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Queres aus der Quarantäne

Theologische Impulse

Alltag in Zeiten des Coronavirus: Wie wirkt sich die Covid-19-Pandemie auf unsere Gesellschaft aus? Was bedeutet es, mit Vorsichtsmaßnahmen zu leben? Akademiedirektor Thorsten Latzel hat zu diesen Leitfragen zehn theologische Impulse verfasst, die die Ausnahmesituation im Frühjahr 2020 spiegeln.

 
 

„Und führe uns (nicht) in Versuchung“

Vom Auszug aus der Quarantäne

Die kollektive Quarantäne geht zu Ende. Schulen, Kitas, Betriebe, Kultureinrichtungen, Sportvereine fahren ihren Betrieb wieder hoch. Mit einer Mischung von „Endlich!“ und „Hoffentlich geht‘s gut!“

Die kollektive Auszeit war für viele Menschen ökonomisch, psychisch, familiär z.T. extrem belastend. Manche Auswirkungen von Vereinsamung, Vernachlässigung oder Gewalt werden erst jetzt nach und nach sichtbar werden. Doch wir haben es in einem Akt kollektiver Solidarität tatsächlich geschafft: „Flatten the curve!“ Extremsituationen wie in Bergamo oder Probleme der Triage blieben uns - Gott sei Dank! - erspart. Ein wirklicher Zwischenerfolg. Trotz der bis Anfang Mai schon über 7.000 Toten. Jede und jeder von ihnen einzeln und persönlich zu beklagen.

Die Spielregeln in den letzten Wochen waren belastend, aber weitgehend einheitlich und klar. Jetzt beginnt eine Phase stärkerer Eigenverantwortung: in Landkreisen, in Einrichtungen, in Familien. Das ist gut so. Und es stellt eine echte Herausforderung dar. Weil von meinem Umgang mit der Freiheit der Erhalt der Freiheit anderer abhängt. Und weiter auch deren Gesundheit und Leben. Wir wissen ja, dass das Virus weiter da ist, dass es zweite und dritte Infektionswellen geben wird, dass bis zu einem wirksamen Impfstoff das Leben nicht mehr so wie vorher funktionieren kann. „Zugemutete, verantwortete Freiheit“: Darum geht es im Leben allgemein, in Pandemie-Zeiten in besonderer Weise. Und damit zugleich auch immer um das, was früher mit dem alten, religiösen Begriff der „Versuchung“ beschrieben wurde: die Gefahr, meine Freiheit verlieren zu können, indem ich sie nicht richtig gebrauche. Diese Gefahr des Scheiterns ist unvermeidlich, sonst wäre Freiheit keine Freiheit. Sie ist der Preis der Eigenverantwortung. Keine Freiheit ohne Versuchung.

12. und letzter Teil von Dr. Thorsten Latzel
vom 9. Mai 2020

„Vermisste Klänge“

Kirchenmusik in Zeiten von Corona

Kurz vor dem Shutdown fand vom 4. bis 5. März dieses Jahres in der Evangelischen Akademie Frankfurt eine Tagung der Direktorenkonferenz Kirchenmusik zur Zukunft der Kirchenmusik statt mit dem vielsagenden Titel „Alles im Fluss“. Durch die Corona-Zeit und den Ausfall aller Gesänge, Konzerte und kirchenmusikalischer Veranstaltungen ist mir deutlich geworden, wie sehr uns auch hier als Gemeinschaft etwas kollektiv fehlt. „Vermisste Klänge“: die Möglichkeit, gemeinsam zu singen, gerade auch dann, wenn einem die Worte fehlen. Sich von der Musik tragen zu lassen, wenn es einem schwerer ums Herz wird. Sich mit anderen vielstimmig und doch (zumindest meistens) harmonisch als Gemeinschaft zu erfahren. Das gleichzeitige Musizieren aus verschiedenen Kirchen und Häusern, das während der kollektiven Quarantäne in vielen Gemeinden stattfand, war ein schönes und starkes Zeichen, aber kein wirklicher Ersatz. „Kunst und Kultur sind keine verzichtbare Nebensache“, sie sind „Lebensmittel“ (Frank-Walter Steinmeier).

Im Wonnemonat Mai, der in diesem Jahr mit den Sonntagen Jubilate („Lobet“) und Kantate („Singet“) beginnt, wird das, was uns fehlt, noch deutlicher erfahrbar. Auch wenn jetzt die ersten Gottesdienste wieder starten, wird hier eine Lücke bleiben. Weil paradoxerweise gerade der gemeinsame Gesang, mit dem sich Menschen wechselseitig stärken, weiterhin das ist, was andere jetzt gesundheitlich gefährdet. Solange die Gemeinde mit Mundschutz stumm bleibt, werden wir etwas geistlich vermissen.

Daher hier zumindest gedanklich eine kleine Hommage an die Kirchenmusik – in Form einer erzählerischen Erinnerung an ihre Anfänge zur Zeit Davids und eines kleinen, unfertigen Wunschzettels für die Zeit danach.

Teil 11 von Dr. Thorsten Latzel
vom 2. Mai 2020

„Ausnahme ist das neue Normal“

Vom Umgang mit der Wüstenzeit

Wie vermutlich für viele Menschen war Ostern für mich eine Zäsur. Vorher gab es eine kollektive Krisen-Intervention: Shut-down, Außenkontakte möglichst gegen Null, alles irgendwie anders. Danach war das Covid-19-Virus wie zu erwarten nicht einfach weg. Trotzdem gab es in mir die irreale Hoffnung, dass das Irreale wieder aufhört. Der stille Wunsch, das alles irgendwie wieder normal ist. Ein Wundermittel, eine Super-App, ein Ende der ständigen Sonder-Sendungen, in denen es doch ständig nur um ein Thema geht.

Auch wenn die Zahlen und Daten das schon vorher deutlich gezeigt haben: Nach Ostern ist die Ausnahme zur neuen Normalität geworden, auch in meinem Kopf. Die Pandemie ist da, sie ist virulent und sie wird in veränderter Form auch in einem Jahr noch unser Leben bestimmen. Die nächsten Infektions-Wellen werden kommen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann. Und die Frage ist, wie wir lernen, in und mit der Pandemie zu leben: längerfristig, für unbestimmte Zeit. Neben der notwendigen Diskussion um verschiedene Maßnahmen, die aktuell zurecht geführt wird, geht es dabei auch um Haltung. Um die Fähigkeit, mit dem Ausnahmezustand umgehen zu können.

In früheren Generationen hat man hier von „Wüstenzeiten“ gesprochen: Lebensphasen, die herausfordernd, bedrohlich, unwirtlich sind. Krisenzeiten, in denen sich entscheidet, wer man selber ist und wohin sich eine Gesellschaft oder Gemeinschaft entwickelt (so die Bedeutung des griechischen Wortes krinein als „scheiden“, „unterscheiden“, „entscheiden“).

 „Am Anfang war die Wüste.“ Es ist auffällig, dass in der Sicht des Glaubens die Wüste der Ort ist, an dem alle großen Veränderungen beginnen.

Am Anfang der Schöpfung war die Erde „wüst und leer“ (1. Mose 1,2). Im Hebräischen steht dort wörtlich „tohu wabohu“, das sprichwörtlich gewordene Chaos, das freilich nicht selbst kreativ ist, sondern an dem, so der Glaube, Gott schöpferisch handelt.

Am Anfang des Exodus, der großen Geschichte des Auszugs aus der Sklaverei, zieht das Volk Israel vierzig Jahre lang durch die Wüste. Um die Fesseln abzulegen - nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. In späteren Krisenzeiten des Volkes werden einzelne Personen immer wieder an diesen Ort des Neuanfangs zurückkehren. So wie Elia, der fanatische Gottesstreiter, der die Wüste vierzig Tage durchzieht - um Gott im zärtlichen Säuseln eines verwehenden Windes zu erfahren (1. Kön 19).

Teil 10 von Dr. Thorsten Latzel
vom 25. April 2020

„Sehen-Können“ und „Nicht-immer-sehen-Müssen“

Von der Gnade der Kurzsichtigkeit

Das Allererste, was Gott schuf, war das Licht. So erzählt es die Bibel im ersten Schöpfungsbericht – und das interessanterweise sogar noch, bevor es Sonne, Mond und Sterne gab: „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“ (1. Mose 1, 3–5) Es ist die erste Schöpfungsgabe Gottes, dass wir sehen können. Das Licht. Und dass wir nicht immer sehen müssen. Die Finsternis. Sehen können und nicht immer sehen müssen, beides ist für den Glauben eine Gabe Gottes.

Unter allen Sinnen des Menschen hat das Sehen eine besondere Stellung. Es ist der erste und der letzte Sinn des Menschen. Wenn wir geboren werden, „erblicken wir das Licht der Welt“. Wenn wir sterben, „schließen wir die Augen“. Und selbst, wenn wir nicht sehen, bleiben dennoch Bilder in unserem Kopf und begleiten uns bis in unsere Träume.

Dabei tut es nicht gut, immer alles zu sehen. Besonders von Kindern kennt man das. Sie schützen sich selbst oder werden von anderen geschützt, damit Bilder von Gewalt und Grausamkeit nicht in ihre Seele dringen. „Schau da nicht hin!“ Und manchmal wünscht man sich selbst eine Hand vor den Augen, damit die Leiden in den täglichen Nachrichten nicht in einen eindringen. Die Bilder von Lastwagen mit Särgen aus Bergamo, von Kühlcontainern hinter Kliniken in New York, von katastrophalen Zuständen in Krankenhäusern Venezuelas, vom überfüllten und unterversorgten Flüchtlingslager Moria, von der durch die Pandemie dramatisch verschärften Situation in südafrikanischen Townships oder brasilianischen Favelas. Alles Bilder eines einzigen Corona-Brennpunkts. Wer nicht filtert, wird verrückt. Zur seelischen Gesundheit gehört die notwendige Empathie, die engagierte Teilhabe am Leid der anderen – und ein gerüttelt Maß Verdrängung. Die Frage ist, was das rechte Maß ist.

Teil 9 von Dr. Thorsten Latzel
vom 18. April 2020

Warum die Auferstehung unglaublich,
aber plausibel ist

Es ist Ostern, das Fest der Auferstehung Christi - und mithin das Fest der Hoffnung wider die Macht des Todes. Eine weit verbreitete Meinung zu dem Thema lautet:

„1. Die Auferstehung ist unplausibel. Sie widerspricht der empirischen Wahrnehmung ebenso wie dem gesunden Menschenverstand.

2. Weil die Auferstehung eben nicht plausibel ist, muss man sie glauben. Sie ist mithin eine Frage des Für-Wahrhaltens, eine religiöse Ansichtssache, besonders für Gemüter, die eine entsprechende religiöse Musikalität mitbringen.

3. Als Glaubenssache geht es dabei, wenn überhaupt, um die Seele. Der tote, leblose Körper, der immer weiter erkaltet und zerfällt, spricht hier eindeutig eine andere Sprache.

Kurz: Die Auferstehung ist unplausibel, man muss sie glauben und es geht um die Seele.“

In der Corona-Zeit mit den täglichen Nachrichten von Infizierten, Kranken und Sterbenden erfährt die kritische Infragestellung des Auferstehungsglaubens täglich neue Nahrung. Die Endgültigkeit des Todes ist offensichtlich, der Auferstehungsglaube dagegen paradox (im Sinne von gegen den Augenschein).

Ich halte es jedoch angesichts der aktuellen Herausforderung für wichtig, dass Trost und Hoffnung wider den Tod einen tiefen Halt auch im Denken haben. Im Folgenden werde ich daher allen drei Punkten widersprechen. Meine Gegenthesen lauten:

1. Die Auferstehung ist rational plausibel.

2. Sie ist allerdings - im strengen theologischen Wortsinn - „unglaublich“.

3. Und die Pointe der Auferstehung liegt gerade darin, dass es um den Leib, das Fleisch, noch konkreter die Haut des Menschen geht.

Das Ganze ist dabei ein durchaus heikles Unterfangen: Der erste Teil ist intellektuell knifflig, weil ich mich auf fremdes philosophisches Terrain wage. Beim zweiten Teil muss ich gleichsam „höllisch“ aufpassen, nicht als Ketzer zu enden („Pfarrer Latzel behauptet, dass die Auferstehung unglaublich sei“).

Der dritte Teil schließlich wird zur Nagelprobe, was das konkret heißt. Es geht um die Haut.

Ich zähle vorab auf Ihre Nachsicht. Im schlimmsten Fall geht es mir so wie Ovid über Phaethon sagte: „Und wenn er auch stürzte, so scheiterte er doch bei großem Versuch.“

Teil 8 von Dr. Thorsten Latzel
vom 11. April 2020

„Viren, Leid und das ,Böse‘“

Wieso es wichtig ist, wie wir über die Pandemie reden

Wir können sie nicht sehen, hören, riechen, schmecken oder spüren. Sie bringen Krankheit, Leiden und Tod. Und sie vermehren sich rasant – ohne eigenständig zu leben – parasitär auf Kosten anderer. Diese kurze Charakterisierung ordnet Viren, aktuell speziell das SARS-CoV-2-Virus, den Phänomenen zu, die wir gemeinhin als „böse“ bezeichnen. Gerade im Blick auf ihr parasitäres, nicht selbstständiges Wesen können „Viren“ sogar zu einer Metapher für das „Böse“ auch in anderen Lebensfeldern werden: eine Wirklichkeit, die nicht selber existiert, sondern sich nur abhängig von anderen, oft menschlichen Wirten vermehren und realisieren kann. Von Computerviren über die virale Wirkung rassistischer oder antisemitischer Gedanken bis hin zum „Bösen an sich“ – das nicht „nicht ist“, aber eben auch „nicht etwas ist“, sondern dessen Wesen paradox formuliert gerade in seiner Nichtigkeit besteht (Karl Barth).

Doch so verführerisch naheliegend die Bewertung von Viren als „böse“ ist, so problematisch ist sie zugleich. Zum ersten, weil die Sichtweise sehr anthropozentrisch ist. In ähnlicher Weise ließe sich etwa auch vieles andere als „böse“, weil menschenfeindlich einordnen: etwa Bakterien, Mücken, Zecken, Läuse, Wanzen, giftige Pilze, Spinnen, Schlangen oder Raubtiere. Entsprechend wären Menschen als „böse“, weil lebensfeindlich für fast alle Tier- und Pflanzenarten zu werten. Zum zweiten spielen Viren durch ihren Gen-Transfer nicht nur in der Evolution eine wichtige Rolle. Sie können auch (im engeren menschlichen Interesse) gezielt zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden z. B. bei Tumoren, antibiotikaresistenten Bakterien oder Gendefekten. Zum dritten schließlich bleibt unklar, was eigentlich genau damit gemeint ist, wenn wir sagen, Viren seien „böse“. Wie wichtig sprachliche Klarheit an dieser Stelle ist, zeigen drei Beispiele aus der aktuellen Diskussion der Corona-Pandemie.

1. „Wir sind im Krieg.“ (Trump, Macron) Das Anliegen dieser martialischen Rhetorik ist leicht erkennbar: Die Bevölkerung soll zu außerordentlichen Anstrengungen in einer Ausnahmesituation bewegt und die Einschränkung demokratischer Freiheitsrechte legitimiert werden. Ebenso erkennbar ist diese Redeweise aber auch ein deutlicher Indikator von Populismus: Es geht um den Dualismus von „Wir gegen das Böse“ oder konkreter „Wir vs. Virus“. Im Blick auf eine Pandemie ist die Kriegs-Metaphorik aber nicht nur schief, sondern sogar gefährlich: Sie ist schief, weil „Kriege“ eine Wirklichkeit von Leid beschreiben, die von Menschen gemacht ist, die vermeidbar ist, in der Menschen, Bevölkerungsgruppen, Länder gewaltsam gegeneinander kämpfen. All dies trifft auf eine Pandemie nicht zu. Und im Blick auf den letzten Punkt ist die Analogie sogar explizit gefährlich. Denn in einer Pandemie geht es gerade darum, nicht gegeneinander zu kämpfen. Gefragt ist vielmehr Solidarität - individuell, gesellschaftlich, international. Wie problematisch hier Kampf-Logiken sind, zeigt der Umgang mit knappen Ressourcen (etwa Masken, Beatmungsgeräten oder absurderweise Klopapier). Den Viren ist unser Krieg, bildlich gesprochen, nicht nur „herzlich egal“. Die große Gefahr ist, dass der Krieg sich von den Viren auf die Wirte überträgt: die Infizierten, die Fremden, die Konkurrenten.

Teil 7 von Dr. Thorsten Latzel
vom 4. April 2020

„In Gottes Ohr“

Das Gebet der Fremden, Witwen und Waisen in Zeiten der Not

„Dein Wort in Gottes Ohr!“ Die Redewendung hat eine theologisch bemerkenswerte Entwicklung erfahren. Früher war sie einmal Ausdruck eines unmittelbaren Erfüllungswunsches und der unbedingten Zustimmung zu dem, was ein anderer gesagt hat: „Gott möge Dich erhören. Genauso soll es geschehen.“ Mit der Zeit hat sich jedoch ihr Sinn verkehrt. Heute steht sie stattdessen für die Skepsis gegenüber allzu großen Hoffnungen oder frommen Wünschen. Im Sinne von: „Wer’s glaubt, wird selig.“ oder: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Eine Haltung, die manche gerade in Krisenzeiten befällt.

„Dein Wort in Gottes Ohr!“ In Bezug auf das Gebet der Fremden, Witwen und Waisen - die auch in Zeiten von Seuchen immer schon besonders bedroht waren und sind - wohnt dem Satz noch einmal eine besondere Bedeutung inne: eine radikale Institutionen-Kritik. Ein eindrückliches Beispiel ist dafür etwa der höchst lesenswerte Text Sirach 35,16-22: Keine Vermittlungsinstanz, keine Hierarchie, kein institutioneller Filter. Stattdessen die „Gott-Unmittelbarkeit der Geringen“. Das ist hochgefährlich für alle hochgestellten oder privilegierten Personen, die ihre Macht gegenüber den Schwachen missbrauchen. Denn sie ignorieren die Verbundenheit des Schöpfers mit jedem seiner Geschöpfe. Gott nimmt das Schicksal der Witwen und Waisen persönlich.

„Dein Wort in Gottes Ohr!“ Dies ist die Ur-Erfahrung des Volkes Israel schlechthin, dass Gott das Schreien der Unterdrückten hört und handelt. Am Anfang des Exodus, der ganzen Geschichte Israels steht nicht ein abstraktes Wissen um die Existenz Gottes („dass Gott ist“), sondern die Erfahrung des Erhört-Werdens („dass Gott hört“). Dass Gott das Schreien der Geringen hört, ist der theologische wie sozialrevolutionäre cantus firmus des Alten Testaments (vgl. 2. Mose 2,23; 3,7-10; 22,20-25). Deswegen ist eben auch die Unterdrückung von Fremden, Witwen und Waisen die soziale Ursünde schlechthin: weil das Volk Israel als die Gemeinschaft der im Exodus Erhörten damit seine eigene Identität aufgibt.

„Dein Wort in Gottes Ohr!“ Für verschiedene neuzeitliche Denker ist die Tatsache, dass die Unterdrückten jedoch allzu oft nicht erfahren, dass sie erhört werden, ein Hinweis auf eine notwendige Existenz Gottes. Nach Kant etwa braucht es eine ausgleichende Instanz nach dem Tod - als Postulat der praktischen Vernunft. Oder bei dem früheren marxistischen Frankfurter Philosophen Max Horkheimer klingt das so: „Der Gedanke, dass die Gebete der Verfolgten in höchster Not, dass die der Unschuldigen, die ohne Aufklärung ihrer Sache sterben müssen, dass die letzten Hoffnungen auf eine übermenschliche Instanz kein Ziel erreichen und dass die Nacht, die kein menschliches Licht erhellt, auch von keinem göttlichen durchdrungen wird, ist ungeheuerlich.“ (ders., Kritische Theorie, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1968, S. 372)

Teil 6 von Dr. Thorsten Latzel
vom 28. März 2020

„Gut gegen Wohnungskoller“ – Von der Kunst, zusammenzuleben und allein zu sein

7 lebenspraktisch-geistliche Empfehlungen

Was für eine Herausforderung: Schulen und Kitas dicht, fast alle sind zu Hause, in den Nachrichten gibt es nur noch Corona. Dazu kommen Sorgen und Ängste: um die Großeltern, die eigene Gesundheit, die berufliche Existenz oder die Bezahlung des nächsten Kredits. Trotz schönen Frühlingswetters draußen können sich da zu Hause Stress und Konflikte sehr leicht aufbauen.

Das gilt sowohl für Familien und Lebensgemeinschaften als auch für Menschen, die allein leben. Man kennt das aus anderen Zeiten, etwa dem gemeinsamen Urlaub oder Weihnachten. Auf einmal sind alle zusammen – und bald schon gibt es den ersten Konflikt. Oder das alltägliche Beziehungsnetz aus Schule und Arbeit ist weg – und schon fällt einem die Decke auf den Kopf. Nur dass jetzt noch die allgemeine Pandemie-Stimmung dazukommt. Da kann es leicht zum „Lagerkoller“ kommen, emotionalen Ausbrüchen, wie man sie auch aus anderen Situationen kennt, in denen Menschen über längere Zeit in Gruppen oder allein auf begrenztem Raum leben. Etwa von Freizeitcamps, Trainingslagern, Gefängnissen – oder auch vom sogenannten „Trapper-Fieber“. Zugespitzt formuliert, können hier Menschen zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen machen: „die Hölle, das sind die anderen“ (Jean-Paul Sartre) oder „die Hölle, das bin ich, allein mit mir selbst“.

Dies muss nicht so sein. Und es gibt eben genauso die andere Möglichkeit, dass in solchen Zeiten Zusammenhalt und Gemeinschaft ganz neu erfahren werden. Dass einem neu deutlich wird, worauf es im Leben eigentlich ankommt, was man aneinander hat und wie reich man persönlich beschenkt ist. Dazu ist es wichtig, gut auf sich selbst und die anderen zu achten.

Hier sieben lebenspraktisch-geistliche Empfehlungen, wie man in diesen besonderen Zeiten gut mit seinen Hausgenossen und sich selbst klarkommt.

Teil 5 von Dr. Thorsten Latzel
vom 25. März 2020

„In Einsamkeit mein Sprachgesell“ – Wie Psalmen einem helfen können zu beten

Eine kleine geistliche Gebrauchsanleitung in der Corona-Zeit

Es gibt Zeiten im Leben, da fehlen einem die Worte. Vor allem, wenn man in Not gerät, Ängste oder Sorgen hat – und einfach nicht weiß, wohin damit. Das geht heute manchem so angesichts des Coronavirus SARS-CoV-2: Man kann es nicht sehen und doch ist es da, hochansteckend und stellt das ganze gewohnte Leben auf den Kopf – bis hin zu ganz konkreten gesundheitlichen, ökonomischen oder seelischen Problem. In solchen Zeiten ist es gut, Worte zu haben, die einem helfen, das auszudrücken, was einen bewegt. Und es ist gut, wenn man jemanden hat, dem man diese innersten Gefühle sagen kann. Jemanden, der diese Gefühle aushalten kann, der sie versteht und der auch helfen kann. Einem nahestehenden Menschen und besonders auch Gott. „In Einsamkeit mein Sprachgesell“ (Paul Gerhardt). Kurz: Es hilft, miteinander zu reden und zu beten.

Gerade das Beten fällt Menschen aber oft nicht leicht. Man hat es lange nicht mehr gemacht, ist unsicher, ob es „etwas bringt“ oder wie man es „richtig macht“. Hier können die Psalmen eine große Hilfe sein. Es sind alte Texte des jüdischen Volkes, die Menschen seit 3000 Jahren durch Erfahrungen von Angst, Not und Zweifel begleitet haben. Lieder, Gebete, Gedichte, die genau zu diesem Zweck aufgeschrieben und von Generation zu Generation weitergegeben wurden: damit Menschen nicht allein oder sprachlos bleiben. „Wenn es ans Eingemachte geht, braucht es Eingemachtes.“ Genau das sind die Psalmen: geistlich Eingemachtes. Dichte, poetische Texte voller Erfahrung von Höhen und Tiefen, voller Anfechtung und Hoffnung – mit der Kraft, die eigene „Seele“ zu trösten. Wer das Beten verlernt hat, hier kann er oder sie es wieder lernen.

Teil 4 von Dr. Thorsten Latzel
vom 21. März 2020

Wir müssen über „Sterbebegleitung und Trauerarbeit in der Pandemie“ reden!

Es ist beeindruckend zu sehen, wie kreativ und engagiert sich viele Pfarrer/innen, Kirchenvorstände und Gemeindemitglieder in den letzten Tagen um neue Formen einer „digitalen Kirche“ bemüht haben. Hier zeigt sich ein Schub an digitaler Kommunikation, der die Verkündigung sicher dauerhaft voranbringen wird.

Ich glaube aber, dass es schon sehr bald nicht mehr unsere erste und größte Sorge sein wird, wenn sonntägliche Gottesdienste nicht mehr stattfinden können. Schaut man auf Italien, das uns (bei allen Unterschieden) in der Pandemie zeitlich voraus ist, dann kommt auf uns eine Anzahl von Todesfällen zu, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht erlebt haben. Folgt man den aktuellen Schätzungen, dass sich etwa 60 bis 70 % der bundesdeutschen Bevölkerung mit dem Virus SARS-CoV-2 infizieren werden, und geht man – bei aller Vorsicht gegenüber Modellen – aufgrund der bisherigen Erfahrungen von einer Sterblichkeit von 0,5 bis 1 % aus, dann werden dies sehr viele Menschen sein, die allein in Deutschland an der Pandemie sterben. Natürlich kann es aus verschiedenen Gründen anders kommen (z. B. Mutationen, erfolgreiche Medikamente) – und auf jeden Fall sollten wir durch unser individuelles und gemeinschaftliches Vorsorgeverhalten auch alles dafür tun, dass es anders kommt. Aber es ist realistisch, sich darauf einstellen, dass wir wohl Zigtausende Menschen im Sterben begleiten und noch viel mehr Menschen in ihrer Trauer stärken müssen. Und das unter extremen Ausnahmebedingungen, die Sterbebegleitung wie Trauerarbeit massiv erschweren werden. Nicht nur die Mediziner/innen, auch die Pfarrer/innen und die in der Hospizarbeit Engagierten gehen auf eine Zeit der Grenzbelastung zu.

Wir sollten daher jetzt unter Pfarrer/innen, Kirchenvorständen und Engagierten in der Hospizarbeit intensiv über Sterbebegleitung und Trauerarbeit in der Pandemiezeit reden – und unsere Kraft konzentriert auf die Vorbereitung dieser Arbeit setzen.

Teil 3 von Dr. Thorsten Latzel
vom 18. März 2020

Seuchen, Pestilenz und Schwarzer Tod

Fünf Dinge, die wir aus früheren Epidemien für den Umgang mit Covid-19 lernen können

Dass es in einer global vernetzten Welt irgendwann zu einer Pandemie kommen würde, ist von Virologen schon lange vorausgesagt worden. Die Frage war nicht, ob, sondern, wann und wie es geschehen würde. Mit Dars-CoV (2002–2003), Vogelgrippe H5N1 (2004–2016), Ebola (2014–2016) und Zika-Virus (2015–2016) gab es auch in der jüngeren Zeit Epidemien in verschiedenen Teilen der Welt. Dennoch ist die Erfahrung einer weltweiten Pandemie mit einem so großen Gefährdungspotenzial für so viele Menschen und mit derart tiefgreifenden sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Folgen eine neue Erfahrung für die große Mehrheit unserer Gesellschaft – wie auch für mich persönlich. Gerade in wirtschaftlich und bildungsmäßig weit entwickelten Ländern herrschte weithin die Überzeugung, dass „Seuchen“ ein Problem früherer Jahrhunderte bzw. unterentwickelter Regionen seien. Angesichts der immensen naturwissenschaftlichen und speziell auch medizinischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte schien die Welt beherrschbar. Pandemien gehörten zum Repertoire von Katastrophenfilmen (z.B. „Outbreak – Lautlose Killer“, 1995; „Pandemic – Tödliche Erreger“, 2007; „Contagion“, 2011) oder Romanen (z.B. Stephen King, „The Stand“, 1978; José Saramago, „Die Stadt der Blinden“, 1995). Für das eigene alltägliche Leben spielten sie weithin keine Rolle. Das war für mich wie für viele andere Menschen bis vor einigen Tagen noch so.

In der Geschichte der Menschheit gehören Seuchen, Pestilenz und „Schwarzer Tod“ aber zu den tief verwurzelten Leidens- und Schreckenserfahrungen. Epidemien und auch Pandemien tauchten in den verschiedenen Jahrhunderten immer wieder auf. Zu den großen Seuchen der Menschheitsgeschichte gehörte etwa die Justinianische Pest, die von 541 bis 544 erstmals ausbrach, danach in periodischen Rhythmen bis 770 in Europa und Vorderasien immer wiederkehrte und als größte Epidemie der Antike zählte. Sie hatte weitreichende sozioökonomische und politische Wirkungen (Schwächung des oströmisch-byzantinischen Reichs) und wird u.a. mit dem Untergang am Ende der Antike verbunden. Oder der „Schwarze Tod“. Mit diesem Namen wird eine der verheerendsten Pestepidemien zwischen 1346 und 1353 bezeichnet, die sich von Asien aus im Zuge des mongolischen Friedens über Handelsrouten verbreitete und der vor allem in Europa etwa 20 bis 25 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Dies war ein Drittel der damaligen Einwohnerschaft des Kontinents, wobei es große regionale Unterschiede gab und vor allem städtische Gebiete stärker betroffen waren.

Oder die „Spanische Grippe“ (1918–1920) am Ende des Ersten Weltkriegs, die mit 25 bis 50 Millionen Toten wohl eine der heftigsten Pandemien überhaupt war. Sie hatte ihren Ursprung in den USA, ihr Name kommt daher, dass in der Presse des neutralen Spaniens am offensten über sie berichtet wurde. Der Krankheitsverlauf war kurz und heftig („morgens krank, abends tot“), atypischer Weise erlagen ihr vor allem Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Besonders viele Soldaten waren von ihr betroffen.

Teil 2 von Dr. Thorsten Latzel
vom 17. März 2020

10 Gebote für die Corona-Zeit

Das Wort „Quarantäne“ geht ursprünglich auf das lateinische Zahlwort quadraginta, „vierzig“, zurück. Es bezeichnete früher die vierzigtägige Isolation, die man im Mittelalter ab dem 14. Jahrhundert zum Schutz vor Pest und Seuchen über Reisende oder Schiffe verhängte – in Aufnahme alter biblischer Reinheitsvorschriften (3 Mos 12,1-8). Noch in den 1960er-Jahren wurden in Deutschland bei Pockenausbrüchen infizierte Menschen zum Teil ohne medizinische Versorgung in Schullandheimen isoliert.

Während der Covid-19-Pandemie erleben wir gerade eine umfassende gesellschaftliche Quarantäne – mitten in der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern. Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir diese Zeit nicht depressiv als „Seuchenopfer“ erleiden, sondern aktiv und kreativ mit ihr umgehen. Und dass es gut ist, wenn die Pandemie das Beste von dem herausholt, was in uns steckt – sodass wir uns im Nachhinein vielleicht einmal über das „Gute im Schlechten“ wundern werden. Dafür kann die Fastenzeit als Zeit des Umdenkens und der Besinnung hilfreich sein. Ein anderes Wort für Quarantäne im 19. Jahrhundert war „Kontumaz“, von lateinisch contumacia, „Trotz“, „Unbeugsamkeit“. Die Corona-Auszeit sollte so eine Zeit sein, in der wir Haltung zeigen. Fromm formuliert: eine gute Mischung aus Nächstenliebe, Gottvertrauen und innerem Rückgrat.

Auf Martin Luther geht der schöne Gedanke zurück, dass ein glaubender Mensch jeden Tag „neue Dekaloge“ entwerfen könne. Deshalb hier ein Versuch.

Teil 1 von Dr. Thorsten Latzel
vom 15. März 2020