Toni Wombacher

Jahreskünstlerin 2026/27

Toni Wombacher ist die zweite Jahreskünstlerin der Evangelischen Akademie Frankfurt. In ihren Arbeiten nutzt sie Stoffe, um die charakteristische Architektur des Akademiegebäudes zu kommentieren und zu verändern. Ausgewählt und eingeladen wurde sie in Kooperation mit der Frankfurter Heussenstamm-Stiftung.

Evangelische Akademie Frankfurt

Fast ein Zuhause

Ein Höchstmaß an Transparenz und Licht – das kennzeichnet das Gebäude der Evangelischen Akademie Frankfurt, seit es vor knapp zehn Jahren vom Architekturbüro Meixner Schlüter Wendt grundlegend umgebaut wurde. Das Haus ist charakterisiert durch eine klare, fast kühle Architektursprache. Gegen diese regt sich nun, durch die raumbezogenen Arbeiten der Künstlerin Toni Wombacher, ein leiser, weicher Widerstand.

Der Rundgang beginnt gleich in der Eingangszone. Ein Hauch von Vorhang empfängt die Eintretenden, fast durchsichtig in seiner lachsfarbenen Zartheit, locker gerafft. Warum hier und in dieser Form? Schutz bietet dieser Vorhang nicht. Anders als die schweren Stoffe, die im Winter vor Kälte schützen, ist er dafür zu dünn. Auch lässt er sich nicht wie ein Store zuziehen, um den Lichteinfall zu dämpfen. Einen Hinweis auf seine Intention gibt der Titel der Arbeit: Tender Touch or Please don’t Go – ein leises Hauchen, das die Gäste beim Verlassen des Gebäudes begleitet.

Ein erster furioser Höhepunkt erwartet uns in der Lounge. Hier umhüllt ein mehrfach geraffter, aus unterschiedlichen Lagen bestehender, wolkiger „Rahmen“ das Fenster – aufgrund seiner raumgreifenden Tiefe mehr Objekt als Vorhang. In auffälligem Kontrast zu den zarten Pastelltönen der Stoffbahnen treten die beiden Raumstützen hervor, gefasst in einem kräftigen Gelbton. Eine, vorsichtig gesagt, gewagte Farbkombination. Room with a View, so der Titel der Installation, verleiht dem Inneren des Raumes eine Aussicht.

Der Weg führt weiter ins erste Obergeschoss der Akademie. Hier empfängt uns ein rötliches Licht, das durch das Fenster im Foyer einfällt. Gegenüber zieht sich ein rosafarbener Vorhang über die gesamte Wandfläche und verwandelt den Raum in ein geheimnisvoll anmutendes Boudoir. Was sich wohl hinter dem Vorhang verbirgt? Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass es sich um eine Fototapete handelt – hinter der sich jedoch tatsächlich Funktionsräume befinden.

Stoffe sind das bevorzugte Material der konzeptuell wie ortsspezifisch arbeitenden Künstlerin. Eingefärbt oder vorgefunden, aufgezogen auf Bilderrahmen oder gerafft im Raum drapiert, werden sie zu objekthaften Malereien.

Toni Wombacher spielt mit unserer Wahrnehmung, mit gesellschaftlichen Zuschreibungen und mit der Kunstgeschichte. So verweist der Titel der Vorhangtapete auf eine Arbeit von Thomas Demand aus der Sammlung des Frankfurter Städel Museums. Doch während Demand dreidimensionale Modelle baut, die anschließend abfotografiert werden, diente Wombacher ein frei zugängliches, im Internet gefundenes Bild als Grundlage, das sie weiterbearbeitete.

Auch die von der Künstlerin häufig verwendeten gestreiften Stoffe und Materialien – zu finden im obersten Stockwerk, vor und im Panoramasaal sowie implizit in den Falten des Vorhangs angelegt – lassen sich kunsthistorisch verorten. Streifen, horizontale und vertikale Linien bilden ein Hauptmotiv der Minimal Art, etwa in den plastischen Werken von Donald Judd und Carl Andre oder in den Malereien von Frank Stella und Sean Scully. Als einfachste geometrische Formen verweisen diese Linien und Flächen auf ein Koordinatensystem, mit dem sich der Mensch in der Welt orientiert.

Immer wieder begegnen uns Streifen: reliefhaft als Wellenbewegung des Stoffes oder zweidimensional als Bild. In den Seminarräumen ebenso wie vor und im Panoramasaal drängen sich Assoziationen an Markisen auf – oder, für Kunstbegeisterte, an Arbeiten von Daniel Buren. Anders als bei Buren jedoch streben Toni Wombachers Arbeiten nicht nach der perfekten Form. Im Gegenteil: Das Unperfekte der Stoffe, bewusst gewählte Shaped-Canvas-Formen und das Sichtbarwerden der Konstruktion aus einfachsten Materialien gehören zu ihrer ästhetischen Qualität.

Die Arbeiten widersetzen sich gängigen Vorstellungen von Harmonie durch bewusst gesetzte Brüche. Sie bleiben merkwürdige Fremdkörper im Raum und ziehen uns durch ihre Beschaffenheit gleichwohl an. Im Fokus ihres Interesses steht, dem „Anderen“ Ausdruck zu geben. Explizit bezieht die Künstlerin sich dabei nicht nur auf die äußere Form, sondern zielt auf das gesellschaftlich Marginalisierte.

Ganz oben unter dem Dach wartet schließlich eine besondere Entdeckung. Durch die von Wombacher angebrachten gelben Folien fällt ein warmes, gelbliches Licht in den Panoramasaal. Ein weiterer „Tender Touch“ umfängt uns, und ein wohliges Gefühl stellt sich ein. Fast so, als wäre man zu Hause.

Christian Kaufmann
Geschäftsführer Heussenstamm-Stiftung

und Kurator der Ausstellung

Stoffe sind das bevorzugte Material der Künstlerin. Eingefärbt oder vorgefunden, aufgezogen auf Bilderrahmen oder gerafft im Raum drapiert, werden sie zu objekthaften Malereien.

Evangelische Akademie Frankfurt
Evangelische Akademie Frankfurt
Evangelische Akademie Frankfurt

Die Arbeiten widersetzen sich gängigen Vorstellungen von Harmonie durch bewusst gesetzte Brüche. Sie bleiben merkwürdige Fremdkörper im Raum und ziehen uns durch ihre Beschaffenheit gleichwohl an.

Über die Künstlerin

Toni Wombacher, geboren 1968 in Aschaffenburg, studierte Kommunikations­wissenschaften in Nürnberg. Nach längerer Arbeit im Bereich Grafikdesign besuchte sie Kunstkurse, Akademien und Workshops an der Erwachsenenbildung der Städelschule in Frankfurt. 2016 gewann sie den Kunstpreis für Malerei der Stadt Marktheidenfeld; 2018 verbrachte sie einen Arbeitsaufenthalt an der Art Students League in New York, wo sie der Mixed-Media-Klasse von Bruce Dorfman angehörte. Toni Wombacher stellt ihre Arbeiten im In- und Ausland aus. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt.

Über den Kooperationspartner

Die 1914 gegründete Heussenstamm-Stiftung setzt sich seit mehr als 70 Jahren für die Förderung von Kunstschaffenden in der Rhein-Main-Region ein. In ihrem „Raum für Kunst und Stadt“ in der Braubachstraße 34 laufen meist zwei Ausstellungen parallel. Ihrem selbst gestellten Auftrag folgend, sich darüber hinaus auch an andere städtische Orte zu begeben, die sich kommerziell nicht vereinnahmen lassen und der Kunst einen Freiraum ermöglichen, kooperiert die Stiftung mit verschiedenen Partnern und Initiativen. Geschäftsführer und künstlerischer Leiter ist der Kurator und Kunsttheoretiker Christian Kaufmann.