, Büchern, Weinflaschen, Socken, Spielen, Handys, Gutscheinen, Parfums, Pralinen wird es kommen, muss es kommen: „Danke!“ Ansonsten ist ordentlich was schiefgelaufen. Auch in den obligatorischen Weihnachtsbriefen wird davon wieder reichlich und in Fülle die Rede sein: der Dank für meine Treue und mein Vertrauen von der Sparkasse, für die gute Zusammenarbeit von meinen Geschäftspartnern, für den Einsatz und die persönlichen Begegnungen vom Vorsitzenden des Sport-Vereins. Ein omnipräsentes, geradezu inflationäres Danken, als gäbe es kein Morgen mehr. Ein bisschen so wie am Ende bei den Oscar-Preisverleihungen. Vielleicht wäre es ja nicht dumm, die Sache etwas zu strecken. Quasi eine anti-zyklische Dank-Anlage-Strategie. Alles hat seine kreative Un-Zeit: Danken Sie einmal im Februar oder Juli oder Oktober!

„Immer das schöne Händchen geben!“, „Bitte heißt das Zauberwort!“ und „Hast du auch Danke gesagt?“ Danken gehört dabei zu den drei Primär-Konditionierungen frühkindlicher Erziehung. Oder in der prägnanten Kurzfassung des Bravseins vom kleinen Raben Socke: „Das kann ich mir merken: Immer ,bitte – danke‘ und nicht immer hauen. Bis zum nächsten Mal. Bitte-danke und tschüs.“ Zumindest verbal möchten wir nichts schuldig bleiben. Die Sorge, wir könnten irgendjemanden auf der langen Liste vergessen. Danke sagen gehört zum kulturellen Tauschhandel: „Du gibst – ich danke – wir sind quitt. Und dann beim nächsten Mal andersherum.“ Ein „Do, ut Danke“. Die Dankespflicht als Akt kultureller Höflichkeit.

„Mein erst Gefühl sei Preis und Dank.“ (EG 451) Ist Danken auch ein Akt frommer Höflichkeit? Ein religiöser Tauschhandel mit dem Höchsten? Immer „Bitte-Danke-Amen“?

Theologischer Impuls 45 von Dr. Thorsten Latzel
zum 22. Dezember 2019

Gott in der Krise – Wege in der Wüste

Versuch, Gott zu verstehen (Adventspsalm)

Gott, ich gestehe, dass ich nicht verstehe.
Dass ich dich nicht verstehe.

Warum bist Du Mensch geworden? Ausgerechnet Mensch?
War das wirklich klug?

Auf uns zu setzen, uns zu deinen Wegbereitern zu machen?
Die Sache mit uns ist schiefgelaufen. Immer wieder. Von Anfang.

Dein Gärtner in Eden hat sich schon bald als globaler Bock erwiesen.
Wir bauen Türme bis zum Himmel, um uns einen Namen zu machen.
Und übersehen die Leute, die in den Hütten ringsum hungern.

Ja, du hast uns wenig niedriger gemacht als Dich selbst.
„Alles hast du unter unsere Füße getan. Schafe und Rinder allzumal.“

Aber ob sie darüber so froh sind - das weiß ich nicht.
Früher oder später landen sie alle in der Pfanne.

Dünn ist die salzige Kruste Moral, die uns davon abhält,
selbst einander den Schädel einzuschlagen.
Sehr dünn. Es ist nicht besser geworden.

Doch du bist unverbesserlich in deiner Liebe zu uns.
Können wir Dir wirklich den Weg bereiten?

Wir wissen, wie es gehen könnte. Vielleicht. Prinzipiell.
Aber wir bekommen es nicht hin. Beim besten Willen nicht.

Noch ein Versuch (Adventspsalm)

Gott, ich gestehe, dass ich nicht verstehe.
Dass ich dich nicht verstehe.

Was bist Du für ein Gott, dass Du einen Weg gehst?
Und Dich abhängig machst von der Vorbereitung anderer?

Allmächtig, ewig, vollkommen - so stellen wir uns Gott vor.
Doch Du? Kommst als Mensch, als Säugling, als einer unter Milliarden.

Du bist unbegreiflich - in deiner allmächtigen Verletzlichkeit,
Deiner vollkommenen Bedürftigkeit, Deiner göttlichen Blöße.

Es ist, offen gesagt, nicht ganz einfach an Dich zu glauben,
sich allein auf Dich zu verlassen:

auf Deine Kraft in den Schwachen, auf Dein Schaffen aus dem Nichts,
auf Deine Liebe über den Tod hinaus.

Das ist nicht einfach zu glauben: ohne Wunder und Beweise.
Du bist eben immer so unsichtbar.

Wie können wir Dir den Weg bereiten? Dein Wort ist uns fremd.
Deine Wege verborgen, Deine Weisheit eine Torheit und Ärgernis.

Theologischer Impuls 44 von Dr. Thorsten Latzel
zum 15. Dezember 2019

„Bruder Blau-Auge“

oder: Die wahre Geschichte vom verlorenen Sohn

Ist Ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen, dass es bei den Geschwistern im Märchen wie in der Bibel meistens die Jüngsten sind, die eine besondere Rolle spielen? Der Kleinste findet als Dummling „Die Goldene Gans“, rettet Tier und Mensch in „Die Bienenkönigin“ oder gewinnt das Königreich in „Die drei Federn“; die jüngste Tochter knallt den „Froschkönig“ gegen die Wand, überlebt als siebtes Geißlein im Uhrenkasten oder rettet die „Zwölf Brüder“ und die „Sieben Raben“; der letztgeborene Bruder zieht aus, das „Fürchten zu lernen“, erbt den „gestiefelten Kater“ oder fängt den „goldenen Vogel“.

Ebenso ist es bei den biblischen Geschichten. Es sind die Jüngsten, die auserwählt sind und den Segen tragen: Abel wird dies zum Verhängnis; bei den Erzvätern und -müttern tragen die Jüngsten den Segen: Isaak, Jakob, Rahel, Benjamin; Mose, Gideon, David werden berufen, obwohl oder gerade weil sie ältere Geschwister haben; die jüngere Schwester Maria hat das bessere Teil erwählt.

Eine Umkehrung des Senioritätsprinzips, der herrschenden Werte in der Welt. Die unscheinbare Jüngste, der weltfremde „Bruder Blau-Auge“, die versonnene Träumerin - sie bestimmen hier den Lauf der Geschichten. Nicht, weil sie irgendwie besser, klüger oder stärker wären. Im Gegenteil. Sie zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sich ihnen das fundamentale Angewiesen-Sein auf „Wünsche“ (Märchen) und „Wunder“ (Bibel) besonders erschließt, weil sie eben sonst nichts haben.

Ähnlich ist es bei der Geschichte „Vom verlorenen Sohn“ (Luk 15,11ff.). Natürlich ist es wieder der Jüngere. Und auch er wird auf besondere Weise erfahren, wie fundamental angewiesen und zugleich wundersam angenommen er ist.

Aber: Kennen Sie eigentliche die wahre Geschichte? Ich meine, so wie es sich tatsächlich zugetragen hat? Viele Gleichnisse, die Jesus erzählt hat, erschließen sich erst wirklich, wenn man sie „auto-fiktional“ versteht: Es sind Erzählungen, die vom Erzähler handeln. Jesus wird in den Geschichten selbst zum Gleichnis. So ist das auch bei der Geschichte „Vom verlorenen Sohn“. Ich glaube, dass sich Jesus, der „einziggeborene“ Sohn Gottes, in dem jüngeren Sohn spiegelt. Und dass die Geschichte des „Sich-Verlierens“ eine ganz neue Dimension erhält, wenn man sie auf dem Hintergrund der freiwilligen Selbsthingabe Jesu liest. Ein Versuch:

Ein Vater im Himmel hatte einen einzigen jüngsten Sohn. Und der Sohn sprach zu dem Vater: „Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht.“ Und er gab es ihm.

Theologischer Impuls 43 von Dr. Thorsten Latzel
zum 8. Dezember 2019

„Komm!“

Adventliche Variationen

Kooomm, komm, komm, komm.
(vorgebeugt anlockend, wie bei einem Hund)

Komm, jetzt!“              
(nachdrücklich, energisch auffordernd)

Komm, bitte.“              
(bittend, bettelnd, gewinnend)

Komm!!!“                    
(einladend, mit weit offenen Armen)

Ach, komm.“               
(resigniert abwinkend)

Wie warten Sie eigentlich auf das Kommen Christi?

Romantisch, stimmungsvoll, heimelig lockend - mit Adventskranz-candlelight-Stimmung?
„Die Zweiglein der Gottseligkeit,
steckt auf mit Andacht, Lust und Freud.“

Oder werden Sie im Advent eher zum „protestantischen Prometheus“: Zum ungeduldigen Himmelsstürmer, zum Weltschmerzleidenden, zum Gottbedränger?
„O, Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf.“

Machen Sie asketische Übungen, Honig-Heuschrecken-Diät und Wüstenwanderung à la Johannes dem Täufer, dem großen Christus-Warter?
„Mit Ernst, o Menschenkinder,
das Herz in euch bestellt [...].“

„Bereitet doch fein tüchtig,
den Weg dem großen Gast;
macht seine Steige richtig,
lasst alles, was er hasst.“

Oder feiern Sie schon einmal im Glanz des Weihnachtwunders - mit Lebkuchen, Glühwein, Christstollen?
„Tochter Zion, freue Dich, jauchze laut, Jerusalem!
Sieh dein König kommt zu Dir, ja er kommt der Friedefürst [...].“

Oder: Haben Sie vielleicht das Warten schon längst aufgegeben?
„Was kann vom Himmel schon Gutes kommen!“

Es ist nicht einfach, auf den zu warten, der immer schon da ist - und uns doch allzu oft fehlt. Advent ist eine widersinnige Zeit. Nicht irr-sinnig, aber wider-sinnig.

„Des Glaubens Widersinnigkeit“: auf den zu warten, der immer schon da ist - und uns doch allzu oft fehlt. So als stünde er unerkannt neben uns an der Haltestelle. Er reicht uns das Taschentuch, hält uns den Schirm, sagt uns die Uhrzeit - während wir herumtrippeln und überlegen, ob er wohl wirklich kommt und welchen Bus er genommen haben könnte.

Des Glaubens Widersinnigkeit: Warten in der Gegenwart des Ersehnten.

Wenn ich für mich den Advent mit einem Wort, einem Gefühlszustand beschreiben soll, so ist dies: Unfertig sein. Endlich unfertig sein.

Theologischer Impuls 42 von Dr. Thorsten Latzel
zum 1. Dezember 2019

Ewigkeit

Sieben Thesen und ein kleines Gedicht

„Da wird das Lachen werden teu’r,       
wenn alles wird vergehn im Feu’r,
wie Petrus davon schreibet.“

(Evangelisches Gesangbuch 149, 1)

 

Die Ewigkeit kann einen manchmal ganz schön den Tag versauen. Natürlich klingt „ewiges Leben“ erst einmal sehr schön. Vor allem im November: Wenn die Bäume kahl und die Tage kürzer werden. Wenn man spürt, wie die eigene Zeit verrinnt. Und die der Liebsten. Wenn der kalte Wind des „Nicht mehr“ über die Felder weht. Entsprechend bunt und schön sind denn auch die Bilder der Ewigkeit in der Bibel: ein neuer Himmel und eine neue Erde, ein Festmahl, eine Hochzeit. Wie etwa in den Endzeitreden Jesu.

Aber: Irgendwas stimmt mit dem Konzept der Ewigkeit nicht. Ich meine, was soll denn das für ein Festmahl sein?

Die einen kommen überhaupt nicht rein, darunter vielleicht meine Liebsten oder ich selbst. Sie müssen draußen bleiben, wo Heulen und Zähneklappern sein wird. Die anderen, die reinkommen, bringen mit: „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ (Bach, BWV 12). Das Leben als großes Tränental. Als wären Christen Menschen, die zum Lachen in den Himmel gehen müssen. Und als Türsteher für die Ewigkeit machen blasshäutige Theologen hier auf Erden schon einmal den Vorverkauf. Unter uns: Wenn die Party so losgeht, kann die Ewigkeit ganz schön lang und dröge werden.

Die entsprechenden biblischen Geschichten kann man in der Tat so lesen - und sie wurden es auch, wie der Text des eingangs zitierten Liedes zeigt. Deswegen gibt es auch die Gegenreaktion, dass manche in der Kirche am liebsten gar nicht mehr von ewigem Leben oder vom Gericht sprechen. Sondern nur noch davon, dass wir alle „unbedingt angenommen“ sind, irgendwie. Was auch nicht wirklich befriedigt.

Der Ewigkeitssonntag, der Toten-Sonntag: es ist der Tag im Kirchenjahr, an dem sich zeigt, was wir als Kirche des Wortes wirklich zu sagen haben - angesichts der offensichtlichen Macht des Todes. Angesichts der Trauer, um die Menschen, die nicht mehr unter uns sind. Und angesichts der zerbrechlichen, zarten, vagen Hoffnung auf die Ewigkeit. Anlass genug, noch einmal genauer hinzusehen, was die Schrift, was Jesus sagt zur Hoffnung über den Tod hinaus.

Theologischer Impuls 41 von Dr. Thorsten Latzel
zum 24. November 2019

Der zweite Schlaf

oder: Von doofer Depression und weiser Melancholie

Nur noch schlafen

Vielleicht kennen Sie auch dieses Gefühl: Müde zu sein, unendlich müde. Nur noch schlafen wollen, Ruhe haben und am liebsten gar nicht wieder aufstehen. Selbst die kleinen Dinge des Alltages werden zur riesigen Last. Als Schatten meiner selbst rettet man sich gerade so über die Runden. Am besten, wenn alles vorbei wäre. Einfach nicht mehr aufwachen. Der unausgesprochene Wunsch nach dem Tod als Schlafes Bruder.

Rein körperlich ist alles in Ordnung, zumindest keine so schwere Krankheit, mit der man die eigene Schlaffheit entschuldigen könnte. Es fehlt einfach die Antriebskraft, der Elan, die Lebensfreude. Das Leben steckt in einer Sackgasse, die Seele ist krank, man will nicht mehr.

Vor allem sozial ausgerichtete, sensible, leistungsfähige Menschen kennen dieses Gefühl. Menschen, die mit dem Druck von außen und den hohen Ansprüchen an sich selbst nicht mehr zurechtkommen. In einer an Leistung, Konsum, Erleben orientierten Gesellschaft haben solche Erfahrungen keinen Platz. Doch Depressionen sind längst zur Volkskrankheit, zu einer regelrechten Epidemie geworden. Die Angst zu versagen, das Gefühl, nicht liebenswert zu sein, das Verzweifeln am eigenen Ich prägt das Leben von mehr Menschen, als man es zunächst annimmt. Schätzungen gehen davon aus, dass jede/r fünfte Bundesbürger/in wenigstens einmal in seinem oder ihrem Leben eine behandlungsbedürftige Depression erleidet.

 

In der Wüste unterm Dornstrauch

Die zu Grunde liegende Erfahrung ist dabei uralt. Die Bibel berichtet häufiger von Menschen, die am Leben verzweifeln, innerlich zerbrechen, den Tag verfluchen, da sie auf die Welt kamen, die einfach nur noch sterben wollen. Und es sind nicht irgendwelche Randfiguren, von denen das erzählt wird, sondern gerade die Hauptpersonen der biblischen Geschichte. Hiob sowieso, Jeremia in seinen Klagen, viele schwermütige Gebete in den Psalmen, Hagars Verzweiflung in der Wüste, Jakob auf seinem verwickelten Lebensweg von Bethel übern Jabbok bis nach Ägypten.

Theologischer Impuls 40 von Dr. Thorsten Latzel
zum 17. November 2019

Du sollst deinen Populisten lieben

Zur politischen Aktualität der Feindesliebe

„Du sollst deinen Populisten lieben.“ Der Satz knackt im Ohr, gleich auf mehrfache Weise:

  • Wer soll das sein, „mein“ persönlicher Populist: meine Cousine, die bei Familienfesten fremdenfeindliche Klischees von sich gibt, oder mein Nachbar, auf dessen SUV hinten ein fetter AfD-Aufkleber prangt?
  • Ist „Lieben“ der angemessene Umgang mit Populisten, gerade angesichts einer zunehmenden Verrohung und Radikalisierung nicht nur der Sprache, sondern des Denkens und Handelns?
  • Kann bzw. sollte man andere Menschen überhaupt in Form eines Gebotes zum Lieben auffordern?
  • Und was meint überhaupt „Populist“ – in diesem Satz (wie generell)?


Angesichts der Tatsache, von wie vielen Menschen bei den letzten Landtagswahlen eine Partei mit Spitzenpolitikern gewählt wurde, die sich klar rassistisch geäußert haben, erhält der Satz besondere Brisanz.

Die Aufforderung spielt offensichtlich an auf das biblische Gebot der Feindesliebe, das schon im Alten Testament verschiedentlich vorkommt (2 Mos 23,4f.; 3 Mos 19,18; Spr 25,21 u. Ä.) und in der Bergpredigt Jesu dann, umfassend formuliert, eine zentrale Stellung einnimmt. Für den christlichen Glauben hat die Feindesliebe eine Schlüsselfunktion. Sie ist pointiert formuliert das Kennzeichen christlichen Lebens schlechthin. O-Ton Bergpredigt: „Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern (und Schwestern) freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Matt 5,46ff.) Wobei es ja durchaus fraglich ist, ob es mit der Praxis der Feindesliebe bei den „Zöllnern und Heiden“ immer so viel schlechter aussieht als bei den Frommen.

Theologischer Impuls 39 von Dr. Thorsten Latzel
zum 10. November 2019

Rückwärtsgehen

Alles fing an mit meiner Achillesferse. Genauer gesagt mit einer Achillodynie. Meine Physiotherapeutin riet mir, zur Entlastung der entzündeten Sehne rückwärtszugehen. Auf die Skepsis, die mir bäuchlings auf der Massage-Liege auch ohne Worte offensichtlich abzuspüren war, antwortete sie: „Aber, Herr Latzel, das kann Ihnen doch egal sein, was die Leute denken.“ Ich war unsicher, was das heißt: „Da stehen Sie doch drüber“ oder „Das macht doch jetzt auch nichts mehr aus“.

Nun ist eine rückwärtsgewandte Lebenshaltung ja weithin verpönt. Das ist retro, altbacken, konservativ, so was von 2015. Auch biblisch gibt es hier einige Vorbehalte: Lots Frau blickt gegen die Anweisung der Engel zurück auf das untergehende Sodom und erstarrt zur Salzsäule (1 Mos 19,26). „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lk 9,62) Auch Martin Niemöller hat diese agrarische Weisheit als geistliche Lebenshaltung an seinen Sohn vermittelt: „Junge, du musst zusehen, dass du im Leben immer eine gerade Furche ziehst.“ Der Blick zurück: In Zeiten der Flucht, der Umkehr, des Aufbruchs ist er fatal. Er passt schlecht in Zeiten großer endzeitlicher Zukunftserwartungen. „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ (Erich Honecker). Oder fromm formuliert: „Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehn an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit.“

Eine Geschichte, in der das soziale Akzeptanzproblem des Rückwärtsgehens anschaulich deutlich wird, kommt in dem absurd-komischen Western „The Ballad of Buster Scruggs“ der Coen-Brüdern vor. Bei einem Treck von Siedlern Richtung Westen dreht sich ein Junge, der neben dem Planwagen herläuft, auf einmal um und geht rückwärts. Auf die Frage seiner Mutter, was das denn solle, antwortet er: „Ich gehe jetzt rückwärts nach Oregon.“ Daraufhin scheuert ihm seine Mutter eine, und der Junge läuft wieder vorwärts.

Ich habe das Rückwärtslaufen dennoch ausprobiert – wie vieles andere, abgesehen von nächtlichen Kohlwickeln.

Theologischer Impuls 38 von Dr. Thorsten Latzel
zum 3. November 2019

Vom Rudern zu zweit und guten Geschichten

Was ich an Gott ja besonders schätze: Gott liebt Geschichten. Echte, gute Geschichten, keine Schnulzen. Damit hat er mich schon als Kind rumgekriegt. Diese Geschichten! Von Liebespaaren wie Abraham und der kichernden Sara im Zelt. Vom Mut der Menschen, wenn sie ihrem Glauben folgen und wie Mose gegen die Knechtschaft des Pharaos auftreten: „Lass das Volk Gottes ziehen!“ Und vom Versagen der Menschen, wenn es wirklich darauf ankommt, wie Petrus in der Nacht des Verrats: „Ich werde Dich nicht verleugnen.“ Oder die Wunder und Gleichnisse Jesu: kreative Bomben - PUFF -, die im Kopf platzen und an Stelle frommer Lehr-Gebäude weite Freiräume für den Glauben schaffen.

Man stelle sich nur einmal vor, wie die Bibel wohl ausgesehen hätte, wenn sie von den kirchlichen Moral-Ausschüssen späterer Jahrhunderte abgefasst worden wäre - gleich welcher konfessioneller Couleur: „Gott schuf Adam und Eva. Und die beiden lebten alle Tage glücklich und zufrieden und züchteten Lebens- und Apfelbäume in Eden. Und da sie ja nicht sterben konnten, leben sie noch heute. Amen.“ 

Gott liebt Geschichten, echte, gute Geschichten - weil er Menschen liebt. Menschen, die sich trauen zu leben, die sich um Kopf und Kragen leben, die sich verwirren, verirren, verlaufen, zerraufen, verrennen, zertrennen - und so früher oder später alle in der Wüste landen. Oder im Bauch des Wals. Oder in der Tiefe des Brunnens. Und dort begegnen sie dann Gott. Denn Gott ist ein Meister in Quer-, Holz- und Umwegen. Davon handeln die biblischen Geschichten - wie alle guten Liebes- und Lebensgeschichten. ...

Theologischer Impuls 37 von Dr. Thorsten Latzel
zum 27. Oktober 2019

„Zur Ruhe kommen“
Die politische Brisanz des Innehaltens

Theologische Impulse 36, von Dr. Thorsten Latzel

Vielleicht ist Ruhe in unseren Tagen ein anderes Wort für Gott geworden. Natürlich ist die Ruhe nicht selber Gott. Aber sie ist ein Sehnsuchts-Synonym, ein religiöser Platzhalter, eine geistliche Metapher: Wenn Menschen der Gottes-Begriff abhandengekommen ist, wenn Gott wie vieles andere irgendwie durch das Gitter des tagtäglichen Hamsterrades rutscht, wenn es „hinter tausend Stäben keine Welt“ (Rilke) mehr gibt, dann werden Ruhe, Stille, Auszeit zum Ort, an dem ich zumindest erfahren kann, was mir fehlt.

Ruhe: Nicht die erschöpfte Ermattungsmüdigkeit auf dem Sofa - als Unterbrechung des Alltagstrotts, bis der nächste Morgen graut. Nicht der funktionalisierte Powernap, durch den man sogar noch während seiner Schlafenszeit versucht, „sich selbst zu optimieren“, eine funktionalistische Fortsetzung meines „Langzeitprojektes Leben“ mit anderen Mitteln. Nicht die finale Friedhofsruhe als großes „Rien ne va plus“ am Ende meiner Tage. Sondern Ruhe als eine Tiefen-Zeit, eine Zeit äußerer und innerer Einkehr, eine Zeit des Loslassens, der Neuausrichtung, des Heraustretens. Ruhe als eine Zeit der Freiheit, um anders zu werden.

Zur Ruhe kommen: Das kann zum Inbegriff eines religiösen Prozesses werden. Der Begegnung mit Gott im Sinne eines Sabbats. Eine Gottesruhe. „Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung“ (Johann Baptist Metz). Wobei man eigentlich nicht zur Ruhe kommt, sondern die Ruhe kommt zu einem. Sie widerfährt einem, begegnet einem als Stille. Ruhe, Stille als Widerfahrnis, als Begegnung und zugleich als höchste Form der Präsenz. Ich tue nichts und bin gerade dadurch intensiv gegenwärtig. Bei mir, indem ich mich Gott öffne. Eine Fokussierung, eine Konzentration - gerade durch eine Begegnung außerhalb.

Von Gott selbst heißt es ja am Ende der Schöpfungsgeschichte, dass er ruhte: „So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“ (1. Mose 2, 1-3) ...

Ein Impuls von Dr. Thorsten Latzel
zum 20. Oktober 2019

"Spiegelblicke in der Kastanienzeit."
Über schöne Vergänglichkeit


Theologische Impulse 35, von Dr. Thorsten Latzel

Kastanienzeit

In den letzten Wochen hatte Gott wieder Braun im Sonderangebot. Schön, glänzend, prall lagen sie auf den Wegen und Wiesen. Auch bei uns zu Hause im Viertel. Kastanien - kleine Edelsteine des Herbstes. „Da, Mensch, für Dich. Freu Dich daran.“ Zugleich wirken sie auf mich immer wie „Melancholie-Murmeln“ - vielleicht, weil ich im Herbst geboren bin. Sie erinnern mich an Vergangenes, meine eigene Kindheit: Stöcke in die Bäume werfen. Sammeln, bis die Taschen platzen. Kastanien-Tiere mit Streichhölzern basteln. Wie oft habe ich dieses Herbst-Schauspiel schon bewusst erlebt? 30-, 40-, 50- mal? Und wie oft werde ich es noch erleben?

„Unser Leben währet siebzig Jahre,
und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre,
und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe;
denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“ (Psalm 90,10)

Ein türkischer Freund hat mir einmal erzählt, dass er den Herbst in Deutschland besonders liebe, weil es so etwas in seiner früheren Heimat nicht gegeben habe. Einen langsamen Übergang zwischen Sommer und Winter. Eine Zeit „schöner Vergänglichkeit“. „Blues-Tage“ zum Spazierengehen, Kastanien-Sammeln, Tee-Trinken, Bücher-Lesen, Garten-Aufräumen, Musik-Hören, nochmal Tee-Trinken. Und zum Nachdenken. Um über die Welt, das Leben und mich selbst in Ruhe nachzudenken.

Drei Spiegelblicke

1. Morgens

Einer der ersten Blicke am Morgen geht in aller Regel zum Spiegel. Gefällt es mir, was ich da sehe? Die Haare werden weniger oder grau. Dafür wächst das Doppelkinn. Falten um die verschlafenen Augen. Ich sehe müde aus.

Oder geht es mir wie Narziss? Kann ich mich von der Schönheit meines Bildes kaum losreißen? „Also, wenn ich Du wäre, würde ich mich glatt in mich verlieben.“ ...

„Vielleicht.“
Über Zweifel, Freiheit und Möglichkeit

 

Theologische Impulse 34, von Dr. Thorsten Latzel

Der iranisch-amerikanische Psychologe Albert Mehrabian machte 1967 Studien zu nonverbaler Kommunikation und untersuchte dabei die Bedeutung von Inhalt, Stimme und Körpersprache für das Verständnis bestimmter Wörter. Als sogenannte „Kommunikationspyramide“ haben seine Ergebnisse – oft grob vereinfacht – Eingang in die Präsentationen von Beratern gefunden: „7 % Inhalt, 38 % Stimme, 55 % Körpersprache.“ Bezieht man diese Zahlenwerte auf jede Form von Kommunikation, ist das natürlich Nonsens. Man denke etwa an die Antwort auf die Aufgabe „Wie viel ist 17 + 9?“ im Mathematik-Unterricht. Aufschlussreich sind die Ergebnisse dagegen bei einem der von Mehrabian untersuchten Schlüsselwörter: „maybe“. Erhält man auf die obligatorische Frage nach dem ersten Date – „Sehen wir uns nächste Woche?“ – die Antwort „Vielleicht“, hängt wirklich viel – wenn nicht alles – von Stimme, Mimik, Haltung des Gegenübers ab.

„Vielleicht.“ Ein changierendes, kleines Wörtlein von herrlicher wie schrecklicher Unbestimmtheit. „Viel“ und „leicht“ – ein spannungsvoller Gegensatz in sich. Bei Befragungen mit verbalen Skalen rangiert sein Wahrscheinlichkeitswert irgendwo zwischen 40 und 60 %. In der Nähe von „eventuell“, „möglicherweise“, „unter Umständen“, „gegebenenfalls“. Es steht, je nachdem, für Zweifel – Unsicherheit – Möglichkeit – Freiheit.

Im November 2014 lief der letzte Tatort mit dem Berliner Kommissar Felix Stark (ja, der Kleine mit der großen Nase) mit dem Titel „Vielleicht“. In ihm sieht die norwegische Psychologie-Studentin Trude immer wieder Morde voraus, die dann tatsächlich geschehen. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Eine der Polizistinnen ist kurz davor, den Dienst zu quittieren: „Mir ist das Ganze hier zu spooky.“ Es geht in dem Krimi um philosophische Fragen: ob das Schicksal vorherbestimmt ist oder sich etwas daran ändern lässt; welche Einflussmöglichkeit und Verantwortung diejenige hat, die das Schicksal vorhersieht; und ob es Platz für ein „vielleicht“ gibt. Am Ende, als der Kommissar selbst, wie vorhergesagt, schwer verletzt im Krankenhaus liegt, antwortet der Arzt auf die Frage, ob er es denn schafft, mit „vielleicht“. Dann ist Schluss. ...

"Frí-da! Júu-hu! Where is the cat?"
Von morgendlichen Suchfragen


Theologische Impulse 33, von Dr. Thorsten Latzel

Unsere englischsprachigen Nachbarn haben eine Katze. Frida. Benannt nach der berühmten Malerin, wegen ihres künstlerisch gefleckten Gesichts. Jeder Morgen beginnt, wie in einem festen Ritual, mit dem nachbarschaftlichen Suchruf nach der Katze: „Frí-da! Júu-hu! Where is the cat?“ Und Frida kehrt - mal später, mal früher, in katzenhaft nonchalanter Eleganz, nach nächtlichen Streifzügen durch die nachbarschaftlichen Gärten - zurück in die Wohnung. Eine Geheimnisträgerin verborgener Abenteuer, die sie auch bei intensivem Kraulen nicht preisgibt. Eine freie Heldin ihres eigenen Lebens.

„Frí-da! Júu-hu! Where is the cat?“ In dem morgendlichen Suchruf klingt etwas an von einer der ersten Fragen in der Bibel überhaupt - der Frage, mit der die Geschichte Gottes mit dem Menschen überhaupt beginnt: „Adam, wo bist du?“ (1. Mose 3,9) Der fürsorgliche Ruf des Schöpfers nach seinem Geschöpf. „Mensch, wo bist du?“ (hebräisch ādām = Mensch). Auch als Menschen sind wir freie Helden unseres eigenen Lebens. Nur sind wir anders als Frida gleich auf zweifache Weise nackt: körperlich und metaphysisch. Wir haben nicht nur kein Fell, sondern wir wissen auch darum, dass wir keines haben. Die nonchalante Eleganz müssen wir uns als Menschen erst durch Kleidung und Kultur wieder mühsam erwerben.

„Mensch, wo bist du?“ Die Frage zielt in der Geschichte wie in ihrer vielfältigen späteren Rezeption auf mehr als eine lokale Ortsangabe. Es geht um den existentiellen Ort, an dem ich mich befinde, seit ich aus meiner schlafenden Unschuld herausgetreten bin. Meinen Ort im Leben. Meine Heimat, die ich niemals wirklich habe, sondern nur als Verlust spüre und immer wieder neu ersehne. ...

Die ersten sieben Tage – oder:
Wie es nach dem Weltuntergang weitergeht


Theologische Impulse 32, von Dr. Thorsten Latzel

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Dies ist der erste Satz der Bibel. Und es ist zugleich einer der umstrittensten. Seit der Aufklärung, speziell seit den Forschungen von Entwicklungsbiologen wie Jean-Baptiste de Lamarck oder Charles Darwin bis hinein in die Gegenwart gibt es einen heftigen Streit um Schöpfung und Evolution. Die einen meinen, Gott aus naturwissenschaftlichen Gründen bestreiten zu müssen. Andere wiederum sehen sich berufen, den christlichen Glauben und die Schöpfungsgeschichte zu verteidigen, indem sie Erkenntnisse der Evolutionsforschung bestreiten.

Bei solchen extremen, aber leider nicht seltenen Positionen hat man den Eindruck: Hier kämpft Unverstand mit Ignoranz. Nein, der Glaube wird nicht tiefer, wahrer oder reiner, wenn man aufhört, zu forschen oder zu denken. Und wenn wissenschaftliche Erkenntnisse (bei aller bleibenden Irrtumsmöglichkeit) dem Gottes-Glauben Probleme bereiten, liegt das wohl eher nicht an Gott, sondern am Glauben. Umgekehrt ist es kein Zeichen besonderen Text-Verständnisses, wenn man meint, „die Bibel zu widerlegen“, weil in ihr keine Dinosaurier vorkommen. Oder weil die Schöpfungsgeschichte nicht die Ergebnisse neuzeitlicher Forschung zur Erdgeschichte enthält. Im Bilde gesprochen: Dies ist ungefähr so sinnvoll, wie wenn man sagt, das Porträt der Mona Lisa sei falsch, weil es nicht als Passfoto tauge. Oder wenn man Goethes Liebesgedicht „Willkommen und Abschied“ kardiologisch interpretieren wollte. Man muss die Gattung beachten, um den Text zu verstehen.

Am Anfang der Bibel geht es um das Ende. Die Geschichte stammt aus einer Zeit, als alles verloren war: Land, Tempel, Königreich - der Glaube an die eigene Erwählung. Die Schöpfungsgeschichte ist eine „Post-Dystopie“, eine Geschichte aus den Tagen nach dem Untergang der Welt. Als die Israeliten fern der Heimat am Euphrat im Exil saßen und vor Trauer ihre Harfen in die Weiden gehängt hatten. Eine Erfahrung, die Menschen auch heute aus Trauerzeiten kennen. In der Geschichte der „ersten sieben Tage“ geht es um das Leben in den „letzten Tagen“. Es geht um die große Frage, was trägt und hält, wenn alle anderen Stricke zerrissen sind. Ein Text für politische Krisenzeiten, der angesichts eines gegenwärtigen Zeitempfindens eine ganz neue Bedeutung gewinnt, in dem wir „die Welt“ und uns selbst immer kurz vor dem Abgrund sehen: ökologisch, ökonomisch, politisch. Was machen wir eigentlich mit einer jüngeren Generation, wenn wir ihnen permanent vermitteln: „Es ist fünf vor zwölf?“ ...

Stirnrunzeln:
Kleine geistliche Anleitung zum Selberfalten


Theologische Impulse 31, von Dr. Thorsten Latzel

Römische Porträts aus dem 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. zeigen die dargestellten Personen oft mit zerfurchtem, faltigem, runzeligem Gesicht. Dies, so beschreibt es die britische Althistorikerin Mary Beard in ihrem lesenswerten Buch „SPQR“, spiegele das Idealbild der Zeit, wie ein wahrer Römer zu sein hatte: hart, nüchtern, gezeichnet von der Arbeit, dem Kampf und den Sorgen um den Staat. Die vermeintlich realitätsnahen Darstellungen seien tatsächlich ein idealisierender Gegenentwurf zu den verweichlichten, kunstsinnigen Griechen mit ihren Skulpturen voll jugendlicher Vollkommenheit. Das erinnert an manche Porträts und Fotos des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (etwa American Gothic, 1930, von Grant Wood): Lächeln war verpönt. Die hohe Kunst der Freudlosigkeit. Richtig lebte, wer ordentlich litt. Irgendetwas auf der Welt stimmt nie, da gibt es nichts zu schmunzeln. Stirnrunzeln als Ausdruck tiefen Lebensernstes.

Ganz anders dagegen die Selbstinszenierung unserer Tage. Sie ist geprägt von glatter Haut und ewigem Lächeln. Was Anti-Aging-Cremes und Botox nicht schaffen, erledigt Instagram. Es wird gephotoshopped, was das Programm hergibt. Doch was ist das eigentlich für eine „Glatte-Stirn-Idiotie“? Was soll an einem dauerhaft faltenlosen Gesicht attraktiv sein, das vom Leben nichts erfahren noch verstanden hat, das keine Spuren von Lachen, Denken, Sorgen in sich trägt? Eine Physiognomie ewiger Ahnungslosigkeit. Spiegelbild einer Gesellschaft, die mit dem eigenen Altern nichts anzufangen weiß. So wenig ich Gries-Gram-Gesichter leiden kann, so sehr schrecken mich fünfzigjährige Baby-Faces. Ohne körperliche Verfalls- und Alterungsprozesse zu idealisieren, gibt es eine ganz eigene Schönheit des Alterns, wenn sich in der Erscheinung eines Menschen tiefe Lebenserfahrung und Menschenfreundlichkeit eingezeichnet haben. Die Inkarnation eines gelebten Lebens. ...

Welches Stück?


Theologische Impulse 30, von Dr. Thorsten Latzel

Neulich nachts im Traum: Plötzlich stehe ich mitten auf einer Bühne. Links von mir sinkt ein junger Prinz zu Boden - auf dem Kopf eine riesige Goldkrone - und verzweifelt am Sinn des Lebens: „Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil’ und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden ...“ Auf der anderen Seite ein innig sich umarmendes Liebespaar, das gerade intensiv über irgendwelche ornithologische Fachfragen streitet: Nachtigall oder Lerche. Plötzlich - wusch - wird sie von einem Pfeil angeschossen. Ein alter Mann in Alpentracht tritt auf die Bühne und schießt mit seiner Armbrust wahllos um sich. Der zweite Pfeil zischt knapp an meinem Ohr vorbei. Als ich ausweiche, stolpere ich über zwei Landstreicher, die sich gelangweilt mit einander unterhalten: „Komm, wir gehen!“Wir können nicht.“Warum nicht?“Wir warten.“Ach ja.“ Hilfesuchend blicke ich zur Souffleuse. Es ist meine alte Deutschlehrerin. Sie sitzt in ihrer Muschel und blättert in der Gala. Der alte Mann mit der Armbrust schaut mich an. Er sieht, zielt und schießt.

Ich wache auf. Die Bühne ist weg. Mein Bett ist da. Die Frage bleibt: Welches Stück spielen wir eigentlich?

„Denn wir sind ein Schauspiel geworden der Welt und den Engeln und den Menschen. Wir sind Narren um Christi willen.“ (1. Kor 4,9-10) Wow! Was für ein Bild: unser Leben als Schauspiel, dem die Menschen und die Engel und die ganze Welt zuschauen. Ein Gedanke, der mich auch tagsüber manchmal beschleicht: dass sich mein Leben erst wirklich erschließt, wenn ich es als Teil einer größeren Inszenierung begreife. Nur, dass leider keiner der Beteiligten das Drehbuch kennt. ...

Das Zittern meiner linken Hand


Theologische Impulse 29, von Dr. Thorsten Latzel

Vielleicht kennen Sie das auch, dass eins Ihrer Körperteile nicht tut, was es soll: Das Ohr pfeift, das Knie scheuert, der Magen krampft. Jede/r hat seine/ihre eigene Achillessehne. Bei mir ist es (neben ein paar anderen Macken) gerade meine linke Hand. Sie zittert. Das tut sie eigentlich schon immer, so lang ich denken kann. Essentieller Tremor. Nicht weiter schlimm. In den letzten Jahren ist es nur intensiver geworden. Was recht lästig werden kann, etwa beim Halten von Suppenschälchen bei Empfängen. Als ich einen Facharzt noch einmal dazu befragt habe, meinte er lapidar: „Na, Ihre Rechte zittert ja ebenfalls. Das fällt nur nicht so auf.“ Auch nett.

Wenn am eigenen Körper etwas nicht richtig funktioniert, fehlt oder seltsam aussieht, bekommt die Sache für einen persönlich oft mit einem Mal einen besonderen Wert. Ich habe etwa 48 Jahre lang nie auch nur im Geringsten das wahre Wunderwerk meines Schultergelenks gewürdigt, bis ich es mir gebrochen hatte. Was meine linke Hand betrifft: Ich finde mittlerweile Neurochirurgen, Pianisten und Bogenschützen faszinierend. Dr. Derek Shepherd in „Grey’s anatomy“, den Musiker Don Shirley in „Green Book“ oder Russell Crowe als „Robin Hood“. Alles Helden, die ihre Taten mit „ruhiger Hand“ vollbringen. Ein Ausdruck für aufreizende Gelassenheit, kompetente Souveränität, tiefen zen-artigen Einklang mit sich selbst. Geht mit meiner Hand leider alles nicht. Meine Linke zittert (schon gut, die Rechte auch). Von daher ist es auch perspektivisch gut, dass ich Pfarrer geworden bin. Beim Segnen hat das Zittern eher eine magische Wirkung (auf jeden Fall besser als bei einer Gehirn-OP). ...

Von Einsam-, Zweisam- und Allsamkeit


Theologische Impulse 28, von Dr. Thorsten Latzel

Die erste Sache, die Gott am Anfang der Bibel im Blick auf den Menschen feststellt - gleich nach der schöpferischen Prädikatsnote „Und siehe, es war sehr gut“ - lautet: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein (oder genauer: einsam) sei“ (1. Mose 2,18). Das stimmt. Eine tiefe existentielle Grundwahrheit: Einsamkeit ist Mist. Als negativ empfundene soziale Isolation unterscheidet sie sich von anderen, mitunter durchaus gewollten Formen des Alleinseins. Etwa aus kreativen oder asketischen Gründen. Alleinsein kann wertvoll und bereichernd sein, wenn man „für sich selbst ein heilsamer Umgang ist“ (M. von Ebner-Eschenbach). Einsamkeit dagegen macht krank. Mutter Theresa bezeichnet sie als die schlimmste Armut.

Nicht von ungefähr gibt es in Großbritannien seit 2018 ein „Ministry of Loneliness“. Jeder siebte Einwohner fühle sich dort regelmäßig einsam, quer durch alle Altersstufen. 200.000 alte Menschen hätten seit einem Monat kein Gespräch mehr mit einem Freund oder Verwandten gehabt. Aber auch junge, arbeitende Menschen leiden unter dem Gefühl, abgesondert, isoliert, allein zu sein, oft mitten unter anderen Menschen. In individualisierten Gesellschaften anderer Länder findet sich ähnliches. Eine Studie des Roten Kreuzes spricht von einer „Epidemie im Verborgenen“. Einsamkeit schade der Gesundheit mehr als 15 Zigaretten am Tag - ein eindrücklicher Vergleich, auch wenn ich nicht weiß, wie sich Pest mit Cholera vergleichen lässt. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein - einsam - sei“.

Die Frage ist nur, ob die Lösung mit der Zweisamkeit immer so viel besser ist. Es gibt ein Leiden, mit sich selbst alleine zu sein. Und es gibt ein Leiden, mit einem anderen Menschen zusammen zu sein. Wenn etwa Zusammensein die Einsamkeit nicht vertreibt, sondern vertieft. Die gegenwärtige Scheidungsquote von über einem Drittel aller Ehen spricht hier eine eigene Sprache. Noch mehr die unbekannte Zahl unglücklicher Paare, die sich niemals trennten, es aber vielleicht hätten tun sollen. ...

Von der geistlichen Kunst des Radfahrens

 

Theologische Impulse 27, von Dr. Thorsten Latzel

Ich weiß nicht, ob Sie auch zu jenen ca. 60 Millionen Einwohnern von Deutschland gehören, die in diesem Jahr Fahrrad gefahren sind. Ob Sie nun alltäglich - mit der klassischen Klammer ums Hosenbein – zum Bäcker, Kindergarten oder zur Arbeit fahren. Ob Sie am Wochenende langsam die Flussauen entlang radeln und sich an Gottes schöner Schöpfung freuen - „Schau an ein Pfauenauge! Wie nett, wie nett.“ Oder ob Sie auf dem Rennrad (mit oder ohne E-Antrieb) im Taunus, Vogelsberg oder Odenwald eine Bergwertung absolvieren: Fahrradfahren hat eine ganz eigene Faszination. Fahrradfahren ist immer mehr als bloße Fortbewegung von A nach B. Fahrradfahren ist ein Stück Lebenskunst. Es gehört mit Laufen und Schwimmen, Lesen und Schreiben zu den grundlegenden kulturellen Techniken, die ein Mensch in der neuzeitlichen Zivilisation erlernt.

Vielleicht erinnern Sie Sich noch daran, wie Sie es selber als Kind gelernt haben oder wie Sie es als Eltern oder Großeltern Ihren Kindern oder Enkeln beigebracht haben. Ich zumindest kann mich noch gut an den erhebenden Moment vor rund 40 Jahren erinnern, als ich zum ersten Mal ganz alleine und ohne Stützräder gefahren bin. Ein Gefühl von Leichtigkeit, Stolz, Freiheit, Glück stellte sich damals bei mir ein. Ich spürte irgendwie in mir die kindliche Gewissheit: „Wenn du sogar das schon kannst, dann wirst du den Rest im Leben auch noch schaffen.“

Später bekam ich dann von meinen Großeltern mein erstes eigenes Fahrrad geschenkt. Ein neues Herren-Rad - schließlich war ich ja ein Junge - 26 Zoll, grasgrün, von Goericke. Ich war stolz wie Oskar. Von nun an stand mir die Welt offen. Wenn man mich damals im Rausch der rollenden Räder gefragt hätte, ob ich lieber fliegen oder Fahrrad fahren wollte, meine Antwort wäre klar gewesen. Nun, meine anfängliche Euphorie und kindlichen Allmachtsphantasien legten sich mit den Jahren dann etwas. Auch mit meinem grünen Goericke war die Welt doch nicht so leicht zu erobern, wie ich es zunächst dachte. Die Faszination des Fahrradfahrens aber blieb. Im Fahrradfahren spiegelt sich für mich viel von dem wider, worum es im Leben geht.

Fahrradfahren als ein Stück Lebenskunst - und als ein Bild für den christlichen Glauben. ...

Die fremden Witwen oder:
Von der Liebe in Zeiten des Alltags


Theologische Impulse 26, von Dr. Thorsten Latzel

Die Liebe zum Nächsten oder gar zum Fremden ist eine tolle Sache. Wenn es da den Alltag nicht gäbe. Steuererklärung, Wohnung aufräumen, das Auto zum TÜV. Die Kinder zum Kunstkurs, Kieferorthopäden, Klassenausflug. Bei der Arbeit drücken Termine. Dann wird es mit der Nächsten-Liebe schon mal schwieriger. Zumal es so viele davon gibt. Allein 750.000 in Frankfurt. Weltweit über 7,5 Milliarden. Und alle so verschieden. Da bleibt man am besten unter sich. Oder um es mit Methusalix zu sagen: „Ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden sind nicht von hier.“ Der Alltag als Liebestöter. Nicht nur der erotischen.

Bei den biblischen Geschichten, etwa der vom barmherzigen Samariter, ist das ja noch alles schön übersichtlich. Ein einziger Schwerverletzter am Wegesrand. Noch dazu in einer offensichtlichen Notsituation. Es wäre schlicht unterlassene Hilfeleistung, hier nicht einzugreifen. § 323c StGB: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten [...] ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“ Die besondere Pointe bei der Geschichte vom Samariter liegt aber in etwas Anderem. Nämlich im Perspektivwechsel: nicht der Andere ist der Nächste, sondern ich werde zum Nächsten - wenn ich mich vom Leid des Anderen berühren lasse. Die Liebe als eine Bewegung der Freiheit, dem Anderen ein Nächster zu werden. Eine Freiheit, in der ich als Helfender selbst die unbedingte Nähe Gottes erfahre. In der Liebe zum Nächsten gewinnt die Freiheit allererst ihre Gestalt.

Doch auch damit ist die Sache nicht so einfach. Das zeigen andere Geschichten von den ersten Christen. Lukas etwa zeichnet in der Apostelgeschichte zunächst ein paradiesisches Idealbild des Anfangs. „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele. Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. ... Und es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte.“ (Apostelgeschichte 4,32.43) Ach, wie schön! Selbst wenn man mal von dem kleinen tödlichen Zwischenfall mit Hananias und Saphira absieht, die vom Teilen nicht ganz so viel hielten und eher zu einem Modell von Privatbesitz mit volkskirchlicher Spendenpraxis und kleinem Steuerbetrug neigten. Gerade mal ein Kapitel dauert es - und schon knarzt es bedenklich im urgemeindlichen Gebälk. Oder besser gesagt: Es „murrt“ in Teilen der Gemeinde. „Murren“ - ein herrlich altes Wort dafür, wenn es mit der Freiheit nicht so läuft, wie man es sich gewünscht. ...

Religion und Freiheit.
Ein unversöhnlicher Gegensatz?


Theologische Impulse 25, von Dr. Thorsten Latzel

Zu diesem Titel fand kürzlich eine Veranstaltung in der Evangelischen Akademie statt. Nun, wenn Theologen so eine Frage stellen, dann ahnt man schon, woraus das rauslaufen wird. „Nein. Natürlich nicht. Religion und Freiheit gehören wesentlich zusammen.“ Ach, wenn die Sache so einfach zu verneinen wäre! Erlauben Sie mir, ein paar Ambivalenz-Erfahrungen einzustreuen.

Ja, es gab wohl mal eine Zeit, in der wäre die Frage sicher einfacher zu beantworten gewesen. Da waren Protestanten etwa noch wirkliche Piraten, Freibeuter des Heiligen Geistes. Da heirateten Mönche und Nonnen, revolutionierten sie das Bildungswesen, legten sich mutig mit Papst, Kaiser und Traditionen an, aßen Würste in der Fastenzeit. Heute dagegen wirkt die evangelische Kirche eher wie eine Institution der religiösen Gralshüter zur Wahrung sozialverträglicher, traditioneller Werte. Im Nachhinein haben wir es natürlich eigentlich immer vorher gewusst - die Sache mit der Emanzipation der Frau, mit der Gleichstellung von Homo-, Bi- oder Transsexuellen oder auch mit der Demokratie. Die erste Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Demokratie kam ja auch immerhin schon 1985. Man könnte den Eindruck haben, wir sind besser im Reden über Freiheit als in der Praxis der Freiheit. Religion als eine Sache eher für zwanghaft, normative Typen, die anderen gerne vorschreiben, wie sie zu leben haben.

In unseren Gemeinden trifft man zumindest wenige Leute mit blauen oder grünen Haaren. Wir tragen unser Kopftuch gleichsam innen. Und auch die Milieus der Expeditiven, der Performer, der kreativen Querdenker trifft man eher selten. Warum eigentlich, wenn wir doch die Freien sind?

Nun, evangelische Freiheit funktioniert ja eher nach dem „Ja, aber“-Prinzip. Freiheit ist bei uns immer schon attributiv eingefangen, dialektisch domestiziert: „Verantwortete Freiheit“, „Freiheit in Bindung“, „Freiheit und Knechtschaft.“ Mit Paulus zu sprechen: „Alles ist euch erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist euch erlaubt, aber nicht alles baut auf.“ Dazu der Lieblingskommentar eines Kollegen: „Alles vor dem Aber ist in der Regel gelogen.“

Doch auch mit der Freiheit ist das ja keineswegs so einfach. Sie hat als Zielwert spätestens seit den sichtbaren Folgen des Neo-Liberalismus als zentraler politischer Zielbegriff doch erhebliche Schrammen abbekommen. Und wie sieht es eigentlich aus, wenn ein politisches System wie China zukünftig noch viel höhere Effizienz, rasanteren technologischen Fortschritt und verlässlicheren wirtschaftlichen Wohlstand bietet als das alte Europa? Wie viel sind uns dann unsere demokratischen Freiheitsideale tatsächlich noch wert? Ist dann Freiheit wirklich „das einzige, was zählt“ (Marius Müller-Westernhagen)? ...

"Nenn mich nicht Bruder!"


Theologische Impulse 24, von Dr. Thorsten Latzel

Was für Familien-Verhältnisse! Er - ein Bankert, ein Bastard. Sein Vater will seine Mutter sitzen lassen. Seine Angehörigen halten ihn für verrückt. Er lässt sie draußen vor der Tür stehen. Für ein konservatives Familien-Idyll kann man sich schwerlich auf die Evangelien berufen. Für ein sozialrevolutionäres Familien-Bashing allerdings ebenso wenig.

Am Ende, am Kreuz wird Blut dann doch dicker sein als Wasser. Als man ihm den Speer in die Seite stößt. „Siehe, das ist dein Sohn. Siehe, das ist deine Mutter“. Er ist ein familiärer Beziehungsstifter, bis zuletzt. Mit seinen Jüngerinnen und Jüngern teilt er sein kindliches Urvertrauen zu Gott: „Unser Vater im Himmel“. In der Stunde der Anfechtung, allein im Garten, wird es am intensivsten sein: „Abba, mein Vater.“ Für die anderen wird er so zum Sohn schlechthin: Davids-, Menschen-, Gottessohn. In der Sprache der späteren Tradition: der „Einziggeborene“, der zum „Erstgeborenen“ wird. „Alle Menschen werden Brüder.“ Und Schwestern. Der große Traum der Menschheit. Aber das Elysium hat hier seinen Preis. Einen Blutpreis. „Das ist mein Blut, das für viele vergossen wird.“

Markus, der älteste und archaischste Erzähler der Christus-Geschichte, ist zugleich auch der Familien-Abstinenteste von ihnen, gleichsam der Single unter den Evangelisten. Bei Markus gibt es keine Kindheitsgeschichten, kein Vaterunser, keine Mutter unterm Kreuz. Nur drei Mal kommt Jesu Familie bei ihm vor (Markus 3,20f.; 3,31-35; 6,1-6). Und immer sind sie ein Hindernis. Wie die Jünger, die ihn nie verstehen. Wie die Frommen, mit denen er permanent streitet. Dabei hängen die drei Familien-Geschichten mit dem großen Geheimnis bei Markus zusammen: dass dieser Jesus Gottes Sohn ist. Es durchzieht die Erzählung des Markus wie ein cantus firmus: von den Himmelsstimmen bei Taufe (1,11) und Verklärung (9,7) bis zum paradoxen Bekenntnis des römischen Hauptmanns unterm Kreuz (15,39). Und darin liegt die Pointe der Geschichte in Markus 3,31ff.: Jesus ist der Sohn Gottes, gerade indem er radikal als Sohn und Bruder aller lebt, die Gottes Willen tun. Er ist der Christus, weil er sich selbst nicht darauf beschränken lässt, der aus Nazareth, der Zimmermann, der Bruder von ... zu sein (6,3). ...

"Mehr als Sand".
Ein Lob geistlicher Kürze


Theologische Impulse 23, von Dr. Thorsten Latzel

„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. (...)
Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so groß!
Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand:
Am Ende bin ich noch immer bei dir.“
(Psalm 139, 14.17-18)

Warum arbeiten, machen und vor allem reden wir als Kirche eigentlich immer so viel?

Ein sonntägliches Beispiel:
Das Vaterunser (alles, was Jesus Christus zu beten lehrte) – 63 Wörter
Die Zehn Gebote (alles, was Gott selbst zu tun lehrte) – 103 Wörter
Das Glaubensbekenntnis (alles, was die Alten zu glauben lehrten) – 103 Wörter
Eine Predigt – geschätzt ungefähr 1.500 Wörter, gefühlt oft noch etliche mehr.
Warum?

Antwortversuche:

1. Fußballerisch: Weil dies zu den drei grundlegenden Weisheiten des Gottesdienstes gehört: Das eckige Wort Gottes muss ins Runde des menschlichen Gehörgangs.
Nach dem Gottesdienst ist vor dem Gottesdienst.
UND: Die Predigt dauert 15 Minuten.

2. Wissenschaftlich: Weil der Sprung über den garstigen Graben von zweitausend Jahren einen ordentlichen verbalen Anlauf braucht: eleganter exegetischer Absprung vom biblischen Text, gewagter Flug über 2000-3000 Jahre Wirkungsgeschichte, zielgenaue Landung in der Gegenwart. Das braucht Zeit. Und Wörter.

Wunschzettel. Im Mai
Übung in frommer Unbescheidenheit


Theologische Impulse 22, von Dr. Thorsten Latzel

Lieber Gott,

es heißt, dass es einmal eine Zeit gab, in der das Wünschen noch half.
Irgendwann. Damals. Als ich noch ein Kind war.
Als die Menschen und die Welt noch Kinder waren.
In den Märchen, wenn die Fee kam oder die gute Hexe oder die drei Nüsse dalagen.
Am Anfang der Wundergeschichten, als Jesus die anderen immer wieder fragte:
„Was willst du, dass ich dir tue?“

Wir haben es irgendwann verlernt. Ich habe es verlernt - das Wünschen.
Aber wir brauchen es. Vielleicht dringender als früher.

Deshalb, Gott: Mein Wunschzettel. Ich verspreche Dir: kein Konsum-Scheiß.
Nicht von dem Zeug, was ich mir mit mehr oder weniger Geld auch selber kaufen könnte.
Sondern große, richtig große Wünsche.
Wie es für Dich, Gott, angemessen ist. In frommer Unbescheidenheit.
Dafür aber auch nur drei, wie es sich gehört.

 

1. Lieber Gott, ich wünsche mir, dass die Welt eine andere wird.
In den alten Bildern der Bibel gesprochen:
Dass Du alle Tränen abwischst, und dass kein Leid und kein Geschrei und kein Schmerz mehr sind.
Dass unsere Kinder nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
Dass wir die Schwerter zu Pflugscharen und die Spieße zu Sicheln schmieden.
Dass ein jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum in Frieden wohnt.
Dass niemand hungern muss oder ausgegrenzt wird - kein Fremdling, keine Witwe, keine Waise.
Dass Säuglinge an dem Loch der Otter spielen können und Wölfe friedlich bei den Lämmern wohnen.
Dass niemand mehr an einer dieser elenden Krankheiten sterben muss.
Dass unsere Alten noch Träume haben und unsere Kinder Zukunftshoffnung.
Ja, dass der Tod selber einmal nicht mehr sein wird.

Lieber Gott, das wünsche ich mir von Dir. ...

Baumheilige oder:
Wie man vom eigenen Baum wieder runterkommt


Theologische Impulse 21, von Dr. Thorsten Latzel

Es gibt Menschen, die haben eine verkrümmte und verzwergte Seele. Sie können sich selbst und andere - aus welchem Grund auch immer - nicht wirklich lieben. Sie wissen alles besser oder meinen das zumindest. Sie haben an allem und jedem etwas auszusetzen. Von der Welt, dem Leben, den Menschen sind sie ständig missverstanden, ungerecht behandelt, zutiefst verletzt. Passive Aggressivität in Permanenz. Vor so einer „Seelen-Verzwergung“ sollte man sich tunlichst schützen. Es tut einem oft schlicht nicht gut, mit solchen Menschen umzugehen.

Das heikle ist nun, dass solche Neigungen nicht nur bei anderen existieren. Vielleicht kennen Sie das auch von sich: Im Chor meiner inneren Stimmen gibt es da eine mit so einer hohen, fisteligen Tonlage. Den spitzen Sopran meines „Kritiker-Ichs“. Wenn es sich meldet, hört man es sehr schnell heraus. Mit einem nerv-tötenden Ton. Wie alle Kritiker hat es etwas Eunuchenhaftes an sich. Im Zweifel weiß dann auch mein „Kritiker-Ich“ es immer besser - vor allem, wenn es eine Sache nicht selber machen muss. „Wie kann man nur solche Klamotten tragen, so einen Schwachsinn sagen, sich so nach draußen wagen! Wie peinlich ist das denn?“

Wie schön könnte die Welt doch sein, wenn wir aufhören würden, es für andere immer besser zu wissen! Gäbe es doch heilsame Heiserkeit für Kritikaster.

In den Jesus-Geschichten der Bibel spielt die Auseinandersetzung mit dem eigenen „Kritiker-Ich“ und den verzwergten Seelen eine große Rolle. Eine Geschichte, in der dies besonders eindrücklich erzählt wird, ist die von Zachäus. Sie kennen sie vielleicht noch aus Kindheitstagen. Da ist der reiche Oberzöllner Zachäus in Jericho, der den berühmten durchreisenden Wanderprediger Jesus gerne sehen möchte. Aber weil er so klein ist und weil die Leute ihn nicht leiden können, muss er ganz unstandesgemäß auf einen Baum klettern. Da sitzt sie nun, diese kleine verkrümmte, verzwergte Seele: wohlhabend und allein, erhöht und ausgegrenzt, mächtig und klein. Und dann passiert es: „Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.“ (Lukas 19, 5-6). Und mit jedem Ast, den Zachäus eilig herunterklettert, sieht man seine Seele förmlich wachsen. Jesus lädt sich selber ein und macht so aus dem Oberzöllner, der andere abzockt, einen Gastgeber, der anderen den Tisch deckt. Ein Sozialwunder seelischer Entzwergung. ...

"Gelassenheit" -
bei Schiffbruch und Gebet


Theologische Impulse 20, von Dr. Thorsten Latzel

„Nichts ist so aufreizend wie Gelassenheit“. Der Ausspruch von Oscar Wilde vor über 100 Jahren hat an seiner rhetorischen Pointe nichts eingebüßt. Im Gegenteil. Gerade in einer Zeit des kollektiven Burn-Outs, in der wir vor lauter Zeit sparender Technik gefühlt unter immer größeren Zeitdruck stehen, gewinnt Gelassenheit immer mehr an Attraktivität.

Der Züricher Literaturwissenschaftler Thomas Strässle hat in einem kleinen, klugen Büchlein die Geschichte und Vielschichtigkeit des Begriffs schön beschrieben. Gelassen nimmt man etwas, gibt man sich, wäre man gerne. Sorgsam zeichnet er diese drei verschiedenen Verwendungsweisen nach. „Gelassenheit“, so Strässle, „ist ein Projektionsbegriff – mit großer Konjunktur und geringer Kontur“. Ein Bild, das dabei oft für Gelassenheit verwendet wird, sei das des Meeres. Wie es die Alten formulierten: die Meeresruhe der Seele, die „tranquillitas animae“.

Was damit gemeint ist, zeigt auf beeindruckende Weise der Film „All is lost“ (2013). Robert Redford spielt darin einen Mann, der allein auf dem indischen Ozean segelt. Sein Boot wird von einem herumschwimmenden Container gerammt. Und dann beginnt der lange, einsame, schweigsame Kampf gegen den Untergang. Unter uns: Wem anderes als Robert Redford wollte man anderthalb Stunden bei so etwas zusehen? Wohl wissend von der Verlesung des Abschiedsbriefs in der ersten Szene, wie das Ganze ausgehen wird. Beeindruckend ist dabei die konzentrierte Ruhe, mit der er sich gegen den Untergang stemmt – ein Spiegel des weiten Ozeans um ihn herum. Und die stillen Gesten, mit denen er nach und nach immer mehr loslässt: zuerst das Schiff, dann die Flasche mit dem Abschiedsbrief, am Ende die Rettungsinsel. Nur äußerst wenige Worte werden während des ganzen Films gesprochen - als Notrufe und einmal in einer Szene der Verzweiflung: „Scheiße - Gott - Fuck.“ Eine nachdenkenswerte Trias.

Gelassenheit. Sie hat viel mit der Haltung zu tun, um die es im Glauben geht. Eine Haltung, die zwischen Aktivität und Passivität changiert. Eine Haltung, in der ich ganz präsent bin, ganz bei mir bin. Und doch gerade so, dass ich drauf verzichte, etwas zu tun. Eine Haltung, in der ich lasse, geschehen lasse. So wie im Gebet oder im Glauben. Meister Eckardt brachte dies auf die Formel: „Man muss gelassen han, um gelassen zu sin.“ Ein abschiedliches Leben. In das Leben hinein zu sterben und in den Tod hinein zu leben. Die Kunst, loszulassen, zuzulassen, sich auf jemanden anderen zu verlassen. ...

„Wie Maria zum Kinde …“
Vom notwendigen Gespräch zwischen Laien und Experten


Theologische Impulse 19, von Dr. Thorsten Latzel

Manchmal, wenn man als Referent zu einem Thema angefragt wird, fühlt man sich etwas so wie Maria, als sie zum Kinde kommt: „Warum ich?“ So ging es mir, als ich bei einer Sicherheitskonferenz zum Dialog von Laien und Experten reden sollte. Mit solchen Dialogen habe ich zwar regelmäßig zu tun. Dies gehört zur Leitidee evangelischer Akademien. Was dagegen Sicherheitsfragen betrifft, kenne ich mich nun wirklich nicht aus. Und selbst meine Unkenntnis ist noch kein Alleinstellungsmerkmal. Schließlich kann ich kaum von mir behaupten, „der“ namhafte Laie zu sein, den man dazu unbedingt gehört haben sollte. Doch irgendwann drehte sich die Frage um: „Warum eigentlich nicht ich?“ Es wäre ja mal interessant zu fragen, was sich aus theologischer Perspektive dazu beitragen lässt, dass Laien und Experten gut miteinander reden – auch bei Sicherheitsfragen.

1. Was ist ein Experte?

Anders als „Sachverständiger“ gilt der Begriff Experte nicht als gesetzlich geschützt. Schön ist die Persiflage auf den unsäglichen Experten-Jargon aus Talkshows in den „Känguru-Chroniken“. Dort taucht ein gewisser Dr. Timm Olaf Minne auf, dessen Sätze immer beginnen mit: „Ich als Experte“. Der Begriff dient oft schlicht als rhetorischer Mantel, um eigene Interessen mit vermeintlicher Fachwissenschaftlichkeit zu kaschieren. Er ist zudem vielfach verknüpft mit einer problematischen Entpolitisierung in Zeiten von „alternativlosen Entscheidungen“.

Die erste Rede von „Experten“ gab es übrigens erst in den 1830er-Jahren in Deutschland, als Lehnwort vom französischen expert, das sich seinerseits vom lateinischen Adjektiv expertus – „erfahren, erprobt“ – bzw. dem Verb experiri – „erproben, austesten, eine Erfahrung machen“ – herleitet. In den 1850er-Jahren gab es dann die ersten Expertenberichte von Ingenieuren. Der Kontext ist hier zu beachten: Industrialisierung, technischer Umbruch, Auseinanderdriften der Gesellschaft – ähnliche Prozesse wie heute.

Eine besondere Problematik wohnt dann Expertokratien inne, also einer Regierung aus Fachleuten, Wissenschaftlern und Verwaltungsleuten, meist in Krisen-Zeiten, mit angeblicher Überparteilichkeit. De facto fehlt Expertokratien nicht nur in aller Regel die demokratische Legitimation. Sie sind zudem für eine Demokratie grundsätzlich hochproblematisch: Sie verneinen den politischen Entscheidungsbereich im Blick auf die Wahl gesellschaftlicher Ziele. Sie sind damit latent antipluralistisch und blind für eigene Wertsetzungen. Und sie folgen meist einem streng rational-technizistischen Welt- und Menschenbild: „Moderne Technik bedarf keiner demokratischen Legitimation, wenn sie optimal funktioniert.“ Die Frage von Technokratien, im 20. Jahrhundert intensiv diskutiert, wird im digitalen Zeitalter wieder neu relevant. ...

Die Auferstehung der Haut
Küchentheologische Reflektionen


Theologische Impulse 18, von Dr. Thorsten Latzel

Zu diesem Impuls muss ich etwas vorwegschicken: Meine Frau ist Religionslehrerin, ich bin Pfarrer. Das kann passieren. Ist auch gar nicht schlimm. Es verleiht unseren Küchengesprächen nur manchmal eine gewisse theologische Einfärbung. Professionelle Deformation. Und es verkürzt in solchen Momenten die Aufenthaltsdauer unserer Kinder vor dem Kühlschrank ungemein.

Kürzlich beim Ausräumen unseres neuen Geschirrspülers ging es etwa um die Auferstehung Christi.

Also: Ich brate das vegane Hack an, meine Frau öffnet die Tür des Geschirrspülers. Er ist voll.

Wie nun: War das Grab leer oder nicht? Das hat meine Schüler/innen aus der Elf vor den Ferien wirklich umgetrieben. Was hättest Du denn da gesagt?

Ich schlucke und verschaffe mir durch geschäftiges Rumrühren in der Pfanne etwas Zeit zum Nachdenken:

Na ja, ich glaube, man missversteht das leere Grab, wenn man es rein historisch zu begreifen sucht. Das leere Grab ist ja keine hinreichende Bedingung für die Auferstehung Christi. Man kann ja nicht sagen: „Guck, das Grab ist leer. Also muss Christus auferstanden sein!“ Das Ganze ließe sich auch anders deuten. Etwa als Leichendiebstahl. So ja schon in den Evangelien.

Das leere Grab ist aber auch keine notwendige Bedingung für die Auferstehung. Im Sinne von: „Nur, wenn das Grab leer war, kann Christus auch auferstanden sein.“ Damit würde man nicht nur recht klein von Gott denken, der ja gerne mal aus dem Nichts schafft. Man hätte vor allem ein Problem mit unserer eigenen Auferstehung. Denn da sind die Körper dann ja schon zerfallen oder verbrannt.

Wenn Du mich fragst, wie es war: Wir wissen schlicht nicht, wie es historisch war. Das leere Grab ist eine bildhafte Sprache, unhintergehbar metaphorisch. Ein erzählerischer Freiraum im wahrsten Sinn des Wortes, hinter den wir geschichtlich nicht zurückkommen.

Und interessanter Weise führt das leere Grab an sich in den Geschichten ja auch nie zum Glauben. Es braucht immer einen deutenden Engel, der dazukommt. Oder noch genauer: eine Begegnung mit dem Auferstandenen selbst.“

Zwischenzeitlich hat sie das skelettartig aufgereihte Besteck aus dem obersten Fach ausgeräumt. Von meiner Pfanne dagegen steigt verdächtiger Rauch auf. Vielleicht hätte ich doch weiter rühren sollen. Meine Frau schiebt mich mit einem leichten Brauen-Zucken zur Seite. Ich ignoriere diese eklatante Missachtung meiner kulinarischen Kompetenz und wende mich stattdessen dem zweiten Fach des Geschirrspülers zu. Oben auf den Tassenböden sind wieder so kleine blöde Pfützen. Und ich frage mich, warum die Trockenfunktion das nicht schafft. Bleibt nur der Griff zum Handtuch. ...

Zum Tod des Todes
Kleine theologische Unverfrorenheiten


Theologische Impulse 17

Der letzte Feind

Seine Macht ist die Nacht /
wenn keiner mehr lacht,
wenn alles verfällt / die Hoffnung zerschellt /
wenn deine Hand meine nicht hält.

Er ist der Schatten ohne Ende /
die dunkle Wende,
das Aus und Vorbei / bricht alles entzwei /
voll Schmerz und Geschrei,
gehüllt in ein Nicht / ohne jegliches Licht,

Sollen wir wirklich wagen / ihm zu sagen:
„Du kannst uns mal?“

Seine Macht ist die Nacht / wo es kein Dich
mehr gibt / da hat sich‘s ausgeliebt,
kein Angesicht / kein Morgenlicht,
keine Wärme / kein Wort / kein Zufluchtsort.

Er ist die Stille auf Ewig / doch ohne Frieden,
die Ruhe / die Grube / das Dunkel /
der Schlund /
das Stürzen in Tiefen ohne Grund. 
Der schwarze Rachen / der alte Drachen /
der letzte Feind.

Sollen wir uns wirklich trauen / uns vor ihm
aufzubauen / ihm ins Auge zu schauen:
„Uns kannst du nichts?“

 

 

Seine Macht ist die Nacht /
wo kein Hoffen mehr wohnt /
in der er allein thront / niemand verschont /
mit Kälte entlohnt.

Er ist das Land ohne Zimmer /
Der Abschied auf immer.
Der Krebs / die Pest / der bittere Rest.
Der Schnitter / Würger / Sensenschwinger.
Der Knochenmann und Schicksalsbringer.

Er hat weder Stunde, noch Sinn, Maß oder Ziel.
Kennt keinen Gott, Glaube, Gefühl.

Sind wir wirklich so verwegen / allem entgegen /
uns mit ihm anzulegen:
„Uns hältst du nicht?“                             (TL)

„Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2. Tim 1,10)

Rein argumentativ sieht es ja - unter uns gesagt - eher etwas mau für uns aus: Es steht - ungefähr - 100 Milliarden zu 1. Für den Tod. Und das eine Mal ist recht schlecht bezeugt. Ein leeres Grab. Ein paar Erscheinungen. Und die auch nur vor den eigenen Jüngerinnen und Jüngern. Religiös befangen, allesamt. ...

Bruder Judas
Eine Übung im moralischen Sehen


Theologische Impulse 16

Fragt man einmal nach den unmoralischsten Menschen, die einem einfallen, so würde man heute aktuell vielleicht Trump nennen, oder Erdogan, Assad, Putin. Mit längerer geschichtlicher Perspektive Hitler, Stalin, Pol Pot.

Früher war das anders: natürlich gab es damals auch tyrannische, grausame Herrscher. Doch am schlimmsten waren nicht sie, sondern die Verräter. Die Denunzianten, Anschwärzer, Verleumder, Aushorcher, Zuträger, Petzen: Brutus, Gaius Crassus und Judas. Folgt man Dante in der Göttlichen Komödie so gibt es in der tiefsten Hölle einen eigenen Bereich, die Judecca, in welcher der Teufel diese drei Erzverräter in seinen drei Mäulern zermalmt.

Der Verrat galt als eines der schlimmsten Verbrechen überhaupt:

- weil es von einem Menschen geschieht, der einem lieb und nahe ist,

- weil es die Liebe, das Gute, die Freundschaft mit Undank lohnt,

- weil es schlecht in sich ist (in früherer Sprache ein „malum in se“). Es gibt, so die Vorstellung, keinen „guten Verrat“.

So wie bei Judas, dem Erzverräter schlechthin, der den Menschensohn ans Messer liefert, so wie wir es in der Karwoche immer am Gründonnerstag feiern - und bei jeder Feier des Abendmahls erinnern: „Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht in der er verraten ward, nahm er das Brot ...“ Die Nacht des Verrats, wenn alle Lichter verlöschen.

Doch was sehen wir eigentlich „moralisch“, wenn wir diese verwerfliche Tat sehen?

Mehrdeutig ist bereits sein Beiname Iskariot: Meint es den Mann aus Kariot (Isch Qerijot), den einzigen Judäer im Kreis der galiläischen Jünger? Oder steht es für Sikarier, den Dolch-Träger, den religiösen Eiferer?

Mehrdeutig ist auch das griechische Verb „paradidomi“, mit dem seine Tat beschrieben wird: Verrät er Jesus? Oder liefert er ihn aus? Oder übergibt er ihn? Dies sind wichtige Unterschiede und alle Übersetzungen sind sprachlich möglich.

Mehrdeutig sind vor allem auch die Gründe und Folgen seiner Tat: Matthäus schildert Judas als reuigen Sünder, der dreißig Silbergroschen von den Hohen Priestern erst einfordert, nach seiner Tat zurückgibt und sich erhängt.

Lukas erzählt, dass der Satan in ihn gefahren sei und er später auf den vom Blutgeld gekauften Acker stürzt, so dass seine Eingeweide herausfallen. Nach Johannes ist Judas schließlich der untreue Finanzverwalter des Kreises um Jesus und ein Dieb. ...

"Von der Freiheit, frei zu sein" -
Die Passion als Anti-Western


Theologische Impulse 15, von Dr. Thorsten Latzel

Die Passion als Anti-Western

Ein Mann reitet in eine Stadt. Das ist der klassische Beginn eines Westerns. Der einsame Reiter, der skrupellose Bösewicht, zwischen ihnen die schöne Frau. Streit im Saloon, der Ritt durch die Wüste, am Ende der Show-Down -draußen vor der Stadt. Es ist die Verheißung, dass einmal einer kommen wird: Einer, der das Gute wieder zu seinem Recht bringen wird und der das Recht wieder gut macht. Ein einsamer Reiter als Rächer der Witwen, Waisen und Unterdrückten. Einer, der den Bösen ein für alle Mal ein Ende machen wird.

Ein Mann reitet in eine Stadt. Das ist zugleich der Beginn der Karwoche, die wir an Palmsonntag begehen. Und wie im Western kommt es hier auf die kleinen Zeichen am Anfang an. In ihnen spiegelt sich bereits der weitere Gang der Dinge: Die Palmzweige und Kleider auf der Straße. Die jubelnde Menge. Und der Esel, vor allem der Esel. Messianische Fallhöhe und Brechung in einem: es ist klar, dass das nicht gut ausgehen wird. 

Auch sein Kommen ist die Erfüllung einer alten Verheißung: „Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers. Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ (Matt 21,5)

Doch der, der da kommt, ist das Gegenbild des klassischen Helden. Dieser Sohn Davids wird die verhassten Römer nicht aus dem Land treiben. Als politischer Retter Israels ist er ein Flop. Er wird das heilige Jerusalem nicht zu neuem Glanz führen. Im Tempel wird er ein paar Tische umwerfen, ja.

Aber die Legionen seines Vaters bleiben im Himmel. Und das Schwert seiner Jünger in der Scheide.

Es ist ein sanftmütiger König, eselsförmig. Am Ende wird er am Kreuz sterben, und der Mörder wird freigelassen. Elend, verlassen, verflucht - stirbt er draußen vor der Stadt. Die Passion als Anti-Western. Die Revolution vertagt?

 

Die Freiheit, frei zu sein

Im Jahr 2018 erschien posthum der Essay von Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. Ein kleines Bändchen von hoher aktueller Bedeutung. In ihm beschäftigt sich die Philosophin Arendt mit dem, was sich in vielen Ländern und gesellschaftlichen Bereichen gegenwärtig ereignet: Revolution.

Revolutionen im Sinne radikaler Umbrüche politischer Verhältnisse, die sich rasch vollziehen und oft mit Gewalt einhergehen, gibt es schon lange. Und sie jähren sich im letzten Jahr zu Hauf: 1848, 1918, 1968.
Zudem 200 Jahre Karl Marx. Unser heutiges Verständnis von Revolution ist allerdings ziemlich jung.

Der Begriff wurde erst im 15. Jh. eingeführt - zunächst schlicht als astronomischer Fachbegriff für den Umlauf der Himmelskörper. Selbst die großen Revolutionen, die Glorious Revolution und die Französische Revolution, wurden in ihren Anfängen entsprechend nur als Restauration verstanden: als re-volvere, als ein „Zurückwälzen“, das Wieder-Herstellen eines ursprünglichen status quos. ...

Zum Beispiel Regenschirme.
Von der Kunst, sich zu verlieren und zu finden


Theologische Impulse 14, von Dr. Thorsten Latzel

Zum Beispiel Regenschirme

Meine Geldbörse, den Haustürschlüssel, die Jugend, meine Gesundheit, die große Liebe, die Lust am Sex, den linken Handschuh, Regenschirme, Schals.

Meine Arbeitsstelle, das Vertrauen in meine Mitmenschen, den Verstand, meine Unschuld, die Eltern, den Partner, den Glauben an Gott, die Gesundheit, den rechten Handschuh, Mützen, viele Mützen, und Regenschirme.

Den Sinn im Leben, mich selbst, meinen Kalender, mein Handy, unseren Kater, meine ersten Zähne, meine zweiten Zähne, die innere Ruhe.

Und Regenschirme, immer wieder Regenschirme.

Was waren die Verluste Ihres Lebens?

Die Bibel ist eine Verlust- und Finde-Geschichte: eine Geschichte vom großen Verlieren und manchmal Wiederfinden. Die Bibel beginnt ganz am Anfang mit dem Verlust schlechthin: dem Verlust des Paradieses. Wir haben das Leben verloren - so, wie es eigentlich gedacht ist: den Einklang mit der Schöpfung, den Tieren und Pflanzen, uns selbst. So sehr wir uns auch mühen, gut und schön und richtig zu leben. Es bleibt eine Lücke, eine Leere, ein Leck. Ein Riss in allen Dingen.

Das Alte Testament als Ganzes ist entstanden aus dem zweiten großen Verlust: dem Verlust des Heiligen Landes und des Heiligen Tempels. Es stammt aus der Zeit nach dem Exil. Israel lebt in der Fremde. Oder in einer Heimat, die es schon einmal verloren hat und die den Verlust auf immer in sich trägt.

Auch das Neue Testament ist aus einem Verlust entstanden. Den Tod von Jesus am Kreuz. Die sichtbare, fühlbare Gegenwart Gottes unter uns. Dieser Mensch ist nicht mehr da - greifbar, sichtbar, anfassbar. Alle Jesus-Geschichten stammen aus der Zeit nach seinem Tod, ja zumeist sogar aus der Zeit als selbst die meisten Augenzeugen schon gestorben sind. Paradies, Heiliges Land, Jesus - der große Verlust.

Natürlich ist die Bibel auch eine Geschichte des Findens und Wiederfindens. Von Ostern, Auferstehung, Heimkehr - mit der großen Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde am Ende. Doch die Erfahrung des Verlustes bleibt. Sie ist tief mit unserem Leben verbunden, seiner Endlichkeit, seiner Vergänglichkeit. So viele Regenschirme wir auch immer wieder neu kaufen, am Ende werden sie fehlen und uns vor dem großen Verlust nicht schützen. ...

"Killing Idols!"
Du sollst dir kein Bildnis machen


Theologische Impulse 13, von Dr. Thorsten Latzel

Als evangelische Christen sind wir ja gemeinhin nicht gerade für eine besonders lustbetonte Lebensweise verschrien. Die Reformierten aber gelten als religiöse Spaßbremse par excellence. Und sie haben sich diesen Ruf auch über Jahrhunderte mühsam erarbeitet. Kein Tanzen, kein Trinken, keine Bilder. Stattdessen protestantische Arbeitsmoral und Nüchternheit. Da fällt es schon schwer, in der Fastenzeit überhaupt noch etwas wegzulassen. Die Reformierten als die, die zum Lachen in die Ewigkeit gehen.

Jetzt stamme ich selbst theologisch aus einer eher reformierten Tradition. Und - „Oops, I did it again“. Da werde ich auf freundlichste Weise eingeladen, in der Darmstädter Stadtkirche in der Reihe Kreuzwege zu einem Bild zu predigen. Und ich komme gleichsam nackt zur Party. Ohne Bild. Ohne künstlerischen Zugang. Mit einer geradezu schreienden Lücke auf dem Altar. So viel Spaßfreiheit bedarf einer rechtfertigenden Erklärung. Nun, Angriff ist die beste Verteidigung. Auch in Glaubensdingen. Deswegen gleich zu Beginn meine steile Gegenthese: Ich glaube, das Bilderverbot ist der eigentliche Sinn des Kreuzes.

Killing idols“. Am Kreuz geht es darum, unsere Vorstellungen von Gott radikal zu irritieren, zu untergraben, zunichte zu machen.

Unsere Vorstellung von einem abstrakten, allmächtigen Gott. Gekreuzigt.

Unsere Vorstellung von einem erhabenen Herrscher, der das Bösen in der Welt mit seinen himmlischen Heerscharen vertreibt. Gekreuzigt.

Unsere Vorstellung von einem lieben, freundlich netten Herrn oben im Himmel. Gekreuzigt.

Pointiert formuliert: Was auch immer Sie auf einem Bild vom Kreuz Christi suchen mögen, eines werden Sie dort sicher nicht sehen: nämlich Gott. Sie würden einen leidenden Menschen sehen. Verhöhnt, gequält, gefoltert, grausam hingerichtet. Was Sie nicht sehen würden, ist Gott, wie er eingreift. Was Sie auf einem Bild vom Kreuz Christi sehen würden, wäre vielmehr die Lücke, die Leerstelle, das Fehlen Gottes.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Das Kreuz war und ist der Ort radikalster Gottverlassenheit. Das Ende all unserer religiös-frommen Gottesbilder. „Killing Idols.“

Von dem René Magritte stammt das Bild „La trahison des images“, Der Verrat der Bilder (1929). Auf dem Bild ist eine Pfeife abgebildet. Darunter der Schriftzug „Ceci n’est pas une pipe“, „Dies ist keine Pfeife.“ Dieser Satz sollte m.E. unter jeder Kreuzesdarstellung angebracht werden: „Dies ist keine Kreuzigung“. Der Satz würde den Blick schärfen für die tatsächlichen Kreuzigungen. „Dies ist kein leidender Mensch.“ Es ist nur das Bild eines Menschen, der verhöhnt, gequält, gefoltert und grausam hingerichtet ist. ...

Von Mokassins, Katzenbabys und Geiselnehmern.
Gedanken zur Empathie


Theologische impulse 12, von Dr. Thorsten Latzel

1. Von Mokassins, Katzenbabys und Geiselnehmern

Empathie steht in unserer Gesellschaft derzeit hoch im Kurs. Es gibt kaum einen Lebensbereich, an dem nicht das hohe Lied auf die soziale Kompetenz des Einfühlungsvermögens zu hören ist. Ob Führungskräfte, Kollegen, Lehrerinnen, Schüler, Politikerinnen, Hunde-/Katzenbesitzer, Mütter und Väter sowieso, Großeltern erst recht - für uns alle gilt der empathische Imperativ: „Fühle Dich ein in Dein Gegenüber. Nimm die Welt aus den Augen des Anderen wahr. Entwickle Deine emotionale Intelligenz.“ Oder das Ganze als indianische Weisheit: „Urteile über keinen Menschen, ehe du nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bist.

Nun, auch wenn man Zweifel haben darf, ob das mit den Mokassins wirklich so eine klug durchdachte Idee ist: Die Sache mit der Empathie klingt doch erst einmal sehr einleuchtend - gerade in einer Gesellschaft, die immer pluralistischer wird. Die Gefühle des anderen wahrnehmen, sie verstehen und eventuelle sogar nachempfinden, das ist sicher gut. Wer möchte schon mit einem Menschen reden, von dem man weiß, dass er die eigenen Gefühle nicht versteht? Empathie als soziale Basis für eine bunte, offene Gesellschaft.

So überzeugend das alles klingt, erlauben Sie mir doch ein paar Disharmonien in den Lobgesang einzutragen.

  • Zunächst einmal: Mit Empathie allein ist noch nichts gewonnen. Manipulative Menschen oder gar Sadisten sind in hohem Maße empathisch. Sie handeln nur eben trotzdem oder gerade deswegen hochproblematisch. Pointiert formuliert: Wir müssen uns Joseph Goebbels als einen empathischen Menschen vorstellen.

  • Die Ambivalenz der Empathie zeigt sich sodann etwa bei Katzenbabys. Es ist wohl das Leitmotiv unserer empathischen Gesellschaft schlechthin: „Oh, wie süß“. Der „cat-content“ auf Youtube umfasst zig-Millionen von Videos. „Wollen Sie die Click-Zahl Ihres Internet-Auftritts erhöhen, schaffen Sie sich eine Katze an!“ Die Frage ist nur: Wo sind eigentlich die Bilder von den Katzen, wenn sie alt, struppig, inkontinent sind, sie Würmer haben, ihnen die Haare ausfallen? Und auch Videos von Nacktmullen - obwohl ungefähr genauso groß wie Katzenbabys - findet man doch markant seltener. Unser Einfühlen in Fremde ist radikal selektiv, nicht nur bei Katzen. ...

Hineni - oder: der stotternde Mose.
Hommage an Leonard Cohen


Theologische Impulse 11, von Dr. Thorsten Latzel

Ein persönliches Lied

Am 7. Nov. 2016 starb der kanadische Dichter, Komponist und Sänger Leonard Cohen. Bekannt geworden ist er durch Stücke wie Hallelujah, Suzanne oder So Long, Marianne. Zeitlebens litt Leonard Cohen unter schweren Depressionen. Er liebte intensiv verschiedene Frauen - ohne jemals verheiratet gewesen zu sein. Sein Großvater und Urgroßvater waren Synagogenvorsteher gewesen, seine Lieder sind tief geprägt vom jüdischen Glauben und der Sprache des Alten Testaments. Drei Wochen vor seinem Tod erschien sein letztes Album You want it darker.

In düsteren, melancholischen Liedern singt der jüdische Sänger Cohen in Form eines Liebesliedes über sich selbst und über Gott und über die unmögliche Möglichkeit, an ihn zu glauben. Eine hoch persönliche Ballade eines tiefgläubigen Atheisten, eines frommen Zweiflers.

“If you are the dealer / I'm out of the game
If you are the healer / I'm broken and lame
If thine is the glory / Then mine must be the shame
You want it darker / We kill the flame”


In einem anderen Stück des Albums - Treaty - spitzt Cohen seine Auseinandersetzung mit Gott noch weiter zu - bis hin zur Bestreitung von dessen Existenz, für die er sich paradoxer Weise bei Gott in einem Gebet entschuldigt.

“I'm so sorry for that ghost I made you be
Only one of us was real and that was me

A million candles burning
For the help that never came”


Ein voluminöses Kunstwerk

Im Rahmen der EKHN-Kunstinitiative „Gnade“ im Jahr 2017 kreierte der junge Stuttgarter Künstler Georg Lutz in der Martinskirche in Darmstadt das Kunstwerk „5 tons of prayer“. Wachs- und Kerzenreste von Gebets-Kerzen, die im letzten dreiviertel Jahr in einer Kölner Kirche abgebrannt worden waren. Georg Lutz hatte sie zu einem großen Reste-Berg angehäuft. Ein Kunstwerk, das durch seine schiere Masse sprach. Fünf Tonnen. Soviel, das zunächst unsicher war, ob das Kellergewölbe der Kirche sie würde tragen können. ...

Vom Verblassen des Himmels und
dem Blau der Liebe


Theologische Impulse 10, von Dr. Thorsten Latzel

Ein Problem der Gegenwart ist, dass uns irgendwie der Himmel abhandengekommen ist. Das ist ein echtes Problem. Geht es doch um die Frage, auf was hin wir leben, lieben, glauben, hoffen. Hier und jetzt und über den Tod hinaus. Bis in alle Ewigkeit. Wie es einmal sein wird: mit uns selbst, mit unseren Lieben und unseren Feinden, mit allen Menschen, Tieren, Pflanzen, die einmal gelebt haben, mit der gesamten Schöpfung.

Einfach war es mit dem Himmel ja nie. Angesichts der unmittelbaren Erfahrung menschlichen Leidens und von Menschen gewirkter Grausamkeiten ist es schon immer einfacher gewesen, sich die Hölle vorzustellen. Und sie ist zugleich auch wesentlich interessanter. Das zeigt sich exemplarisch in modernen Filmen ebenso wie in klassischer Kunst, etwa in den Werken von Hieronymus Bosch: Teufel und Dämonen, Folter und Fegefeuer, ewige Spiegelstrafen für irdische Sünden - daraus lässt sich etwas machen. Die Hölle, so die Vorstellung, ist das radikalisierte und auf Dauer gestellte Leid der Gegenwart - nur mit umgekehrten Vorzeichen: Täter werden Opfer. Der Himmel bleibt dagegen unvorstellbar, verschwommen, das irgendwie erhoffte Andere. Filmisch bzw. künstlerisch schnell vom Licht überblendet, um nicht zu kitschig zu werden.

Sodann gibt es da das Problem, dass niemand „zurückgekommen“ ist und verlässlich befragbar wäre. Im Neuen Testament wird diese unbedingte Grenze sehr eindrücklich beschrieben im Gleichnis „Vom reichen Mann und armen Lazarus“ (Lukas 16,19-31). Der namenlose Reiche scheitert darin kläglich bei seinem Versuch, aus dem Hades heraus noch ein letztes Mal seine guten Beziehungen spielen zu lassen, diesmal zu Vater Abraham höchstpersönlich. Weder schafft er es, etwas von den irdischen Herrschaftsverhältnissen über den Tod hinaus zu retten („sende Lazarus, damit er ... mir die Zunge kühle“). Noch gelingt es ihm, seine eigenen negativen Erfahrungen als religiöses Herrschaftswissen zu vermitteln, um wenigstens für die Seinen etwas herauszuschlagen („sende ihn in meines Vaters Haus“). Nein, Lazarus, der unbeachtete Bettler mit den Geschwüren unterm Tisch bei den Hunden, der jetzt einen Namen trägt, bleibt in Abrahams Schoß. Und wir bleiben wie die zahlreichen Brüder des Reichen in der Unsicherheit, ob es denn wahr ist mit dem Leben nach dem Tod und wie es dort aussieht. Der Tod bleibt erkenntnistheoretisch eine harte Grenze und der Himmel außerhalb des Bereichs empirisch verifizierten Verfügungswissens. Auch in dieser Geschichte erscheint der Himmel nur metaphorisch verschwommen („von den Engeln getragen in Abrahams Schoß“) gegenüber den sehr anschaulich geschilderten Zuständen in der Hölle. ...

Der Prophet auf der Palme

Glaube - Politik - Stadt


Theologische Impulse 9, von Dr. Thorsten Latzel

Eines der, wie ich finde, witzigsten Bücher in der Bibel ist die Jona-Geschichte. Es ist zugleich eine Geschichte über ein Kerngeschäft von Theologie: die Vermittlung von Glaube, Politik und Stadt. Kuscheln Sie sich also bequem auf Kissen, Klappstuhl, Küchenbank. Ich erzähle Ihnen die Geschichte.

Da bekommt Jona von Gott den Auftrag, der Stadt Ninive das kommende Gericht Gottes anzusagen. Soweit so klar. So etwas gehört zum Stellenprofil, wenn man Prophet ist. Doch Jona haut ab, stracks in die andere Richtung.

Anstatt nach Ninive flieht er mit dem Schiff an den Rand der damals bekannten Welt nach Tarsis. Irgendwo hinter Honolulu.

Und Gott greift zum ersten Mal ein. Er schickt einen Sturm. Die heidnischen Seeleute rudern und schmeißen die Ladung über Bord und schreien in ihrer Not - ein jeder zu seinem Gott. Nur Jona liegt unten im Schiff und schläft.

Bis ihn der Schiffsherr weckt und ihn, den Propheten, auffordert zu seinem Gott zu beten: „Vielleicht kann er uns helfen“. Doch am Ende hilft all das Beten nichts. Da werfen die Seeleute das Los, wer an dem Unheil schuld sei.

Das Los trifft Jona. Alle Blicke zielen auf ihn. Und er erzählt ihnen seine Geschichte und die Geschichte seines Gottes. Des Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat. Und er fordert sie auf, ihn den Fremdling über Bord zu werfen. Das Boot ist schließlich voll. Also raus mit dem Fremden. Das kennt man. Doch noch einmal kämpfen und rudern und mühen sich die Heiden für ihn ab. Er ist schließlich ein Mensch - wie sie. Doch vergeblich. Am Ende müssen sie ihn über Bord werfen. Und das Meer wird still und lässt ab von seinem Wüten.

Da handelt Gott zum zweiten Mal. Diesmal schickt er einen großen Fisch. Der verschluckt Jona. Nicht so schön. ...

„Sieben Todsünden der modernen Welt“
Im Gespräch mit Mahatma Gandhi


Theologische Impulse 8, von Dr. Thorsten Latzel

Die „Sieben Todsünden der modernen Welt“ nach Mahatma Gandhi

Pleasure without conscience 
(Genuss ohne Gewissen)              
Knowledge without character
(Wissen ohne Charakter)               
Politics without principle 
(Politik ohne Prinzipien)                
Commerce without morality 
(Geschäft ohne Moral)                                  
Wealth without work 
(Reichtum ohne Arbeit)                                  
Science without humanity 
(Wissenschaft ohne Menschlichkeit)        
Worship without sacrifice 
(Religion ohne Opferbereitschaft)              

Zivilisationskritik - grundlegend, prinzipiell und radikal -  ist zurzeit en vogue. Schon ein kurzer Gang durch die Auslage einer beliebigen Buchhandlung spricht hier Bände: Es fängt an mit der Art, wie wir denken: Langsames Denken (Daniel Kahnemann), die Kunst des Klugen Denkens (Rolf Dobelli), Selber Denken (Harald Welzer). Es geht über die Frage, wie wir leben, essen, konsumieren - und uns selbst und die Schöpfung dabei erschöpfen:

„Anständig essen“ (Karen Duve), „Leben als Konsum“ (Zygmunt Baumann), die „Müdigkeitsgesellschaft“ (Byung Chul-Han). Bis hin zur grundlegenden Infragestellung der Systeme: die „Entscheidung“ Kapitalismus versus Klima (Naomi Klein). Um es mit dem Protagonisten aus den Känguru-Chroniken zu sagen: „Nutzen Sie das Klima der allgemeinen Angst, schreiben Sie einen Lebensberater oder ein Krisenbuch.“ Es knirscht in den tragenden Balken unserer Gesellschaft. Ein weit verbreitetes Grundgefühl, das auch in vielen Veranstaltungen der Evangelischen Akademien begegnet: „dass es irgendwie nicht stimmt.“

Der eingangs zitierte Text von Mahatma Gandhi wurde vor fast 100 Jahren, im Oktober 1925 erstmals in der Zeitschrift „Young Idia“ veröffentlicht. Er ist gleichsam so etwas wie ein Urdokument der Zivilisationskritik am Anfang der Moderne. Das Unbehagen an der Moderne ist so alt wie sie selbst. Der Text öffnete einen hilfreichen, anderen Blick auf aktuelle Herausforderungen der Gesellschaft. ...

Nächte aschenen Schweigens oder:
Dem Anderen im Leid ein Freund sein


Theologische Impulse 7, von Dr. Thorsten Latzel

Welche Person können Sie eigentlich in der Bibel am wenigsten leiden?

Den Brudermörder Kain? - Den grausamen König Herodes? - Den Verräter Judas?

Die drei gehören sicher zu den unbeliebtesten Gestalten in der Bibel. Was verständlich ist, aber auch irgendwie schade. Handelt es sich doch bei ihnen durchweg um hoch interessante Charaktere. Erzähltheoretisch würde man von Trickster-Figuren sprechen: Figuren, die irgendwie zwischen Gut und Böse changieren. Personen, zwischen übermenschlicher Macht und untermenschlichem Trieb. Die etwas Anderes sind, als sie zu sein vorgeben. Und die gerade so eine zentrale Rolle für den Verlauf der Geschichte spielen. Wie hätte etwa die Passion und Ostern funktionieren sollen, wenn Judas nicht gewesen wäre? Walther Jens hat das in seinem Buch „Der Fall Judas“ schön beschrieben.

Auch Paulus schneidet ja bei vielen Religiösen wie Nicht-Religiösen nicht sonderlich gut ab. Zu fundamental, freudlos, frauenfeindlich. Blöd nur, dass das halbe Neue Testament von ihm stammt.

Doch wie steht es eigentlich mit den internationalen Freunden Hiobs?
Elifas von Taman, Bildad von Schuach, Zofar von Naama. Auch sie hätten - würde man ein Beliebtheits-Ranking bei den biblischen Gestalten machen - einen kanonischen Kellerplatz sicher. Von dem nervigen verspäteten Jüngling Elihu ganz zu schweigen. Sie stehen gleichsam als Inbegriff für abstrakte Theologen. Für dogmatische Weisheitslehrer, die in der schrecklichen Richtigkeit ihrer Lehre am Leid des Einzeln vorbeigehen. Für Freunde, die dann, wenn man sie selber braucht, nur kluge Ratschläge haben. Und die sich darin nicht nur an ihrem Mitmenschen, sondern auch an Gott schuldig machen. Weil sie tragischer Weise gerade im Versuch, richtig von Gott zu sprechen, Gott selbst widersprechen. Am Ende des Hiob-Buches werden die Freunde denn auch von Gott höchstpersönlich kritisiert - und auf die Fürbitte Hiobs verwiesen, die sie eben nicht für ihn geleistet haben. ...

Vom Gekreuzigten und der Krux mit den Kreuzen
Wider die Logofizierung eines Symbols

 

Theologische Impulse 6, von Dr. Thorsten Latzel

Als Markus Söder im April letzten Jahres dekretierte, dass in allen bayrischen Staatsbehörden Kreuze zu hängen haben, war die Empörung in den Kirchen groß. Zurecht. „In diesem Zeichen wirst Du im Wahlkampf siegen.“ Hier hatte einer offensichtlich die Lehren aus der Geschichte nicht richtig verstanden. Das Kreuz taugt weder als hegemoniales Machtsymbol. Noch lässt es sich zu einem bloßen christlich-abendländischen Kulturmarker ohne religiösen Gehalt machen.
...

Die tieferliegende Frage freilich ist, wie wir in den Kirchen mit dem Kreuz umgehen. Etwa, wenn man sich einmal die Auftritte der zwanzig evangelischen Landeskirchen ansieht: Gepinselt, gepunktet, rechteckig, winklig, facettenförmig, verschoben, gebrochen, vielfarbig, eindimensional, eindeutig. Das Kreuz ist unter die Graphiker und Öffentlichkeitsarbeiter gefallen. Nähme man die zigtausenden kirchlichen bzw. diakonischen Einrichtungen, Vereine, Verbände, Werke und Gemeinden dazu, die Pupille würde einem platzen. Wir haben das Symbol zum Logo gemacht. „In diesem Zeichen werdet ihr kommunikativ siegen.“ Was für ein Unsinn. Nun mag es ein berechtigtes Interesse von Institutionen geben an Sichtbarkeit und Wiedererkennbarkeit. Doch das Kreuz taugt sicher nicht dazu. Als Symbol ist das Kreuz anstößig, paradox, mehrdeutig. Es ist uneigentlich, nicht funktionalisierbar, transparent für etwas Anderes. Es wirft Sinnebenen zusammen (so griech. symballein), hat Begegnungscharakter und theologisch-ästhetischen Mehrwert. Das alles bietet das Logo aber gerade nicht.

Genauso wenig taugt das Kreuz aber auch als hierarchisches Statussymbol, etwa als Bischofskreuz für das Bischofsamt, sei es nun in massivem Silber oder Gold. Die Schwere dieses Amtes bemisst sich doch nicht in Karat. Wie eine himmlische Bürgermeisterkette. Klerikalisierungen stehen der evangelischen Kirche generell schlecht zu Gesicht. Und mir fällt, ehrlich gesagt, nichts ein, worin derart gestaltete Kreuze die Verkündigung des Gekreuzigten irgendwie befördern könnten, aber durchaus einiges, worin sie das nicht tun. ...

Von Nachtdämonen und der Kunst zu schlafen


Theologische Impulse 5, von Dr. Thorsten Latzel

Unter tausend Kissen keine Ruh

Kann nicht schlafen / Trotz langer Listen von blöd-braven Schafen
Wälze bis zum Verrecken / Sorgen, Kissen, Fragen, Decken
In Kopf-Labyrinthen ohne Ecken / Zweifel-Zecken in Hader-Hecken
Will in die Federn / Lande auf Rädern
Und unter tausend Kissen keine Ruh.

Bis der Morgen graut / Ewig auf die Uhr geschaut
Doch irgendwie, -wann, -wo weg / Träum wild, wirr, wüsten Dreck
Renn auf Treppen ohne Ende / Stürz in Tiefen, gegen Wände
Komm nicht von der Stelle / Und doch in die Hölle
Am Ende des Gangs ein langer Strick / Kaltes Grinsen, eisiger Blick.
Und unter tausend Kissen keine Ruh.

Schlepp mich schlapp / Fahrig, tranig, madig
Durch Runden unverbundener Stunden / Verspannter Blick, verkrampftes Genick
Unverhohlen unerholt /Zerzauster Schopf, dröhnender Kopf
Müdes Gähnen / Erschöpftes Sehnen
Und unter tausend Kissen keine Ruh.

Jeder vierte bis jeder dritte Deutsche leidet unter Schlafstörungen. Die Studien schwanken je nach Definition und Befragungsansatz. Die Symptome der Schlafstörung (Insomnie) sind vielfältig: Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Einschlafprobleme, Nachtangst, Alpträume, Durchschlafprobleme (besonders beliebt bei Männern gehobenen Alters), dauerhaft nicht erholsamer Schlaf, Beine, die nicht zur Ruhe kommen (restless legs), Schlaf-wandeln, Schlafsucht, wirkliche Schlaflosigkeit, Schlaf-Apnoe. Mit Folgen für Herz-Kreislauf, Bluthochdruck, Leistungsabfall, Übergewicht, Depressionen, psychischen Störungen. Es ist eine Last mit der Rast - gerade in einer dauer-mobilen Gesellschaft.

Ein krasses Gegenbild dazu ist die Geschichte von der Sturmstillung (Markus 4, 35-41). Da liegt Jesus im Boot und schläft. Mitten im Ungewitter. Während die Jünger rudern, rackern, kämpfen - ohne Rast, ohne Ruhe und ohne Erfolg -, liegt Jesus nur da und schläft. ...

Von blinder Wut, heiligem Zorn und politischer Empörung
Zum Umgang mit Emotionen in Politik und Religion


Theologische Impulse 4, von Dr. Thorsten Latzel

Fast täglich sehen wir sie in den Nachrichten: Menschen, die vor Wut geifern, brüllen, randalieren. „Merkel muss weg!“ Man spricht von Wut-Bürgern oder Angst-Gesellschaft, früher oft als „furor teutonicus“ bzw. „German Angst“ beschrieben. Dabei ist beides längst keine deutsche Spezialität. Ob gewalttätige Gelbwesten in Frankreich, verbitterte Trump-Fanatiker in den USA oder Pegida-Demonstranten in Deutschland: Wut ist international an der Tagesordnung.
...

Doch was unterscheidet „blinde Wut“ eigentlich von der notwendigen politischen Empörung, wie sie etwa der Résistance-Kämpfer und Diplomat Stéphane Hessel forderte (Empört Euch!, 2010)? Wie soll man politisch mit Wut oder Empörung umgehen? Und was können Religion und Glauben dazu beitragen – die ihren eigenen „(un-)heiligen Zorn“ kennen? Etwa wenn der eifernde Jesus die Händler aus dem Tempel treibt (Joh 2,13ff.), Saulus gegen die Anhänger des neuen Weges wütet (Apg 9,1) oder der rasende König Saul wahlweise David oder seinen eigenen Sohn Jonathan mit dem Speer zu durchbohren sucht (1 Sam 18-20)? Es ist an der Zeit, über unseren Umgang mit starken Gefühlen in Politik wie in Religion neu nachzudenken.

Emotionen gelten unter gebildeten Erwachsenen vielfach als suspekt. Zumindest wenn es um Wut, Zorn und Ärger geht: Sie sind blind, zufällig, unbeherrscht. Eine Sache von Cholerikern, Chaoten und kleinen Kindern. Oder von schlechten Verlierern, die ihren Tennisschläger zertrümmern. Anders dagegen die Emotionsforschung: Sie betont die Bedeutung von Gefühlen, weil sie ein fester Bestandteil unseres menschlichen Wesens sind, uns als Ganzes betreffen (einschließlich des Körpers) und tiefer reichen als viele unserer rationalen Ideen, Werte oder Moralvorstellungen. Entsprechend hat auch die Praktische Theologie in einer ihrer zahlreichen „turns“, diesmal dem „emotional turn“, die theologische Bedeutung von Scham, Ärger und Wut neu entdeckt. ...

"Versteh Gott nicht so schnell!"
Wenn Gläubige und Atheisten streiten


Theologische Impulse 3, von Dr. Thorsten Latzel

Wenn Gläubige und Atheisten streiten, dann frage ich mich oft, auf wessen Seite dabei eigentlich Gott stehen mag. Ich spreche hier nicht von solchen Gesprächen, wo man den Eindruck hat: „Heute boxt Unverstand mit Dummheit“. Nein, der Fund eines antiken morschen Brettes am Berge Ararat ist noch kein Beleg dafür, dass die Bibel doch recht hat. Und umgekehrt taugen Dinosaurier ebenso wenig für die Widerlegung des Glaubens an Gott. Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie lassen sich sehr gut miteinander verbinden. Und das Verhältnis von historischen und erzählerischen Wahrheiten in den alten Glaubensgeschichten (wie z.B. bei der Sintflut) ist etwas komplexer. Solche Gespräche sind schlicht schief, weil man auf beiden Seiten rein gedanklich weiter sein könnte und die eigentlichen „crucial points“ gar nicht erreicht.

Es geht mir vielmehr um die tiefergehenden, gehaltvollen Gespräche zwischen Gläubigen und Atheisten. Um solche Gespräche, bei denen sich beide darauf einlassen, von dem zu reden, was sie selbst unbedingt angeht, was sie persönlich betrifft, was Halt und Hoffnung für sie ist. Für ihr Leben und ihr Sterben. Auch hier scheinen mir die „Fronten“ nicht so klar zu sein, wie es oft erscheint. Die Gefahr bei „uns Gläubigen“ ist, dass wir Gott allzu oft, allzu schnell und allzu gut verstehen. Gleichsam besser als Gott sich selbst. Jesus Christus selbst stirbt am Kreuz, dem Symbol christlichen Glaubens, mit dem Schrei der Gottverlassenheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Markus 16,34; Matthäus 27,46). Das sollte uns vor einer „vor-frommen“ Vereinnahmung Gottes wider dessen Willen bewahren.

Ein Theater-Intendant fragte neulich bei einem öffentlichen Gespräch kritisch an, wo eigentlich die Ambivalenzen in den christlichen Gottesdienst blieben. Ob die Spannungen nicht (anders als im Theater) immer schon aufgelöst, harmonisiert wären. Wir sind eben alle immer schon irgendwie angenommen. Wir rücken Gott allzu nahe. Verduzen uns mit dem Unbegreiflichen. Und werden weder Gott noch uns noch die Welt in ihrer tiefen Paradoxalität, ihrer Widersprüchlichkeit gerecht. ...

Das Problem von Weihnachten und die Piefigkeit meiner Neujahrsvorsätze oder:
was es mit Epiphanias auf sich hat


Theologische Impulse 2, von Dr. Thorsten Latzel

Mit Weihnachten habe ich, ehrlich gesagt, ein Problem. Mir geht das Ganze viel zu schnell. Zu glatt. Zu einfach. Auf einmal soll alles gut sein. Ist es aber nicht. Die Engel singen, Christus ist geboren. Danach geht’s um 19 Uhr zum Festessen und dann ist Bescherung. Und der Lauf der Welt bleibt, wie er war.

Natürlich besucht man seine Familie, Verwandten, Freunde. Was schön und wichtig ist.

Fährt vielleicht noch Ski. Auch schön und wichtig. Und dann steht schon Silvester an, mit den guten Vorsätzen fürs neue Jahr. Spätestens dann hat es sich aber auch mit dem Weihnachtswunder. Realitäts-Cut. Ab jetzt zählen Pfunde.

Und wie klein und piefig fallen dann in aller Regel meine Vorsätze für das neue Jahr aus - angesichts dessen, was wir an Weihnachten gerade gefeiert haben. Da feiern wir also, dass der Heiland der Welt in einem Stall geboren wird, dass Gott den Himmel auf den Kopf stellt, dass endlich Frieden werde auf der Erde. Und ich nehme mir vor: 5 oder 10 Kilogramm weniger Fett auf den Hüften. Mehr Sport machen und Lesen. Mehr Zeit für mich und die Familie. Auch das ist alles schön und wichtig. Aber zum Abnehmen, Bücherlesen und Entschleunigen hätte es die Sache mit dem Stall nun auch nicht wirklich gebraucht. Irgendwie bleibt da doch etwas auf der Strecke. Entweder nehme ich meinen eigenen Glauben nicht wirklich ernst. Oder mein Alltag und mein Glauben spielen in unterschiedlichen Sphären, passen beide vielleicht einfach nicht zusammen. Oder ich gebe mich einfach mit viel zu wenig zufrieden.

Nun gibt es im Kirchenjahr ein eigentümliches Fest, das ich lange nicht begriffen habe. Ein Fest, das aber genau mit dem zu tun hat: der geringen Halbwertszeit von Weihnachten und dem eigentlichen, rechten Maßstab meiner Neujahrsvorsätze. Epiphanias, das Fest der „Erscheinung“ des Herrn.

Für mich war das lange Zeit irgendwie so ein seltsamer Weihnachtsnachklapp. Ein verspäteter Heilig Abend für die orthodoxen Christen. Der 6. Januar mit den „Heiligen Drei Könige“ als katholische Sternsinger-Aktion und als Anlass für politische Partei-Inszenierungen. Als Protestant, noch dazu mit reformierter Herkunft, konnte ich damit ziemlich wenig anfangen. ...

Trotzdem!
Von der geistlichen Kraft zum Widerstand in einer verrückten Welt


Theologische Impulse 1, von Dr. Thorsten Latzel

Es sind drei Fragen, die mich zurzeit beschäftigen. Drei Fragen, die in besonderer Weise zusammenhängen:

  1. Was hilft uns als Gesellschaft, mit „Krisen“ umzugehen, den vermeintlichen wie den wirklichen?

  2. Was gibt mir (und anderen Menschen) die innere Kraft zu widerstehen?

  3. Was bedeutet es, im 21. Jahrhundert protestantisch an Gott zu glauben?

Zunächst zu den Krisen: „Krise“ gehört zu den Grundbegriffen des kollektiven Zeitgefühls wie der medialen Selbstbeschreibung am Anfang des 21. Jahrhunderts: Flüchtlinge, Banken, Euro(pa), Terror, Klima – die Liste ließe sich beliebig verlängern. Zur „Krisenbewältigung“ gehört dann jeweils ein festes Repertoire der Berichterstattung, das von einer übersensiblen, erlebnisorientierten Gesellschaft entsprechend aufgenommen wird. Beide zusammengenommen tragen zu dem unguten Hamlet’schen Gefühl bei, dass die Welt aus den Fugen, im eigentlichen Sinne „ver-rückt“ ist. Und dass es allein an mir (oder im kollektiven Narzissmus an uns) liegt, sie wieder einzurenken. Aus kritischen Situationen wird so erst die Krise, dann eine „Krisen-Kultur“, am Ende die unvermeidliche Katastrophe.

Nun kann man weder die genannten realen Herausforderungen einfach auf ein Wahrnehmungsproblem reduzieren. Noch lässt sich der schwarze Krisen-Peter einfach den Medien (oder der Politik oder „denen da oben“) zuschieben. Kritisch ist jedoch der „Krisen-Hype“, mit dem gegenwärtig auf schwierige Situationen reagiert wird. Zu seinen Kennzeichen gehört, dass eine aktuelle Herausforderung stets als Höhe-/Wendepunkt einer dramatischen Entwicklung begriffen wird. Damit geht emotional ein Bedrohungsgefühl einher, kognitiv ein Informationsdefizit, prozessual ein besonderer Handlungsdruck. Der Alltag ist unterbrochen, die Wahrnehmung kanalisiert (Tunnelblick), es herrscht Zeitdruck („fünf vor zwölf“). Das alles trägt aber gerade nicht zu einem klugen Krisenmanagement bei. Es wäre daher klug, kritischer mit dem Krisen-Begriff zu sein. ...