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Queres aus der Quarantäne

Theologische Impulse

Alltag in Zeiten des Coronavirus: Wie wirkt sich die Covid-19-Pandemie auf unsere Gesellschaft aus? Was bedeutet es, mit Vorsichtsmaßnahmen zu leben? Akademiedirektor Thorsten Latzel verfasst zu diesen Leitfragen theologische Impulse, die die Ausnahmesituation im Frühjahr 2020 spiegeln.

 
 

"In Gottes Ohr" -
Das Gebet der Fremden, Witwen und Waisen
in Zeiten der Not

„Dein Wort in Gottes Ohr!“ Die Redewendung hat eine theologisch bemerkenswerte Entwicklung erfahren. Früher war sie einmal Ausdruck eines unmittelbaren Erfüllungswunsches und der unbedingten Zustimmung zu dem, was ein anderer gesagt hat: „Gott möge Dich erhören. Genauso soll es geschehen.“ Mit der Zeit hat sich jedoch ihr Sinn verkehrt. Heute steht sie stattdessen für die Skepsis gegenüber allzu großen Hoffnungen oder frommen Wünschen. Im Sinne von: „Wer’s glaubt, wird selig.“ oder: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Eine Haltung, die manche gerade in Krisenzeiten befällt.

„Dein Wort in Gottes Ohr!“ In Bezug auf das Gebet der Fremden, Witwen und Waisen - die auch in Zeiten von Seuchen immer schon besonders bedroht waren und sind - wohnt dem Satz noch einmal eine besondere Bedeutung inne: eine radikale Institutionen-Kritik. Ein eindrückliches Beispiel ist dafür etwa der höchst lesenswerte Text Sirach 35,16-22: Keine Vermittlungsinstanz, keine Hierarchie, kein institutioneller Filter. Stattdessen die „Gott-Unmittelbarkeit der Geringen“. Das ist hochgefährlich für alle hochgestellten oder privilegierten Personen, die ihre Macht gegenüber den Schwachen missbrauchen. Denn sie ignorieren die Verbundenheit des Schöpfers mit jedem seiner Geschöpfe. Gott nimmt das Schicksal der Witwen und Waisen persönlich.

„Dein Wort in Gottes Ohr!“ Dies ist die Ur-Erfahrung des Volkes Israel schlechthin, dass Gott das Schreien der Unterdrückten hört und handelt. Am Anfang des Exodus, der ganzen Geschichte Israels steht nicht ein abstraktes Wissen um die Existenz Gottes („dass Gott ist“), sondern die Erfahrung des Erhört-Werdens („dass Gott hört“). Dass Gott das Schreien der Geringen hört, ist der theologische wie sozialrevolutionäre cantus firmus des Alten Testaments (vgl. 2. Mose 2,23; 3,7-10; 22,20-25). Deswegen ist eben auch die Unterdrückung von Fremden, Witwen und Waisen die soziale Ursünde schlechthin: weil das Volk Israel als die Gemeinschaft der im Exodus Erhörten damit seine eigene Identität aufgibt.

„Dein Wort in Gottes Ohr!“ Für verschiedene neuzeitliche Denker ist die Tatsache, dass die Unterdrückten jedoch allzu oft nicht erfahren, dass sie erhört werden, ein Hinweis auf eine notwendige Existenz Gottes. Nach Kant etwa braucht es eine ausgleichende Instanz nach dem Tod - als Postulat der praktischen Vernunft. Oder bei dem früheren marxistischen Frankfurter Philosophen Max Horkheimer klingt das so: „Der Gedanke, dass die Gebete der Verfolgten in höchster Not, dass die der Unschuldigen, die ohne Aufklärung ihrer Sache sterben müssen, dass die letzten Hoffnungen auf eine übermenschliche Instanz kein Ziel erreichen und dass die Nacht, die kein menschliches Licht erhellt, auch von keinem göttlichen durchdrungen wird, ist ungeheuerlich.“ (ders., Kritische Theorie, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1968, S. 372)

Teil 6 von Dr. Thorsten Latzel
vom 28. März 2020

„Gut gegen Wohnungskoller“ – Von der Kunst, zusammenzuleben und allein zu sein

7 lebenspraktisch-geistliche Empfehlungen

Was für eine Herausforderung: Schulen und Kitas dicht, fast alle sind zu Hause, in den Nachrichten gibt es nur noch Corona. Dazu kommen Sorgen und Ängste: um die Großeltern, die eigene Gesundheit, die berufliche Existenz oder die Bezahlung des nächsten Kredits. Trotz schönen Frühlingswetters draußen können sich da zu Hause Stress und Konflikte sehr leicht aufbauen.

Das gilt sowohl für Familien und Lebensgemeinschaften als auch für Menschen, die allein leben. Man kennt das aus anderen Zeiten, etwa dem gemeinsamen Urlaub oder Weihnachten. Auf einmal sind alle zusammen – und bald schon gibt es den ersten Konflikt. Oder das alltägliche Beziehungsnetz aus Schule und Arbeit ist weg – und schon fällt einem die Decke auf den Kopf. Nur dass jetzt noch die allgemeine Pandemie-Stimmung dazukommt. Da kann es leicht zum „Lagerkoller“ kommen, emotionalen Ausbrüchen, wie man sie auch aus anderen Situationen kennt, in denen Menschen über längere Zeit in Gruppen oder allein auf begrenztem Raum leben. Etwa von Freizeitcamps, Trainingslagern, Gefängnissen – oder auch vom sogenannten „Trapper-Fieber“. Zugespitzt formuliert, können hier Menschen zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen machen: „die Hölle, das sind die anderen“ (Jean-Paul Sartre) oder „die Hölle, das bin ich, allein mit mir selbst“.

Dies muss nicht so sein. Und es gibt eben genauso die andere Möglichkeit, dass in solchen Zeiten Zusammenhalt und Gemeinschaft ganz neu erfahren werden. Dass einem neu deutlich wird, worauf es im Leben eigentlich ankommt, was man aneinander hat und wie reich man persönlich beschenkt ist. Dazu ist es wichtig, gut auf sich selbst und die anderen zu achten.

Hier sieben lebenspraktisch-geistliche Empfehlungen, wie man in diesen besonderen Zeiten gut mit seinen Hausgenossen und sich selbst klarkommt.

Teil 5 von Dr. Thorsten Latzel
vom 25. März 2020

„In Einsamkeit mein Sprachgesell“ – Wie Psalmen einem helfen können zu beten

Eine kleine geistliche Gebrauchsanleitung in der Corona-Zeit

Es gibt Zeiten im Leben, da fehlen einem die Worte. Vor allem, wenn man in Not gerät, Ängste oder Sorgen hat – und einfach nicht weiß, wohin damit. Das geht heute manchem so angesichts des Coronavirus SARS-CoV-2: Man kann es nicht sehen und doch ist es da, hochansteckend und stellt das ganze gewohnte Leben auf den Kopf – bis hin zu ganz konkreten gesundheitlichen, ökonomischen oder seelischen Problem. In solchen Zeiten ist es gut, Worte zu haben, die einem helfen, das auszudrücken, was einen bewegt. Und es ist gut, wenn man jemanden hat, dem man diese innersten Gefühle sagen kann. Jemanden, der diese Gefühle aushalten kann, der sie versteht und der auch helfen kann. Einem nahestehenden Menschen und besonders auch Gott. „In Einsamkeit mein Sprachgesell“ (Paul Gerhardt). Kurz: Es hilft, miteinander zu reden und zu beten.

Gerade das Beten fällt Menschen aber oft nicht leicht. Man hat es lange nicht mehr gemacht, ist unsicher, ob es „etwas bringt“ oder wie man es „richtig macht“. Hier können die Psalmen eine große Hilfe sein. Es sind alte Texte des jüdischen Volkes, die Menschen seit 3000 Jahren durch Erfahrungen von Angst, Not und Zweifel begleitet haben. Lieder, Gebete, Gedichte, die genau zu diesem Zweck aufgeschrieben und von Generation zu Generation weitergegeben wurden: damit Menschen nicht allein oder sprachlos bleiben. „Wenn es ans Eingemachte geht, braucht es Eingemachtes.“ Genau das sind die Psalmen: geistlich Eingemachtes. Dichte, poetische Texte voller Erfahrung von Höhen und Tiefen, voller Anfechtung und Hoffnung – mit der Kraft, die eigene „Seele“ zu trösten. Wer das Beten verlernt hat, hier kann er oder sie es wieder lernen.

Teil 4 von Dr. Thorsten Latzel
vom 21. März 2020

Wir müssen über „Sterbebegleitung und Trauerarbeit in der Pandemie“ reden!

Es ist beeindruckend zu sehen, wie kreativ und engagiert sich viele Pfarrer/innen, Kirchenvorstände und Gemeindemitglieder in den letzten Tagen um neue Formen einer „digitalen Kirche“ bemüht haben. Hier zeigt sich ein Schub an digitaler Kommunikation, der die Verkündigung sicher dauerhaft voranbringen wird.

Ich glaube aber, dass es schon sehr bald nicht mehr unsere erste und größte Sorge sein wird, wenn sonntägliche Gottesdienste nicht mehr stattfinden können. Schaut man auf Italien, das uns (bei allen Unterschieden) in der Pandemie zeitlich voraus ist, dann kommt auf uns eine Anzahl von Todesfällen zu, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht erlebt haben. Folgt man den aktuellen Schätzungen, dass sich etwa 60 bis 70 % der bundesdeutschen Bevölkerung mit dem Virus SARS-CoV-2 infizieren werden, und geht man – bei aller Vorsicht gegenüber Modellen – aufgrund der bisherigen Erfahrungen von einer Sterblichkeit von 0,5 bis 1 % aus, dann werden dies sehr viele Menschen sein, die allein in Deutschland an der Pandemie sterben. Natürlich kann es aus verschiedenen Gründen anders kommen (z. B. Mutationen, erfolgreiche Medikamente) – und auf jeden Fall sollten wir durch unser individuelles und gemeinschaftliches Vorsorgeverhalten auch alles dafür tun, dass es anders kommt. Aber es ist realistisch, sich darauf einstellen, dass wir wohl Zigtausende Menschen im Sterben begleiten und noch viel mehr Menschen in ihrer Trauer stärken müssen. Und das unter extremen Ausnahmebedingungen, die Sterbebegleitung wie Trauerarbeit massiv erschweren werden. Nicht nur die Mediziner/innen, auch die Pfarrer/innen und die in der Hospizarbeit Engagierten gehen auf eine Zeit der Grenzbelastung zu.

Wir sollten daher jetzt unter Pfarrer/innen, Kirchenvorständen und Engagierten in der Hospizarbeit intensiv über Sterbebegleitung und Trauerarbeit in der Pandemiezeit reden – und unsere Kraft konzentriert auf die Vorbereitung dieser Arbeit setzen.

Teil 3 von Dr. Thorsten Latzel
vom 18. März 2020

Seuchen, Pestilenz und Schwarzer Tod

Fünf Dinge, die wir aus früheren Epidemien für den Umgang mit Covid-19 lernen können

Dass es in einer global vernetzten Welt irgendwann zu einer Pandemie kommen würde, ist von Virologen schon lange vorausgesagt worden. Die Frage war nicht, ob, sondern, wann und wie es geschehen würde. Mit Dars-CoV (2002–2003), Vogelgrippe H5N1 (2004–2016), Ebola (2014–2016) und Zika-Virus (2015–2016) gab es auch in der jüngeren Zeit Epidemien in verschiedenen Teilen der Welt. Dennoch ist die Erfahrung einer weltweiten Pandemie mit einem so großen Gefährdungspotenzial für so viele Menschen und mit derart tiefgreifenden sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Folgen eine neue Erfahrung für die große Mehrheit unserer Gesellschaft – wie auch für mich persönlich. Gerade in wirtschaftlich und bildungsmäßig weit entwickelten Ländern herrschte weithin die Überzeugung, dass „Seuchen“ ein Problem früherer Jahrhunderte bzw. unterentwickelter Regionen seien. Angesichts der immensen naturwissenschaftlichen und speziell auch medizinischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte schien die Welt beherrschbar. Pandemien gehörten zum Repertoire von Katastrophenfilmen (z.B. „Outbreak – Lautlose Killer“, 1995; „Pandemic – Tödliche Erreger“, 2007; „Contagion“, 2011) oder Romanen (z.B. Stephen King, „The Stand“, 1978; José Saramago, „Die Stadt der Blinden“, 1995). Für das eigene alltägliche Leben spielten sie weithin keine Rolle. Das war für mich wie für viele andere Menschen bis vor einigen Tagen noch so.

In der Geschichte der Menschheit gehören Seuchen, Pestilenz und „Schwarzer Tod“ aber zu den tief verwurzelten Leidens- und Schreckenserfahrungen. Epidemien und auch Pandemien tauchten in den verschiedenen Jahrhunderten immer wieder auf. Zu den großen Seuchen der Menschheitsgeschichte gehörte etwa die Justinianische Pest, die von 541 bis 544 erstmals ausbrach, danach in periodischen Rhythmen bis 770 in Europa und Vorderasien immer wiederkehrte und als größte Epidemie der Antike zählte. Sie hatte weitreichende sozioökonomische und politische Wirkungen (Schwächung des oströmisch-byzantinischen Reichs) und wird u.a. mit dem Untergang am Ende der Antike verbunden. Oder der „Schwarze Tod“. Mit diesem Namen wird eine der verheerendsten Pestepidemien zwischen 1346 und 1353 bezeichnet, die sich von Asien aus im Zuge des mongolischen Friedens über Handelsrouten verbreitete und der vor allem in Europa etwa 20 bis 25 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Dies war ein Drittel der damaligen Einwohnerschaft des Kontinents, wobei es große regionale Unterschiede gab und vor allem städtische Gebiete stärker betroffen waren.

Oder die „Spanische Grippe“ (1918–1920) am Ende des Ersten Weltkriegs, die mit 25 bis 50 Millionen Toten wohl eine der heftigsten Pandemien überhaupt war. Sie hatte ihren Ursprung in den USA, ihr Name kommt daher, dass in der Presse des neutralen Spaniens am offensten über sie berichtet wurde. Der Krankheitsverlauf war kurz und heftig („morgens krank, abends tot“), atypischer Weise erlagen ihr vor allem Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Besonders viele Soldaten waren von ihr betroffen.

Teil 2 von Dr. Thorsten Latzel
vom 17. März 2020

10 Gebote für die Corona-Zeit

Das Wort „Quarantäne“ geht ursprünglich auf das lateinische Zahlwort quadraginta, „vierzig“, zurück. Es bezeichnete früher die vierzigtägige Isolation, die man im Mittelalter ab dem 14. Jahrhundert zum Schutz vor Pest und Seuchen über Reisende oder Schiffe verhängte – in Aufnahme alter biblischer Reinheitsvorschriften (3 Mos 12,1-8). Noch in den 1960er-Jahren wurden in Deutschland bei Pockenausbrüchen infizierte Menschen zum Teil ohne medizinische Versorgung in Schullandheimen isoliert.

Während der Covid-19-Pandemie erleben wir gerade eine umfassende gesellschaftliche Quarantäne – mitten in der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern. Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir diese Zeit nicht depressiv als „Seuchenopfer“ erleiden, sondern aktiv und kreativ mit ihr umgehen. Und dass es gut ist, wenn die Pandemie das Beste von dem herausholt, was in uns steckt – sodass wir uns im Nachhinein vielleicht einmal über das „Gute im Schlechten“ wundern werden. Dafür kann die Fastenzeit als Zeit des Umdenkens und der Besinnung hilfreich sein. Ein anderes Wort für Quarantäne im 19. Jahrhundert war „Kontumaz“, von lateinisch contumacia, „Trotz“, „Unbeugsamkeit“. Die Corona-Auszeit sollte so eine Zeit sein, in der wir Haltung zeigen. Fromm formuliert: eine gute Mischung aus Nächstenliebe, Gottvertrauen und innerem Rückgrat.

Auf Martin Luther geht der schöne Gedanke zurück, dass ein glaubender Mensch jeden Tag „neue Dekaloge“ entwerfen könne. Deshalb hier ein Versuch.

Teil 1 von Dr. Thorsten Latzel
vom 15. März 2020